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Klassen ohne Kampf, Kampf ohne Klassen / Von Professor Dr. Ralf Dahrendorf
Der britische Premierminister Macmillan beschrieb das Lebensgefühl seines
Volkes im Jahr 1957 mit den Worten: "We have never had it so good." (Es ist uns
noch nie so gut gegangen.) Wenn das in den fünfziger Jahren richtig war, um
wieviel mehr gilt es ein halbes Jahrhundert später.
Ob wir glücklicher sind als unsere Eltern und Großeltern, ist eine andere, eher
persönliche als soziale Frage. Aber daß unser Lebensstandard höher ist als je
zuvor, steht außer Zweifel. Auch das, was Ökonomen Wohlfahrt, ja Wohlbefinden
("well-being") nennen, hat bislang ungeahnte Höhen erreicht. Sogar unsere
Lebenschancen sind größer als die früherer Generationen.
Doch wer sind die "wir", denen es so gut geht? Sie sind sicher nicht alle
Menschen auf der Welt. Die Globalisierung unserer Perspektiven hat weit hin
bewußt gemacht, daß großer Reichtum und tiefe Armut ganz nahe beieinander
wohnen. In Afghanistan hat das reichste Land der Welt gegen das Regime eines
der ärmsten Länder Krieg geführt. Das mag kein Argument gegen die militärische
Bekämpfung des Terrorismus sein. Aber es stimmt nachdenklich, wenn die einen
ohne jede Einbuße an Wohlstand in einer Woche an tödlichem Bombardement
entfalten können, was die anderen in einem Jahr nicht verdienen können.
Das Institut für Wirtschaftsforschung der UN-Universität kommt zu dem Schluß,
daß 1,2 Milliarden Menschen - ein Fünftel der Weltbevölkerung - in Armut leben.
Der Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen hat die Halbierung dieser Zahl bis
2015 zum Programm erhoben; aber das Wirtschaftsinstitut sieht gegenwärtig eher
das Gegenteil, ein weiteres Ansteigen. Was ist der Grund? Ist wachsende
Ungleichheit unvermeidbar in einer von technologischem Wandel und
Globalisierung beherrschten Welt? Das UN-Wirtschaftsinstitut verneint die Frage
und verweist auf Länder mit geringer Ungleichheit und hohem Wachstum wie Kanada
und Taiwan. Das sind indes Ausnahmen. In der Tat, um die zugrundeliegenden
Prozesse - und daher die folgerichtigen Konflikte - zu verstehen, sind wir gut
beraten, mit den Reichen, also den Ländern in der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), zu beginnen.
Die Tatsachen stehen außer Zweifel; Adair Turner formuliert sie im Jahr 2000
mit der Vorsicht und Genauigkeit des Ökonomen: "Die letzten 25 Jahre haben in
der Tat in fast allen entwickelten Gesellschaften entweder (wo die
Arbeitsmärkte ziemlich frei sind) eine starke Tendenz zu wachsender
Ungleichheit oder (wo Arbeitsmärkte inflexibel sind) ein massives Anwachsen der
Arbeitslosenrate bei Niedrigqualifizierten hervorgebracht." Die Vereinigten
Staaten von Amerika und Großbritannien gehören in die erste Kategorie und
zeigen daher besonders dramatische Entwicklungen. Schon in den achtziger Jahren
stieg in den Vereinigten Staaten das Realeinkommen der ein Prozent
Spitzenverdiener um mehr als hundert Prozent, während das der unteren zwanzig
Prozent der Einkommensbezieher um zehn Prozent fiel. Die Armen wurden ärmer,
während die Reichen zu Superreichen avancierten.
Daß es sich hier nicht einfach um die Fortschreibung historischer Entwicklungen
handelt, wird klar, wenn wir uns die neuen Reichen genauer ansehen. Von den 500
Spitzenverdienern des Jahres 2000 in Großbritannien waren 181, also 36 Prozent,
im Showgeschäft, im Sport oder in den Medien tätig. Solche populären
Berühmtheiten sind möglicherweise Reiche auf Zeit. Und die anderen? Nur acht
unter den 500, einschließlich der Königin, lassen sich zum alten Establishment
zählen. 152, also dreißig Prozent, haben ihr Geld mit new economy wie
Finanzdienstleistungen oder Telekommunikation verdient. Wer weiß, wie haltbar
ihr Reichtum ist? Solange er dauert, gilt indes, daß die neuen Reichen zwar
eine prägende Wirkung für die vorherrschenden Werte der Gesellschaft haben,
aber ihrerseits "abgekoppelt sind von der gemeinsamen Kultur der Gesellschaft"
(wie Raymond Plant es formuliert).
Und die Armen? Hier ist der Begriff der "relativen Armut" nicht hilfreich. Daß
Menschen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens ihres Landes zur
Verfügung haben, ist nicht notwendig ein soziales Problem, zumal es nach diesem
Maßstab per definitionem immer Arme gibt. Eine britische Untersuchung gibt
Hinweise, die schon nachdenklicher stimmen. 25 Prozent aller erwachsenen Briten
haben keinerlei Ersparnisse. 14 Prozent sind nicht in der Lage, ihre Wohnung in
einem anständigen Zustand zu erhalten. Zum Reisen, auch zu Verwandten in nicht
zu großer Ferne, fehlt zwanzig Prozent das Geld. Fünf Prozent haben keine
Kleidung für kaltes oder schlechtes Wetter. Zehn Prozent können nicht für ein
Glas Bier ins Gasthaus gehen. So entsteht das Bild des "sozialen Ausschlusses",
das heute die Reformdebatte beherrscht.
Diese knappen Hinweise können nicht viel beweisen; sie illustrieren aber die
Ausgangsthese. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse, die gerne
unter dem Stichwort der Globalisierung beschrieben werden, kennen offenkundig
Gewinner und Verlierer. In fast allen OECD-Ländern haben sie zu wachsenden
Ungleichheiten des Einkommens geführt. Im günstigen Fall bedeuten diese, daß
das Einkommen der unteren Gruppen stagniert, während das der höheren Gruppen
beträchtlich wächst; im dramatischeren Fall weisen die Entwicklungslinien nicht
nur auseinander, sondern für die oberen und die unteren zehn, ja zwanzig
Prozent in entgegengesetzte Richtungen. Während die Reichen (viel) reicher
werden, werden die Armen ärmer. Ist das eine zuträgliche Situation, oder ist es
die Quelle von Konflikten, und bedroht es die Freiheit?
Das sind genaugenommen zwei Fragen. Die eine ist: Können wir die neue
Ungleichheit hinnehmen? Die andere ist: Wird die neue Ungleichheit zur Quelle
neuer Konflikte werden? Um mit der Ungleichheit zu beginnen und hier mit den
Superreichen: Die Zeitung "Sunday Times", deren britische Liste ich zitiert
habe, veröffentlicht auch eine Liste der kontinentaleuropäischen Großverdiener.
Hier sind die zwölf führenden Multimillionäre des Jahres 2000: Giorgio Armani,
Michael Schumacher, Julio Iglesias, Luciano Pavarotti, José Carreras, Placido
Domingo, Rik Smits, Martina Hingis, Thomas Gottschalk, Ralf Schumacher, Anna
Kurnikowa, Claudia Schiffer. Was ist dazu zu sagen? Ist ihr Reichtum für uns
übrige unerträglich? Ich denke nicht. Sollten sie daran gehindert werden, so
viel zu verdienen? Ich nehme an, sie zahlen mehr oder minder ordnungsgemäß ihre
Steuern. Ist sonst etwas einzuwenden? Man kann sich fragen, ob eine
Gesellschaft, in der der Ton von den teuren Tenören, den sportlichen jungen
Damen und den schnellen Jungs angegeben wird, das Ideal einer guten
Gesellschaft ist - aber wer darf sich da zum Richter aufspielen?
Die Establishment-Milliardäre - die königliche Familie, die Medienzaren, die
alten Bankiers - werfen schwierigere Fragen auf. Denn ihr Reichtum stiftet
Abhängigkeiten, die sich demokratischer Kontrolle entziehen. Meine Grundthese
zur Ungleichheit ist denn auch: Ungleichheiten sind erträglich, wenn und
solange sie nicht die Gewinner in die Lage versetzen, andere an der vollen
Teilnahme zu hindern, oder aber, im Fall der Armut, Menschen daran hindern, von
ihren Bürgerrechten Gebrauch zu machen. Das läßt viel Raum für Unterschiede des
Wohlstandes, aber keinen für den Medienzar als Premierminister und auch keinen
für sozialen Ausschluß durch Armut.
Wie steht es mit den durch Ungleichheit geschaffenen neuen Konflikten? Die
Annahme ist verbreitet, daß wachsende Ungleichheit zu dem Punkt führen kann, ja
muß, an dem die Armen sich gegen die Reichen erheben. Dann beginnt eine
Wiederholung der großen Konflikte - der Klassenkämpfe - des 19. und 20.
Jahrhunderts. Am Ende des Prozesses steht, wenn schon nicht die Revolution, so
doch die große Umverteilung.
So plausibel diese Annahme auf den ersten Blick scheinen mag, tatsächlich ist
an ihr so ziemlich alles falsch. Der Klassenkampf der Vergangenheit stellte
nicht die Ärmsten gegen die Reichsten, sondern die zur Erzeugung des Reichtums
unentbehrlichen Arbeiter gegen die Hauptnutznießer des Wachstums. Er war auch
nicht am heftigsten, als die Armut am größten war, sondern als die Dinge sich
zu bessern begannen. Der Klassenkampf führte nicht zur Revolution, sondern zur
schrittweisen Verbesserung der Lebenslage der Benachteiligten. Am Ende verlor
der Klassenkampf seine Grundlage, die ineinander verbissenen Klassen
selbst.
Diese Konflikte von gestern waren die große Bewährungsprobe der Verfassung der
Freiheit, insbesondere der parlamentarischen Demokratie. Wo diese gefestigt
war, hat auch die große Wirtschaftskrise von 1929 den Prozeß der Umverteilung
nicht aufgehalten. [] die Frage, ob ein neuer Klassenkampf an die Stelle des
alten getreten ist oder demnächst treten wird.
Wenn von Armut heute die Rede ist, dann stellt sich bald ein Begriff ein, der
zumindest eine Zeitlang in Mode war, nämlich der der Unterklasse. Er beschreibt
die am schlechtesten Gestellten in den OECD-Ländern, also die fünf, vielleicht
auch zehn Prozent, die nach allen Kriterien arm sind. William Julius Wilson,
der amerikanische Soziologe, der den Begriff eingeführt hat, hat ihn auch
wieder verworfen. Es handelt sich eben nicht um eine Klasse, also eine
potentiell organisierte soziale Kraft, sondern um eine Menge ohne klare
Gestalt. Wilson spricht jetzt von den "truly disadvantaged", den "wahrhaft
Benachteiligten". Andere betonen den Aspekt des "sozialen Ausschlusses", also
des Fehlens, vielleicht der Unmöglichkeit der Teilnahme am gesellschaftlichen
Prozeß: Ausschluß von angemessenem Einkommen und Lebensunterhalt. Auch diese
Definition läßt Fragen offen: Sind Arbeitslose auch dann sozial ausgeschlossen,
wenn sie sich ihr Arbeitslosengeld nach Mallorca überweisen lassen? Sind die
Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung allesamt ausgeschlossen?
Richtig bleibt indes, daß es in den OECD-Ländern heute eine beträchtliche
Kategorie nicht nur von Verlierern, sondern von Verlorenen gibt, von Menschen,
die nicht glauben, daß Supermärkte oder politische Wahlen, Bürgerinitiativen
oder öffentliche Feste auch für sie da sind. Sie leben zwar in der
Gesellschaft, gehören aber nicht dazu.
Diese zehn Prozent stellen unzweifelhaft ein soziales Problem dar. Keine
Gesellschaft kann es sich leisten, zehn Prozent von ihren Chancen
auszuschließen, ohne moralisch Schaden zu nehmen. Die Unterklasse ist keine
ökonomische Bedrohung; es gibt die Tätigkeiten nicht, die ihre Mitglieder
ausüben könnten zum Nutzen des Ganzen. Die Unterklasse ist auch keine direkte
physische Bedrohung in dem Sinn, daß sie sich organisieren und den Marsch auf
den Reichstag oder das Parlament von Westminster antreten wird. Die Unterklasse
ist eine moralische Anklage der anderen, die es mehr oder minder geschafft
haben. Dasselbe gilt analog auch für die ärmsten der armen Länder in der Welt:
Wenn wir in zivilisierten Gemeinwesen leben wollen, dann müssen wir tun, was
wir können, um die Ausgeschlossenen hereinzuholen in die Chancenwelt des
sozialen Lebens.
Was immer W. J. Wilson bewogen haben mag, den Begriff der Unterklasse
fallenzulassen, einen guten Grund dafür gibt es jedenfalls: Es handelt sich
nicht um eine Klasse im strengen Sinn. Klassen sind soziale Gruppierungen, die
sich zur Vertretung ihrer Interessen organisieren können und das in aller Regel
auch tun. Die sozial Ausgeschlossenen sind eher apathisch als aktiv; sie
erleben ihre Lage als Schicksal, und zwar als individuelles, nicht als
kollektives Schicksal, dem sie daher auch nur individuell - zum Beispiel durch
einen Lotteriegewinn -, nicht kollektiv entkommen können.
Und noch in einem anderen Sinn sind sie keine benachteiligte, unterdrückte
Klasse: Ihnen fehlt die Hoffnung auf Erfolg. Bewußt habe ich vom Lotteriegewinn
gesprochen, von dem manche der Ausgeschlossenen träumen. Nur ein überraschender
Glücksfall kann ihnen helfen, eine Art göttlicher Intervention, jedenfalls
nichts, was sie selbst mit Aussicht auf Erfolg anfangen könnten. Hier liegt der
entscheidende Unterschied zum historischen Klassenkampf: Die Forderungen der
organisierten Arbeiterbewegung hatten Aussicht auf Erfolg. Der Moment der
äußersten Armut - des völligen Ausschlusses - ist auch der Moment der Apathie;
erst wenn ein Schimmer der Hoffnung ins Dunkel fällt, beginnt der soziale
Konflikt.
Nun ist der soziale Ausschluß nicht das einzige Zeugnis dafür, daß die neuen
Produktivkräfte der Globalisierung Verlierer auf der Strecke lassen. Die
Gewinner - ich habe sie gelegentlich die globale Klasse genannt - sind nur eine
verhältnismäßig kleine Gruppe, nicht viel größer als die Unterklasse am anderen
Ende der Skala des Erfolgs. Sie haben einen Schweif von Helfern und
Nutznießern, der von Computertechnikern bis zu Hausangestellten reicht und
private Sicherheitspolizisten ebenso einschließt wie den Kapitän der Luxusyacht
und den Verwalter des Ferienpalastes an irgendeinem schönen Ort der Welt. Wenn
das alles zusammengezählt wird, ergibt sich eine beträchtliche Schicht von
Globalisierungsgewinnern.
Neben ihnen bleibt jedoch eine eher noch größere Schicht derer, die zwar eine
halbwegs erträgliche Existenz haben, aber von den neuen Möglichkeiten des
Wohlstandes nicht viel mitbekommen haben. Sie sind in gewissem Sinn die
eigentlich Zukurzgekommenen. Im Prinzip könnten sie zu Motoren des Wandels, zur
treibenden Klasse der Veränderung werden. Sie sind dies jedoch nicht.
Jedenfalls gibt es keine Anzeichen für die Organisation der im globalen Rennen
Zukurzgekommenen.
Vielleicht sollte ich sagen: Es gibt keine Zeichen der ständigen, auf lange
Frist angelegten Organisation. In gewisser Weise sind nämlich die "Leute von
Seattle", die sogenannten "Globalisierungsgegner", im Hinblick auf bestimmte
Situationen organisierte Verlierer oder, genauer, Nichtgewinner. Doch wie
kräftig auch immer ihre Internet-Netzwerke scheinen mögen, ihre Aktivitäten
bleiben situationsbezogen, ohne langen Atem, ja im Grunde auch ohne nachhaltige
Interessenlage und durch Interessen geprägte Zielsetzung.
Ein Konfliktpotential ist also da; aber es findet seinen Ausdruck nicht in
einer großen Bewegung gegen Globalmacht. Wie sollte man eine solche Bewegung
auch beschreiben? Eine Lokalbewegung? Eine Nationalbewegung? Eine
Sozialbewegung? Ein paar Elemente, die an zweifelhafte Bewegungen vor einem
Jahrhundert erinnern, gibt es da schon. Es lohnt sich, Fritz Sterns Buch
"Kulturpessimismus als politische Gefahr" zu lesen. Er zeigt die Ahnenreihe
auf, die von Moeller van den Brucks romantischer Vision "Das Dritte Reich" zu
dessen weit weniger romantischer Inkarnation im "Dritten Reich" führt. Latent
liegt in der hier geschilderten Situation die Gefahr des Faschismus.
Im Vordergrund stehen jedoch andere Entwicklungen, darunter vor allem eine, die
ich die Individualisierung des Konflikts nenne. Wir haben uns vielleicht zu
sehr daran gewöhnt, bei sozialen Konflikten immer gleich an Gewerkschaften und
sozialistische Parteien zu denken. Tatsächlich treten diese jedoch erst auf den
Plan, wenn es vielen einzelnen gleichzeitig unmöglich ist, ihre Hoffnungen
durch eigene Anstrengung zu befriedigen. Die erste Reaktion auf unerfüllte
Wünsche ist ja nicht, eine Organisation zu gründen, sondern selbst etwas zu
tun. Offene Gesellschaften bieten dafür jede Chance und jeden Anreiz;
Lebenschancen sind ihr Inbegriff, und deren Wahrnehmung ist ihre tägliche
Realität.
Das klingt optimistisch und soll es auch sein. Es ist aber nur ein Teil der
Wirklichkeit. Individuelle soziale Mobilität ist ein Ausdruck sozialer
Konfliktenergien. Werner Sombart hat das in einer kleinen Schrift mit dem
vielsagenden Titel betont: "Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen
Sozialismus?" Seine Antwort war: weil es die "unbegrenzten Möglichkeiten", die
"offene Grenze", also die Chance für jeden und jede gibt, das eigene Los zu
verbessern. Ob das immer und für alle - gerade auch für Frauen - stimmte, mag
dahingestellt bleiben; es war zumindest die vorherrschende Ideologie, und sie
ließ Menschen mehr auf die eigene Faust als auf das kollektive Fäusteschütteln
der Arbeiterbewegung vertrauen. Zweifellos ist eine Variante dieser Haltung
heute für viele OECD-Länder kennzeichnend.
Schnelles Geld - wenngleich nicht schneller Ruhm - läßt sich indes auch auf
andere Weise machen als durch Arbeit. Die Individualisierung des Konflikts -
der soziale Konflikt ohne Klassen - hat eine andere, mißlichere Seite. Sie ist
das Verbrechen. Die Welt ohne Halt ist eine Welt ohne Ligaturen, Bindungen, die
den einzelnen halten; damit werden Recht und Ordnung zum Problem. Die
erschlaffende Arbeitsgesellschaft läßt viele, vor allem junge Männer, draußen
vor der Tür; sie finden jedenfalls keine Tätigkeiten, denen sie einen Sinn
abgewinnen können. So sind die Voraussetzungen nur allzu günstig für eine
Lebensweise am Rande und zunehmend jenseits der Ordnung von Recht und Gesetz.
Auch das Verbrechen ist eine Form der Individualisierung sozialer
Konflikte.
Dabei ist die Skala sehr viel weiter, als das einfache Wort "Verbrechen"
nahelegt. Das Kleinverbrechen - Handtaschenraub, Taschendiebstahl, Autound
Wohnungseinbrüche - ist oft besonders lästig für die Betroffenen, erlaubt den
Tätern aber nur eine bescheidene Existenz. Es führt daher nicht selten zur
Bildung von Banden und damit zu ambitiöseren Unternehmungen wie Bankraub. Zwei
Vokabeln stellen sich dann alsbald ein, die in unserer Zeit maßgebend sind für
diese Ausdrucksformen des Konflikts: Rauschgift und Mafia. Die
Rauschgiftökonomie ist zu einer parallelen Weltwirtschaft mit Verästelungen in
jeder Kleinstadt geworden. Teils in ihrem Zusammenhang, teils auch jenseits der
Rauschgiftwirtschaft ist eine parallele globale Klasse entstanden, die der
Mafiosi. Das ist nicht eine kohärente, gar organisierte weltweite Klasse; im
Gegenteil sind mörderische Konflikte um Einflußsphären unter mafiosen Gruppen
die Regel. Gemeinsam haben sie alle nur die Fähigkeit, private Macht an die
Stelle staatlicher, also legitimer Herrschaft zu setzen und diese in
wirtschaftlichen Gewinn umzumünzen.
Rauschgift und Mafia haben etwas zu tun mit zwei weiteren Erscheinungsformen
des Konflikts ohne Klassen. Das ist einmal das opting out, also die Bekämpfung
der herrschenden Dinge durch ihre Leugnung. Man verläßt die Gesellschaft, die
man nicht mag, jedenfalls im Geiste. Der Rauschgiftgebrauch ist noch die
harmlosere Version dieses Lebensgefühls; man verläßt die Gesellschaft auf Zeit,
für ein paar Stunden, die allerdings bei häufiger Wiederholung das Leben selbst
in Frage stellen. Von vornherein weniger harmlos ist das organisierte opting
out, vor allem durch Mitgliedschaft in einschließenden Organisationen, "totalen
Institutionen". Jonestown kommt einem in den Sinn, also der kollektive
Selbstmord der 900 Anhänger des Reverend Jones in Guayana im November 1978.
Von hier ist es nur noch ein Schritt zu dem zweiten Phänomen, dem Terrorismus.
Damit meine ich vor allem einen Terrorismus, der seiner Natur nach auf den
Märtyrertod angelegt ist. Andreas Baader und Ulrike Meinhof konnten ebensowenig
hoffen, die deutsche Bundesregierung zu stürzen wie Usama Bin Ladin die
amerikanische Regierung. Beide aber regten die Phantasie derer an, die
grundsätzlich "dagegen" sind und sich so wenig eingebunden fühlen in ihre
weitere Lebensumwelt, daß sie dem unmittelbaren Verband das Leben zu opfern
bereit sind.
Die Geschichte des sogenannten "Schuhbombers" Richard Reid gibt ein
eindringliches Beispiel. In Südlondon als Sohn einer englischen Mutter und
eines jamaikanischen Vaters geboren, verfiel er schon vor Abschluß der Schule
dem haltlosen Straßenleben. Nach mehreren Verwarnungen kam er wegen schweren
Diebstahls ins Gefängnis. Dort griffen aktive Muslime ihm unter die Arme; sie
gehören zu den wenigen, die Strafgefangenen zu einer Art von Resozialisierung
verhelfen. Eine Zeitlang nach seiner Entlassung war er gläubiges und durchaus
anerkanntes Mitglied seiner Moschee in Brixton. Dann bemerkten seine
Glaubensgenossen, daß er abrutschte in die Radikalität. Reid mahnte sie, mehr
gegen die herrschenden Gewalten zu tun. Eines Tages verschwand er; wie wir
heute wissen, fand er Förderer bei Al Qaida, die ihm Reisen in den Nahen Osten
ermöglichten. Und dann kam der Tag, an dem er mit zündbereitem Sprengstoff in
den Schuhen gerade noch rechtzeitig in einer "American Airlines"-Maschine von
Passagieren überwältigt wurde.
Früh schon nach dem 11. September 2001 haben diejenigen, die dem Terrorismus
den Kampf angesagt haben, gewußt, daß dies ein langwieriger und schwieriger
Kampf wird. Es gibt keine klaren Gegner, die ihre Truppen aufmarschieren lassen
oder selbst ihre Luftabwehr mobilisieren. Der Konflikt ist vielmehr diffus und
daher allgegenwärtig. In gewisser Weise ist das das Grundmerkmal des modernen
sozialen Konflikts überhaupt. Wie einfach war doch der Klassenkampf, verglichen
mit den individualisierten, unberechenbaren, für lange Zeit unsichtbaren
Ausdrucksformen der Opposition gegen herrschende Gewalten in der globalisierten
Welt! Gewerkschaften und Unternehmerverbände in Tarifauseinandersetzungen,
Parteien der Veränderung und der Bewahrung im parlamentarischen Kampf; das ist
geradezu idyllisch, verglichen mit Terrorismus, Mafiamacht, dem kleinen und
großen Verbrechen.
Zukurzgekommene gibt es nicht nur in den entwickelten Ländern der Welt; es gibt
auch ganze Nationen, ja Regionen, die sich mit diesem Begriff beschreiben
lassen. Auch hier gilt überdies, daß die Schere der Ungleichheit sich in den
vergangenen Jahrzehnten geöffnet hat; Unterschiede des Volkswohlstandes sind
größer, nicht kleiner geworden. Zwar ist die Zweite Welt, die der
kommunistischen Länder, weitgehend verschwunden, aber die Dritte Welt ist
geblieben und, wenn man an Afrika südlich der Sahara denkt, auch so etwas wie
eine Vierte Welt der verlorenen Hoffnung.
Zugleich haben die Symbole der Ersten Welt - viele würden sagen: Amerikas -
sich über den ganzen Globus ausgebreitet und mit ihnen Erwartungen, diese im
eigenen Leben zu genießen. Usama Bin Ladin gibt seine Anordnungen mit Hilfe von
raffinierten Videokameras; Tansania kauft ein hochentwickeltes militärisches
Radarsystem für seine 30 Flugzeuge; McDonald's ist ohnehin überall. Einstweilen
mögen das noch Inseln des Reichtums in einem Meer von Armut sein; aber die
Menschen, die diese sehen, wollen alles, und sie wollen es jetzt oder
jedenfalls bald, in naher Zukunft. Das indes ist nicht zu schaffen oder
allenfalls durch windfalls, durch jene Lotteriegewinne, an die die Armen
überall ihre Hoffnung heften.
Freilich kommen Lotteriegewinne vor. Die Golf-Staaten mit ihrem Öl sind das
international auffälligste Beispiel. Wer kein Öl hat, versucht es heute
vielfach mit Rauschgift. Kolumbien und Burma und wohl auch Afghanistan finden
in der Herstellung von Rohopium und im Handel damit die wichtigste
Einkommensquelle. Da unterscheiden sich Staaten also nicht von Individuen, und
Abhilfe ist ebenso schwer zu finden.
Wo der schnelle Reichtum der Rauschgifte nicht verfügbar ist, hat die
Globalisierung ein anderes Ventil für latente Konflikte gefunden, die
Auswanderung. Warum zwei Generationen lang zu Hause sparen und arbeiten, wenn
man das Ergebnis (vielleicht) schon morgen in Vancouver oder London haben kann?
Das weltweite Gegenstück zur sozialen Mobilität im inneren von Gesellschaften
ist die Migration. Sie löst Konflikte in den Herkunftsländern und schafft neue
in den Zielländern.
Die Analogie zwischen inneren und äußeren Konflikten läßt sich weiterführen.
Ein opting out aus der Weltgemeinschaft gibt es wohl kaum noch; Nordkorea steht
fast schon alleine da. Wohl aber gibt es den Terrorismus als postmoderne Form
der Kriegführung. Nirgends ist die Konfrontation von alten und neuen Konflikten
so augenfällig wie im Nahen Osten: Israel hat sich seinen Wohlstand auf
klassische Weise erarbeitet, mit Hilfe von außen zwar, aber vor allem mit der
Bereitschaft der Bürger, zu lernen und zuzupacken. Die Palästinenser sind statt
dessen in einer Art permanenter Wartestellung geblieben. Einige haben es in
Israel zu einem gewissen Wohlstand gebracht, aber die große Mehrzahl gehört zu
den Zukurzgekommenen der Welt. Im Unterschied zu 1948, als es um Israels
Überleben ging, und 1967, als eine haltbare territoriale Lösung die
Auseinandersetzung auslöste, ist die zweite Intifada zu einer Art
Stellvertreterkrieg geworden, der die hier geschilderte Problematik blutig
dokumentiert: Israel steht für die Gewinner, vor allem für Amerika, die
Palästinenser für die Verlierer, vor allem für Muslime in aller Welt; hier gibt
es eine disziplinierte Armee und einen demokratischen Staat, dort
Selbstmordterroristen und korrupte persönliche Macht.
Blicken wir noch einmal zurück auf die OECD-Länder und die großen Fragen der
Ungleichheit mit ihren Folgen für neuartige soziale Konflikte. Was die
Ungleichheit betrifft, so sind die Prinzipien einer Politik der Freiheit
einfach: Ungleichheit ist dann erträglich, ja ein Anreiz zur Erhöhung von
Lebenschancen, wenn es ein garantiertes Grundniveau für alle gibt und wenn
niemand seinen Reichtum dazu nutzen kann, die Teilnahmechancen anderer zu
beschneiden. In der Praxis verlangen diese Prinzipien allerdings weitere
Entfaltung. Der Grundstatus für alle ist zu definieren, wozu die Diskussion
über ein Bürgereinkommen - ein garantiertes Grundeinkommen - wichtige Beiträge
geleistet hat. Am anderen Ende sind nicht nur und vielleicht nicht einmal
primär Steuern zu bedenken, sondern es geht um das Verhältnis von
wirtschaftlicher und politischer Macht, also die Trennung der Sphären des
Einflusses auf die Lebenschancen anderer.
Wenn wir zu den Konflikten kommen, wird deutlich, daß es in der Welt von morgen
nicht mehr allein um deren institutionelle Einhegung geht. Parlamentarische
Institutionen und runde Tische helfen jedenfalls nicht immer und oft nicht auf
Dauer. Vielmehr ist es unweigerlich nötig, gewisse Regeln zu etablieren, an die
sich alle zu halten haben, Regeln des Rechts, the rule of law.
Ich habe lange ein gewisses Unbehagen verspürt bei der Lektüre des letzten
Satzes im ersten Band von Karl Poppers "Offener Gesellschaft". Wir müssen, sagt
er dort, beim Gang ins Ungewisse unsere Vernunft benutzen, "to plan for both
security and freedom". Eine der deutschen Übersetzungen macht die Sache noch
schlimmer, indem sie uns planen läßt "nicht nur für Sicherheit, sondern auch
für Freiheit". Ich denke schon, daß es Popper vor allem um die Freiheit ging,
aber der Nazi-Verfolgte und Emigrant in Neuseeland mitten im Krieg hatte auch
einen besonderen Sinn für Sicherheit, äußere Sicherheit, innere Sicherheit,
vielleicht sogar in gewissem Maß soziale Sicherheit.
Heute verstehe ich die Formulierung "Sicherheit und Freiheit" besser. Dies
allerdings würde ich ihr (vor allem im Hinblick auf die innere Sicherheit) noch
hinzufügen: Sicherheit in Freiheit. Die rechtlichen Regelungen, die die
Voraussetzung dafür schaffen, daß wir in Freiheit leben können, dürfen nicht
selbst die Freiheit gefährden. Das ist eine Frage des abwägenden Urteils. Hier
liegt eine der entscheidenden Aufgaben, die Parlamenten noch verbleiben.
Solche Andeutungen von Grundsätzen verweisen schon auf das schwierigste Thema
der Freiheit angesichts der neuen Ungleichheit und der modernen Ausdrucksformen
sozialer Konflikte. Institutionen zu schaffen war eine meiner Empfehlungen
angesichts der Thematik von Recht und Ordnung. Noch eine Stufe allgemeiner
gesagt: Wir brauchen die Stärkung des Sinns für die Dauerhaftigkeit unseres
Tuns. Die große Frage ist aber, wie wir haltbare, nachhaltige Strukturen in
dieser Welt ohne Halt schaffen können. Selbst Strukturen sozialer Konflikte
sind der punktuellen Erfahrung noch vorzuziehen. Der Wert dessen, was von Dauer
ist, bedarf der Wiederbelebung. Das ist mit gebotener Vorsicht zu verstehen.
Nicht alles, was alt ist, verdient darum Dauer. Andererseits ist das blinde
Verwerfen des Alten ebenso falsch. Daß die große Literatur unserer Kultur im
wesentlichen von "toten weißen Männern" stammt - und wir uns daher den Werken
von "lebenden farbigen Frauen" zuwenden sollen -, ist eine eher läppische
Empfehlung, auch wenn man zugesteht, daß Dauer nicht verwechselt werden darf
mit traditionellen Herrschaftsansprüchen.
Wer in wenigen Monaten ein großes Zelt errichtet und es "Dom" nennt, hat darum
noch keine Kathedrale gebaut, und vielleicht brauchen wir ein paar neue
Kathedralen. Das ist keine sehr klare Antwort auf eine große Frage, aber
vielleicht ein Richtungshinweis. Wir reden so gerne von Nachhaltigkeit im
Hinblick auf unsere natürliche Umwelt: Auch unsere soziale Welt braucht indes
Nachhaltigkeit, weil nur auf ihr eine Freiheit blühen kann, die mehr ist als
ein Wochenende des Genusses der Freizeit.
* Der Verfasser hält die diesjährigen Krupp-Vorlesungen in Essen.
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