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Deutsche Schuldenkatastrophe
Die Ansprüche der heute lebenden Generationen an die Renten-,
Kranken und Pflegeversicherung beziffern sich auf über 4 Billionen Euro - nach
Abzug dessen, was alle an Beiträgen und Steuern noch einzahlen werden. Das
heißt: Die tatsächliche Verschuldung des Staates geht weit über das hinaus, was
in den öffentlichen Haushalten ausgewiesen wird. Die Fiskalpolitik ist weit
davon entfernt, nachhaltig zu sein - eine Kurzsichtigkeit, die uns zum
Verhängnis werden kann. Es könnte noch viel schlimmer kommen. Unsere Kinder
werden nicht mehr in der Lage sein, den Schuldenberg zu tragen. Darum werden
wir Ihnen auch kaum verübeln können, wenn sie den Generationenvertrag
aufkündigen - sie werden einfach keine andere Wahl mehr haben, als den
zukünftigen Alten die Solidarität zu entziehen. Niemand ist in der Lage,
geschweige denn gewillt, zwei Drittel seines Einkommens an den Staat
abzuführen.
Bernd Raffelhüschen Finanzwissenschaftler, Freiburg
Der Schuldenberg wird nicht abgebaut. Die Staatsverschuldung sinkt nicht, sie steigt. Immer weiter, nur etwas langsamer. Und das was sinkt, ist nicht die Summe der über Jahrzehnte angehäuften öffentlichen Lasten, sondern allenfalls die jährliche Neuverschuldung. 1998, kurz nach dem Regierungswechsel, standen die öffentlichen Haushalte laut Statistischem Bundesamt mit 1.154 Milliarden Euro in der Kreide. Heute liegt die Staatsverschuldung bei 1.225 Milliarden. Der Staat rutscht weiter in die roten Zahlen. Pro Sekunde um 1.333 Euro.
Der Eichel-Sparplan ist ungeeignet zur Staatsentschuldung
Schröder will sein radikales 30-Milliarden- Sparprogramm durchziehen und den Staatshaushalt sanieren. Seit Jahrzehnten lebt der Staat auf Pump und hat 2,5 Billionen DM Schulden angehäuft - Bund, Länder und Kommunen zusammen-genommen. Die Bundesregierung spricht immer nur von einem Teil der Verschuldung, nämlich der des Bundes. Die Hälfte aller Staatseinnahmen werden für Zins und Tilgung ausgegeben. Ein reicher moderner Staat wirft Jahr für Jahr die Hälfte seiner Einnahmen sofort wieder aus dem Fenster. Geld ist in der Gesellschaft genug vorhanden, aber der Staat hat davon immer weniger - da stimmt doch was nicht. Schröder und Eichel erfahren zu Recht Zustimmung, wenn sie diesen absurden Zustand beenden wollen. Die Frage aber ist, ob nun der Eichel-Plan zum Ziel der Entschuldung führen kann oder ob er nicht vielmehr die alte Logik der weiteren asozialen Staatsverschuldung fortsetzt - mit noch schärferen Mitteln als bei den Vorgängerregierungen. In seinen vier Amtsjahren wird Eichel 180 Milliarden neue Schulden gemacht haben. Diese Mehrausgaben werden in Zukunft "automatische Stabilisatoren" genannt, was Unsinn ist, denn Schulden sind Schulden und keine Stabilisatoren. Schulden stabilisieren nicht, sie destabilisieren.
Sparprogramme bis zum Jahre 2099
Zurückblickend muß gesagt werden: Die Regierung Schröder hat die Härte ihres
Sparprogramms in der Öffentlichkeit nicht wahrheitsgemäß deutlich gemacht. Denn
das für das Haushaltsjahr 2000 geplante Programm müßte, wie es im
Kleingedruckten steht, achtmal, also jährlich bis zum Jahre 2008, wiederholt
werden. Und auch dann wäre die Staatsverschuldung im Vergleich zu heute um
keine Mark unter die 2,5 Billionen DM gesunken. Denn Ziel der Operation ist es
doch, nur die zusätzliche jährliche Neuverschuldung bis zum Jahre 2008 auf Null
zu bringen. Würde das Einsparen wie geplant durchgezogen, hätte sich die
gesamte staatliche Verschuldung bis 2008 allein durch den Bund dennoch um etwa
250 Milliarden DM erhöht, denn die zwischenzeitlich immer noch nötige
zusätzliche Neuverschuldung würde im Jahre 1999 etwa 53 Milliarden DM betragen
haben, im Folgejahr noch 50 Milliarden DM usw., um im Jahre 2008 vielleicht bei
Null anzukommen.
Nach der Logik des Eichel-Plans hätte sich also nach achtmaligem Durchziehen
des 30-Milliarden-Sparprogramms die gesamte Staatsverschuldung im Jahre 2008
dennoch um etwa 250 Milliarden DM erhöht, wäre also bei etwa 2,8 Billionen DM
angekommen. Deshalb wäre das Einsparen dann logischerweise keineswegs beendet,
sondern müßte etwa 100 Jahre lang weitergehen, um tatsächlich die gesamte
Verschuldung abzubauen. In der Zwischenzeit würde sich das Sparprogramm aber
wahrscheinlich ohnehin erledigen, denn bei Rentnern, Arbeitslosen und
Sozialhilfeempfängern - wenn sie nicht ohnehin schon verhungert wären - könnte
nichts mehr gespart werden, da sie etwa im Jahre 2050 bei Null angekommen sein
werden. Daran kann man ermessen, daß die Verschuldung unvorstellbare Ausmaße
angenommen hat, und daß die Logik des Eichel-Plans absurd ist. Dazu trägt
sicherlich auch die öffentliche Sprache bei: Der Terminus des ausgeglichenen
Haushalts, den die Regierung erreichen will, klingt beruhigend und legt nahe,
daß das Problem gelöst ist. In Wirklichkeit bedeutet ein ausgeglichener
Haushalt nur, daß es keine zusätzliche Neuverschuldung gibt. Daß die
Altschulden von 2,5 bzw. 2,8 Billionen DM mit ihren Verpflichtungen zu Zins und
Tilgung noch vorhanden sind, gerät aus dem Blickfeld.
In der öffentlichen Meinung hat sich die Auffassung durchgesetzt: Steuern
zahlen ist schlecht, jede gezahlte Mark Steuern ist eine Mark zuviel. Wie sich
aus den Ermittlungen von Steuerfahndern und Staatsanwälten ergibt, haben alle
deutschen Banken - von den Großbanken über die anderen Privatbanken bis zu den
öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken - seit Anfang der 90er Jahre
für mehrere hunderttausend vermögende Geldanleger ein System des anonymen
Transfers in die Steueroasen Luxemburg und Schweiz eingerichtet. Ziel war die
"Null-Steuer".
Für Unternehmen wurden im Laufe des letzten Jahrzehnts solche juristischen
Konstruktionen bereitgestellt, die die Unternehmenssteuern in die Richtung der
Null-Steuer bringen sollten: Coordination Centers in Belgien, International
Finance and Service Centers in Irland, Holdings in Luxemburg und Holland,
Briefkastenfirmen auf den Kanalinseln und in der Schweiz.
Ein schlaues Unternehmen zahlt keine Steuern, zockt aber möglichst viel
Staatsknete ab, so die Moral. Die durchschnittliche Steuerzahlung auf
Kapitaleinkünfte und Unternehmensgewinne beträgt gegenwärtig etwa zwölf Prozent
und ist damit weit entfernt von den immer wieder beschworenen theoretischen
Steuersätzen von 53 Prozent, 45 Prozent u.ä.
Schröder und Eichel meinen in Übereinstimmung mit der Unternehmerlobby, daß der Hauptgrund für die Staatsverschuldung die Sozialausgaben sind. Deswegen wollen sie im wesentlichen auch nur bei den Sozialausgaben einsparen, bei Renten, bei Leistungen für Arbeitslose und bei Lebensversicherungen. Die wirklichen Quellen der Staatsverschuldung bleiben unangetastet: Die 290 Milliarden DM jährlicher Subventionen für die Wirtschaft (Agrobusiness, Bürobauten, Bergbauunternehmen, Luft- und Raumfahrt), die grassierende Steuerhinterziehung in den betuchten Kreisen und bei Unternehmen, die Beamten- und Politikerpensionen, die Schattenhaushalte.
Alte und neue Schattenhaushalte
Die Regierung Kohl war zur Verschleierung der Staatsverschuldung dazu
übergegangen, Sonderhaushalte zu bilden: Erblastentilgungsfonds, Fonds Deutsche
Einheit, Bundesbahnvermögen, Ausgleichsfonds Steinkohleneinsatz,
ERP-Sondervermögen u.a.
Diese wurden von der Regierung Schröder/Eichel nicht abgeschafft. Ihr
zusammengerechneter Schuldenstand beträgt etwa 520 Milliarden DM, stellt also
ein Drittel der Bundesverschuldung dar. Hinzu kommen Schulden, die durch
Privatisierungen zu Lasten der Staatskasse entstehen: Der Bund übernahm die in
den nächsten Jahrzehnten anfallenden Pensionsverpflichtungen für
Hunderttausende Ruheständler von Post und Bahn, um der Telekom AG und der
Deutsche Bahn AG einen unbeschwerten Start ins Aktienleben zu ermöglichen. Die
Regierung Kohl übernahm - ganz entgegen ihren öffentlichen Bekundungen - in
steigendem Ausmaß Bürgschaften für die Wirtschaft.
Neu kommen die noch nicht bezifferten Ausgaben für den Dauereinsatz der
Bundeswehr bei Auslandseinsätzen hinzu, ebenso die Ausgaben für den von
Verteidigungsminister Scharping nach dem Eichel-Plan neu bekanntgegebenen
Aufbau einer eigenen europäisch-militärischen Aufklärungskapazität
(Satellitensystem). Wie das WDR-Magazin "Monitor" am 22. Juli 1999 aufdeckte,
soll dafür ein neuer Schattenhaushalt angelegt werden.
Alle diese wesentlichen Gründe für die Dauerüberschuldung des Staates bleiben
in Hans Eichels Sparplan ungenannt. Auch aus diesen Gründen kann er nicht zum
versprochenen Ziel führen. Wer im wesentlichen den Staatshaushalt nur mit Hilfe
von Sparen und Haushaltsdisziplin im Bereich der Sozialausgaben sanieren will,
hat sich der Null-Steuer-Moral unterworfen. Wer nur darauf setzt, daß die
Einnahmen aus direkten Steuern nicht erhöht werden dürfen und der Filz der
Wirtschaftssubventionen mehr oder weniger unangetastet bleibt, hat der
Abwärtsspirale der staatlichen Einnahmen - trotz Sozialabbaus - nichts
entgegenzusetzen.
Bei der Gesamtverschuldung des Staates in Höhe von 2,5 Billionen Mark liegt der
Anteil der Bundesländer und der Kommunen etwa bei 1,0 Billion Mark. Ob CDU, CSU
oder SPD eine Stadt oder ein Bundesland regieren, macht keinen nennenswerten
Unterschied. In ihrem Sparpaket will die Bundesregierung nun verfügen, daß
jährlich 2,2 Milliarden DM Wohngeld nicht mehr vom Bund, sondern von den
Kommunen bezahlt werden, was nichts an der Gesamtverschuldung des Staates
ändern würde. Solche Umverteilungen vom Bundeshaushalt auf die Haushalte von
Länder und Kommunen sind seit Jahren im Gange, und das will die jetzige
Bundesregierung fortsetzen. Wer die Gesamtverschuldung des Staates aber
tatsächlich bekämpfen will, darf solch billige Tricks nicht anwenden. Wie beim
Bundeshaushalt bestehen bei den Ländern und Kommunen noch uneingestandene
Verschuldungsrisiken, z.B. aus Privatisierungen. In zehn bis 20 Jahren müssen
bisher geleaste Rathäuser, Klärwerke und Kongreßzentren zurückgekauft
werden.
Staatsverschuldung und Steuerklassenunrecht
Die G-7-Staaten haben auf ihrem Gipfel in Köln den ärmsten
Entwicklungsländern einen Schuldenerlaß versprochen. Genau betrachtet befinden
sich auch die Staaten der reichsten Länder in einem Zustand der
Dauerüberschuldung.
1. Auch in Deutschland erhält der Staat - Bund, Länder und Kommunen - ständig
neue Kredite, für die es keinen konkreten und verbindlichen Rückzahlungsplan
gibt.
2. Zins und Tilgung machen einen großen Teil des Staatshaushaltes aus.
3. Um Zins und Tilgung aufzubringen, werden Sozialausgaben gekürzt und Löhne
abgesenkt.
4. Bei der wirtschaftlichen Elite sind Steuer- und Kapitalflucht zum
Normalzustand geworden.
5. Subventionen für notleidende Wirtschaftsbereiche (Bergbau, Wohnungs- und
Landwirtschaft, Werften) landen nicht bei den Bauern und Beschäftigten, sondern
versickern im Sumpf der Lobby.
Wie in den meisten Entwicklungsländern ist eine soziale und demokratische
Staatsentschuldung auch in den reichen Staaten nicht in Sicht. Dennoch ist es
notwendig, die Wahrheit auszusprechen. Die Staatsentschuldung ist, entgegen dem
Eichel-Plan, nur unter folgenden Bedingungen möglich: - wenn Kapital- und
Unternehmensgewinne in die Besteuerung und in die grundgesetzlich geforderte
Sozialbindung einbezogen werden, - wenn die Dauersubventionen an unproduktiv
gewordene Wirtschaftsbereiche und an privatisierte Unternehmen wie Telekom und
Deutsche Bahn gestrichen werden, - wenn Staatsbeamte für ihre Renten selbst
aufkommen wie die anderen Arbeitnehmer auch, - wenn die »Schattenhaushalte«
aufgelöst werden.
Wer den Staat entschulden will, muß erst Steuergerechtigkeit herstellen. Die
Deutsche Steuergewerkschaft hat vor dem Bundesverfassungsgericht eine Klage
wegen Ungleichbehandlung vor dem Gesetz eingereicht. In Deutschland gebe es
mittlerweile ein steuerliches Zweiklassensystem: Vollständig eingezogen werde
nur die Mehrwertsteuer sowie die Lohnsteuer, bei der viele
Rückzahlungsansprüche sogar verfallen. Dagegen wird bei allen anderen
Steuerarten nur ein Bruchteil von dem erfaßt, was dem Staat laut Steuergesetzen
zusteht. Weniger als 20 Milliarden DM Kapitalertragssteuern bei über vier
Billionen DM Geldvermögen, das überwiegend in der Hand von zehn Prozent der
Privathaushalte liegt, zeugen von diesem Steuerklassenunrecht. Die Klage der
Deutschen Steuergewerkschaft kann übrigens als Vorlage für individuelle
Widersprüche gegen den Steuerbescheid dienen.
Gegen die herrschende Moral der Null-Steuer ist eine neue Begründung notwendig,
wofür überhaupt Steuern gezahlt werden sollen und wofür nicht. International
ist dazu eine Diskussion in Gang gekommen. Sie wird etwa von "Attac" geführt
(Action pour une taxation des transations pour l'aide aux citoyens). Attac
wurde 1998 in Frankreich unter Beteiligung von »Le Monde Diplomatique«
gegründet und besteht inzwischen aus einem weltweiten Netz zwischen Washington
und Genf. Man tritt für die Schließung der Steuerparadiese und für
Steuererhöhungen auf Kapitalgewinne ein.
"Sobald Staatsschulden einmal ein bestimmtes Ausmaß erreicht haben, gibt es kaum ein einziges Beispiel dafür, daß sie ehrlich und vollständig bezahlt worden wären. Die Entlastung der Staatseinnahmen ist, wenn es überhaupt dazu kam, immer auf dem Wege eines Bankrotts erfolgt", schrieb Adam Smith im Jahr 1776.
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