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Ist der Kapitalismus noch zu retten? Buch und Fiktion von Susan George, Paris
Eine hochkarätige Expertenkommission eingeschworener Marktwirtschaftler hat
zum Nutzen globaler Wirtschaftslenker und Politiker ein vertrauliches Dossier
über die Zukunft der globalen Wirtschaft verfaßt. Schonungslos beantwortet der
»Lugano-Report« die Frage, ob und wie der Kapitalismus im 21. Jahrhundert
bestehen kann.
... Längst werden die Vorteile des kapitalistischen Systems durch dessen
Nachteile aufgewogen. Die Finanzmärkte stehen vor dem Zusammenbruch, die Umwelt
droht zu kollabieren. Und weil nicht genug Platz für alle Menschen ist,
formuliert eine Kommission einen ungeheuerlichen Vorschlag: Der globale
Kapitalismus sei nur zu retten, wenn die Weltbevölkerung auf vier Milliarden
Menschen reduziert wird. Da die Genozidsysteme der Vergangenheit zu primitiv,
kostspielig und ineffizient waren, muß eine andere Lösung her. Die moderne
Opferselektion soll nach Kriterien wie Inkompetenz, Armut und Faulheit, kurz:
Verlierertum erfolgen. Kriege, Seuchen und Hungersnöte sollen den
Vernichtungsprozeß beschleunigen. Die Kommission befürwortet beispielweise das
Hungerproblem der Dritten Welt nicht zu lösen, sondern es zu fördern. Weitere
Vorschläge umfassen eine präventive Senkung der Geburtenrate in Verbindung mit
einer drastischen Erhöhung der Sterberate, um einer Verschwendung der raren
Öko-Ressourcen entgegenzuwirken. Als geeignete Instrumente empfehlen sich
Weltbank und Weltwährungsfonds, die diese Entwicklung mit
Marktliberalisierungen ohnehin gefördert hätten ...
Es dauerte viele Milliarden Jahre, bis die Evolutionsgeschichte eine Milliarde
Menschen hervorgebracht hatte. Vor 100 Jahren lebten erst 1,6 Milliarden
Menschen auf der Erde. 70 Jahre später hatte sich die Bevölkerungszahl auf 3,6
Milliarden Menschen mehr als verdoppelt. 1990, nur 20 Jahre danach, hatte sich
die Zahl mehr als verdreifacht, war die Grenze von 5 Milliarden überschritten.
Nicht einmal ein Jahrzehnt später, gab es dann bereits 6 Milliarden Menschen
auf der Erde. Die Weltbevölkerung wird sich in den nächsten 50 Jahren noch
einmal verdoppeln.
Menschen verhungern, verdursten oder erfrieren aus Mangel an Nahrung, Wasser
und anderen Ressourcen. Menschen sterben in Giftgas- und Reaktor-Katastrophen,
sterben in Kriegen und an Krankheiten wie Aids, SARS und Krebs.
Logisch betrachtet ist die auf dem G8-Gipfel in Genua bewilligte lächerlich
geringe Summe zur Aidsbekämpfung in Afrika ein gezielt eingesetztes Mittel,
ebenso wie das dramatische Zurückschrauben westlicher Entwicklungshilfe.
Westliche Pharmakonzerne stecken viel Geld in die Entwicklung von
Appetitzüglern und Lustpillen, in Medikamente gegen typische Armutskrankheiten
wie Malaria investieren sie kaum. Ein in Schweden entwickelter Impfstoff gegen
Wurmkrankheiten beim Menschen wird bei irischen Schafen angewendet, nicht bei
den Millionen Kranken in Afrika und Lateinamerika. Den Impfstoff herzustellen,
um es gegen das dortige Massensterben einzusetzen, lehnen die Pharmakonzerne
ab. "Es wird mehr Geld ausgegeben, um nach einer Behandlung für Haarausfall zu
forschen, als für alle tropischen Krankheiten zusammen", sagt der Sunday-Times
Journalist Adrian Anthony Gill. "Agrargiganten, die auf Kosten von Umwelt und
Qualität den Weltmarkt überschwemmen sind Schuld am Hunger von 800 Millionen
Menschen weltweit", beklagt der französische Bauernführer José Bové.
Die detailliert entworfenen "Lösungsstrategien" im zweiten Teil des Buches von
Susan George schließlich steigern sich letztlich in eine neue Form der
"Endlösung". Als Mittel zur Durchsetzung dieser "Biopolitik" wird die schon
heute praktizierte Realpolitik der schleichenden Ausblutung ganzer Kontinente
raffiniert ausgeweitet.
Klassenkampf: Es muß ihn geben, da es ums Überleben geht. (Susan
George, Paris)
Noam Chomsky
Ein Kapitel des Buches War Against People behandelt das Problem der
hoch verschuldeten Länder in Lateinamerika und Afrika. In allen diesen Ländern
ist das Fluchtkapital der heimischen Eliten fast so groß wie die
Auslandschulden, für deren Tilgung die Bevölkerung geradestehen muß und dazu
einem harten Regime von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank
unterworfen wird. Einen Anreiz für das Fluchtkapital schufen die reichen Länder
mit der Abschaffung des Währungssystems, mit festen Wechselkursen und der
Liberalisierung des Kapitalmarktes, auf dem mittlerweile über 90 Prozent
spekulatives, meist nur sehr kurzfristig angelegtes Kapital rund um den Globus
hin- und hergeschoben wird. Chomsky zeigt an zahlreichen Beispielen, wie diese
Fluchtkapitalströme und die wachsende Verschuldung soziale Gerechtigkeit und
Demokratie in den armen Ländern unterminieren. Was die Lösung der Schuldenkrise
betrifft, so empfiehlt Chomsky, dem Vorbild der USA zu folgen: Als diese vor
etwas über 100 Jahren Kuba besetzten, war die Insel gegenüber Spanien hoch
verschuldet. Die USA erklärten diese Schulden für null und nichtig, weil
"diese Last dem kubanischen Volk ohne dessen Zustimmung und mittels
Waffengewalt aufgezwungen worden war."
Chomskys Analyse zahlreicher gleichlautender Handlungsmaximen der US-Politik
kommt zu dem Schluß, die USA selbst handelten im Kampf gegen "Schurkenstaaten"
und bei der Durchsetzung "unilateralen Rechts" (Clinton) wie eine
"Schurken-Supermacht".
Bertrand Russell: Macht
"Die Verdienste der Demokratie sind negativer Natur: Sie sichert keine
gute Regierung, sondern verhindert nur bestimmte Übel."
Russell hat eine ganze Reihe durchaus skeptischer Blicke auf die Gefahren
geworfen, die innerhalb der Demokratie oder durch ihre eigenen Mechanismen
entstehen können. Manche davon werden erst langsam aktuell, nachdem die
Demokratie jetzt weltweit als alternativlos gilt, daß in ihr - von der
Medienindustrie bis zur Wirtschaft - zunehmend Mächte ein Übergewicht bekommen,
die demokratischer Kontrolle weitgehend entzogen und sogar umgekehrt fähig
sind, die klassischen Instanzen der Demokratie auszuhöhlen oder zumindest ihre
Spielräume beträchtlich einzuschränken.
"Wenn der Staat über solche Unternehmungen nicht das Übergewicht gewinnt,
wird er zu ihrem Spielzeug, und sie werden der wirkliche Staat."
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