Mit freundlicher Genehmigung von Egbert Scheunemann (www.egbert-scheunemann.de)
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Der neoliberale Weg in den Abgrund
Marktradikalismus, Lohndrückerei und Kürzungen der Sozialausgaben als Ursachen der Massenarbeitslosigkeit (von Egbert Scheunemann)
Es gibt Situationen im Leben, in denen man nur noch an seinem Verstand
zweifeln kann - oder an dem anderer. Die Sozialdemokraten verlieren bei den
Wahlen in Hessen und Niedersachsen Anfang Februar Stimmen in katastrophalen
Ausmaßen und sinken auch bundesweit in der Wählergunst auf einen
historischen Tiefststand von 22 Prozent. Im Monat davor, also in nur vier
Wochen (!!), stieg die Arbeitslosigkeit um sage und schreibe 400 000 auf
4,6 Millionen. Und was passiert? Der Genosse der Bosse, der auf diesen
Titel bekanntermaßen noch stolz ist, gibt die Parole aus: Jetzt erst
recht! Die Anbiederung an die Kapitalvertreter, an die konservative und
neoliberale Opposition und an deren neoliberal-marktradikale
Politikkonzepte soll nun auf die Spitze getrieben werden. Die Politik des
Kaputtsparens, der Steuergeschenke an die Reichen und der Kürzungen
bei den Sozialhilfeempfängern, Arbeitslosen, Rentnern und Kranken
müsse noch, so hört man, verschärft werden. Dem Patienten
geht es aufgrund der inzwischen jahrzehntelangen Verabreichung der
neoliberal-marktradikalen Medizin (sprich: Gewinne hoch, Löhne und
Sozialleistungen runter...) immer schlechter, alles wird immer schlimmer -
aber nein, wir setzen diese Medizin nicht ab, wir verdoppeln die Dosis!
Kampf gegen die Arbeitslosen statt Kampf gegen die Arbeitslosigkeit!
Ist man wirklich unhöflich, wenn man fragt, ob Menschen, die eine
derartig desaströse wirtschaftspolitische Strategie fahren, noch bei
klarem Verstande sind? Es hat etwas vom Tanz der Lemminge, von einer
Massenhysterie, von einer kollektiven Paranoia: Im Lande des jahre- und
jahrzehntelangen Exportweltmeisters wird uns gesagt, wir müssten die
Lohnkosten, die Steuer- und Abgabenquote, die Sozialleistungen kürzen,
um wieder international wettbewerbsfähig zu werden! Und das Furchtbare
ist: Fast alle in der Politik, in den Medien und leider auch in der durch
den neoliberalen Zeitgeist gleichgeschalteten Wirtschaftswissenschaft reden
diesen unglaublichen Unsinn! Die BRD exportiert pro Kopf fast doppelt
soviel wie das Exportland Japan! Im Jahre 2002 stieg der
Außenhandelsüberschuss auf den nie dagewesenen Spitzenwert von
127 Milliarden Euro! Zum Vergleich: Das neoliberale Musterland USA
fabrizierte im gleichen Jahr ein Außenhandelsdefizit von 476
Milliarden Dollar! Die BRD-Ökonomie ist international so
wettbewerbsfähig wie keine andere Nationalökonomie! In ihr
können die Löhne und Sozialleistungen nicht zu hoch sein, das
Arbeitsrecht (Kündigungsschutz etc.) oder die Umweltgesetze
können nicht zu rigide sein! Deutschland wäre sonst nicht
Exportweltmeister!
Der in fast sämtlichen Hirnen wütende neoliberale Zeitgeist hat
inzwischen etwas von einem Fluch, der über die Menschheit gekommen
ist. Der Kapitalismus hat auf ganzer Linie gesiegt. Vor der großen
wirtschaftlichen Depression kommt die große mentale (und gelegentlich
auch reale...) Korruption. Man kann sich anders kaum noch erklären,
dass (fast) alle in Politik, Medien und in der Wirtschaftswissenschaft eine
wirtschaftspolitische Strategie befürworten, die überall wo sie
angewandt wurde zu katastrophalen Ergebnissen geführt hat: Ronald
Reagan in den USA, mit dem der neoliberale Wahn realpolitisch begann,
hinterließ am Ende seiner Amtszeit ein astronomisches
Haushaltsdefizit, fast doppelt so viele Arbeitslose wie bei seinem
Amtsantritt und ein riesiges Heer von sogenannten working poor, also
Menschen, die für Hungerlöhne arbeiten müssen - in der Regel
als Handlanger der Reichen, der Millionäre und Milliardäre, deren
Zahl unter Reagan ebenso stark anstieg.
Unter der Britin Margaret Thatcher, der fanatischsten Vertreterin des
konservativen Marktradikalismus und Neoliberalismus (Monetarismus) in
Europa, zeigte sich kein anderes Bild: Bei ihrem Amtsantritt 1979 betrug
die Arbeitslosenquote sechs Prozent und nach sechs Jahren Thatcherismus
(sprich: Gewinn hoch, Löhne und Sozialleistungen runter...) zwölf
Prozent. Ganze Regionen Großbritanniens wurden regelrecht
deindustrialisiert, und Heerscharen von Arbeitslosen, wir erinnern uns,
lieferten sich blutige Straßenschlachten mit der Polizei.
Und auch unter dem Konservativen Helmut Kohl in der BRD zeigte sich das
gleiche Bild: Innerhalb seiner Amtszeit (1982-1998) verdreifachte sich die
Arbeitslosigkeit, die Zahl der Sozialhilfeempfänger und der
Obdachlosen stieg stark an - und die Gewinne, die Aktienkurse wie die Zahl
der Reichen und Superreichen ebenso.
Als dann die rot-grüne Koalition an die Macht kam, hofften viele, auch
ich, auf Besserung. Nachdem die Regierung unter Gerhard Schröder
anfänglich, also ab 1998 eine etwas sozialere Politik betrieb und
sogar einige sozialpolitische Schweinereien (und volkswirtschaftliche
Unsinnigkeiten) der Vorgängerregierung korrigierte und damit auch die
Massenkaufkraft stärkte (worauf die Arbeitslosigkeit zunächst um
eine halbe Million zurückging!!), schwenkte sie (vor allem nach dem
Rücktritt von Oscar Lafontaine) schnurstracks auf die neoliberale,
marktradikale Wirtschaftspolitik der liberalkonservativen Koalition unter
Kohl ein. Man munkelt, dass Automann Schröder, dieser, wie gesagt,
Genosse der Bosse (wie er selbst in der staatstragenden Presse gelegentlich
tituliert wird!!), einen Anruf aus Wolfsburg bekam...
Besonders katastrophale Auswirkungen hatte die neoliberal-marktradikale
Politik in den Ländern der sogenannten Dritten Welt und der
sogenannten industriellen Schwellenländer. Um es bildhaft zu
erläutern: Was passiert, wenn man einen körperlich wie geistig
durchschnittlich oder gar wohlbegabten Zwölfjährigen in einen
Boxring mit Mike Tyson stellt und Tyson sein Preisgeld von 20 Millionen
Dollar wirklich nur dann bekommt, wenn er seinen "Gegner" k.o.
schlägt?
Was passiert, wenn man ein Entwicklungsland aus der sogenannten Dritten
Welt, das seine feudalistisch-agrarkulturelle und kolonialistische
Entwicklungsphase (besser: Stillstandsphase) erst vor vier oder fünf
Jahrzehnten hinter sich lassen konnte, völlig ohne Schutz (via
Zölle, Handelsabkommen, Devisenkontrollen etc.) auf den Weltmarkt
wirft und gegen höchstindustrialisierte und also
höchsttechnisierte moderne Volkswirtschaften konkurrieren
lässt?
Was passiert, wenn man über Nacht alle Schutzmauern aus
Importzöllen und Devisenbewirtschaftung eines sogenannten
industriellen Schwellenlandes einreißt, das in wenigen Jahrzehnten
eine leidliche Entwicklung zu einem halbwegs industrialisierten Land
vollzogen hat, für die sich die westlichen Industrieländer
mehrere Jahrhunderte Zeit lassen konnten - unter dem Schutzschild
ständewirtschaftlicher und merkantilistisch- staatlicher
Protektion?
Und was würde passieren, wenn etwa in der Europäischen Union von
heute auf morgen sämtliche Agrarsubventionen abgeschafft und alle
Zollschranken gegen billige Agrarimporte aus der sogenannten Dritten Welt
aufgehoben werden würden? Nun, wir wissen, wie Europas Bauern
reagieren, wenn die Agrarsubventionen (die mit derzeit ca. 45 Milliarden
Euro pro Jahr mal eben in der Groessenordnung des gesamten jaehrlichen
Bruttosozialproduktes eines Entwicklungslandes wie Nigeria oder Bangladesch
liegen!!) auch nur ein Jahr mal nicht steigen sollen...
Eine Wirtschaftspolitik, deren Auswirkungen selbst für die
höchstindustrialisierten Staaten der Europäischen Union als
absurd gelten und sozial verheerend wirken würden, wurde den
Entwicklungsländern und vielen Schwellenländern in den letzten
zwei Jahrzehnten durch die Industrieländer und ihre Institutionen
Weltbank, IWF (Internationaler Währungsfonds) und WTO (World Trade
Organisation) regelrecht aufoktroyiert - mit eben verheerenden
ökonomischen und sozialen Folgen: Wir erinnern uns an die
Hungeraufstände in vielen Ländern der Dritten Welt, fast
allabendlich in den 80er und 90er Jahren in den Fernsehnachrichten zu
sehen. Sie waren direktes Resultat der sogenannten neoliberalen
Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF. Die betroffenen
Länder wurden gezwungen (bei Strafe des Ausschlusses von jeder
weiteren Hilfe und allen Krediten im Falle der Nichtbefolgung der
Imperative), ihre Währungen massiv abzuwerten, Zollschranken
abzubauen, jede Devisenbewirtschaftung, die Subventionierung von
Grundnahrungsmitteln oder auch Mindestlöhne abzuschaffen, die Staats-
und Sozialquote massiv zu senken und also Gehälter zu kürzen oder
Staatsbedienstete (Lehrer, Krankenschwestern etc.) gleich zu entlassen und
soziale Einrichtungen zu schließen, um mit den dieserart
freiwerdenden Staatsmitteln die Schulden an IWF & Co. bezahlen zu
können. Und das in Ländern, die ohnehin schon am untersten Ende
der Einkommensskala lagen und liegen...
Die neoliberal-marktradikale Abrichtung ganzer Volkswirtschaften auf die
Bedürfnisse des Weltmarktes (und das heißt ganz konkret: auf die
Bedürfnisse der kaufkräftigen nördlichen Industriestaaten)
hatte zur Folge, dass selbst in Staaten, die in Agrarplantagen für den
Export verwandelt wurden, Hunger ausbrach, wenn die Preise für
Agrarprodukte (Kaffee, Kakao, Tabak, Baumwolle, Jute, Holz etc.) auf dem
Weltmarkt in den Keller fielen aufgrund des wachsenden Überangebots -
da ja alle Entwicklungsländer durch Weltbank und IWF dazu
gedrängt wurden, sich in Plantagen für den Agrarexport zu
verwandeln, um die Schulden bei den Gläubigern aus dem Norden bezahlen
zu können, die im Wesentlichen aus dem Kauf teurer Agrartechnik aus
dem Norden resultierten (Traktoren, Bewässerungstechnik, Saatgut,
Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel etc.). Obwohl Bewohner eines
Agrarlandes, konnten sich landwirtschaftliche Tagelöhner in einer
solchen Situation kaum noch ernähren, da sie sich mit ihrem sinkenden
Einkommen immer weniger die aus dem Norden importierten und also auf
Weltmarktpreisniveau liegenden Grundnahrungsmittel (Getreide aus den USA
etc.) leisten konnten. Und was sie selbst anbauten, konnten und können
sie in der Regel nicht essen: Kaffee, Kakao, Tabak, Baumwolle etc.
Die gesamte Kapitalflussbilanz des Südens gegenüber dem Norden
ist seit langen Jahren für den Süden negativ. Es fließt
trotz aller (kläglichen) staatlichen westlichen Entwicklungshilfe und
trotz aller Kredite und anderer "Hilfen" des Nordens weit mehr Kapital vom
Süden in den Norden als umgekehrt: via Schuldzinstilgung,
Kapitalflucht und Gewinntransfers multinationaler Unternehmen.
Selbstverständlich trugen auch korrupte Eliten in den Entwicklungs-
und Schwellenländern ganz erheblich zur ökonomischen und sozialen
Misere dieser Länder bei. Und auch bestimmte ehrgeizige bis
größenwahnsinnige Entwicklungsprojekte der 60er und 70er Jahre
(Staudämme und Industrieanlagen auf der grünen Wiese...) waren
einer organischen Wirtschaftsentwicklung eher hinderlich.
Aber wir sollten nicht vergessen, von wessen Gnaden diese nachkolonialen
Dritte-Welt-Eliten in der Regel waren, wo sie ausgebildet wurden und mit
wem sie ihre Geschäfte machen und Verhandlungen führen. Und wir
sollten auch nicht vergessen, wie der Westen und speziell die USA
(besonders in Lateinamerika) reagierte, ja wütete, wenn einzelne
Länder es wagten, sich in freien Wahlen einen sozialorientierten oder
gar "sozialistischen" Präsidenten und Entwicklungsweg zu wählen -
wir kennen sie noch, die CIA-Marionetten und Massenmörder vom Schlage
eines Pinochet (Chile), Videla (Argentinien) oder Somoza (Nicaragua).
Dass die dramatischen ökonomischen und sozialen Probleme in
Lateinamerika und in vielen anderen Ländern der Dritten Welt wirklich
durch die neoliberal-marktradikale Wirtschaftspolitik entstanden und nicht
primär hausgemacht sind, zeigt sich auch und vor allem, um auf die
Industrieländer zurückzukommen, am Scheitern dieser Politik in
den Industriestaaten selbst. Sie hat nachweisbar zu immer mehr
Arbeitslosigkeit und sozialer Verelendung geführt. Und wenn die
neuesten wirtschaftsstatistischen Hiobsbotschaften kommen, ertönt, wie
gesagt, regelmäßig und immer lauter der neoliberal- konservative
Chor: Wir müssen noch mehr sparen, die Sozialausgaben müssen noch
mehr gekürzt werden, der Spitzensteuersatz muss noch schneller sinken
und wir brauchen noch mehr "Modernisierung", "Flexibilisierung" und
"Innovation". Radikale "Reformen" seien nötig, wird uns vorgelogen -
denn Sozialabbau ist das, was gemeint ist und faktisch getan wird.
Neoliberale Wirtschaftspolitik war und ist de facto einfach Umverteilung
von unten nach oben. Der Spitzensteuersatz in der BRD lag mal bei fast 60
Prozent, liegt heute bei 42 Prozent und soll noch weiter auf 35 Prozent
sinken. Die Vermögenssteuer wurde abgeschafft, die Besteuerung von
Gewinnen aus der Veräußerung von Kapitalbeteiligungen
(Aktienverkäufe) ebenso und die Erbschaftssteuer stark gesenkt. Die
Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Zahl der
Einkommensmillionäre (von normalen Vermögensmillionären
redet schon keiner mehr...) und sogar die Zahl der Milliardäre ist
rapide gestiegen - und die der Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger und
Obdachlosen ebenso. Und die Verhältnisse in Deutschland sind geradezu
noch herzjesussozial im Vergleich etwa mit jenen im Mutterland des
Marktradikalismus und der Reagonomics: "Die Zahl der Milliardäre
allein in den USA stieg von 13 im Jahr 1982 über 149 im Jahr 1996 auf
über 300 im Jahr 2000. Der globale Club der Milliardäre - mit
etwa 450 Mitgliedern - verfügt über ein weltweites
Gesamtvermögen, das deutlich über dem Bruttosozialprodukt der
Gruppe der einkommensschwächsten Länder liegt, wo 59 Prozent der
Weltbevölkerung leben. Der private Reichtum der Familie Walton aus
Arkansas etwa, der die Einzelhandelskette Wal-Mart gehört (85 Mrd.
Dollar)... ist mehr als doppelt so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt von
Bangladesch (33,4 Mrd. Dollar) mit einer Bevölkerung von 127 Millionen
Menschen und einem Pro-Kopf-Einkommen von 260 Dollar im Jahr." (Michel
Chossudovsky: Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der
Krieg, Frankfurt/a.M. 2002, S. 28 f.)
Nun, wenn die neoliberale, kapitalhörige Wirtschaftspolitik schon in
den hochindustrialisierten (und übrigens durch hohe Zollschranken
geschützten!!) Ländern zu Arbeitslosigkeit und sozialer Verarmung
geführt hat, dann wundert es nicht, dass die marktradikale
Schocktherapie in den industriellen Schwellenländern und vor allem in
den Ländern der Dritten Welt oder auch in der ehemals Zweiten,
realsozialistischen Welt nur ökonomisch katastrophal und sozial
verheerend wirken konnte. Nochmals: Selbst im Lande des
höchstindustrialisierten Exportweltmeisters funktioniert die
neoliberale, exportorientierte Wirtschaftspolitik nicht, sondern führt
zum genauen Gegenteil der Versprechungen - zum Anstieg statt zum Abbau der
Massenarbeitslosigkeit. Wo soll sie dann funktionieren?
Dabei sind die Zusammenhänge eigentlich ganz einfach: Man kann 1000
Euro (oder 1 Milliarde oder 10 Milliarden Euro …) so umverteilen,
dass sie sich zu hundert Prozent Nachfrage nach Produkten und
Dienstleistungen verwandeln und damit in Produktion und Beschäftigung.
Und man kann die gleiche Summe so umverteilen, dass davon weit weniger in
die Nachfrage und damit letztlich in die Beschäftigung geht. Menschen
mit mittleren, kleinen und kleinsten Einkommen sparen wenig bis nichts. Sie
geben alles Geld, das sie bekommen, postwendend wieder aus und schaffen
damit Nachfrage, Produktion und Beschäftigung. Steigt das Einkommen,
steigt hingegen die Sparquote. Bei Spitzeneinkommen (von Unternehmern und
Unternehmen) tendiert die Sparquote in Richtung hundert Prozent: Was man
nicht selbst konsumieren kann (bei einem Monatsgehalt von einer Million
Euro, wie bei Spitzenmanagern inzwischen nicht unüblich, könnte
man sich theoretisch alle vier Wochen zehn neue dicke Daimler kaufen!!) -
nun, das investiert man eben, um braches Geld in gewinn- und zinsbringendes
Kapital zu verwandeln. Wenn sich Investitionen nun aber weniger und weniger
lohnen, weil durch das Zurückbleiben der Massenkaufkraft (aufgrund von
Lohndrückerei und Sozialleistungsabbau) auch die
Absatzmöglichkeiten schrumpfen, wandert das Kapital zinssuchend auf
die internationalen Kapitalmärkte (Aktien- und Devisenspekulationen).
Das war der Grund, warum sich die Finanzmärkte in den 90er Jahren ins
Astronomische aufblähten. Inzwischen wandert täglich
wertmäßig mehr als 70 mal soviel Kapital um den Globus als
Handelswaren umgesetzt werden!
Anfang 2000 kam dann der große Börsenkladderadatsch. Die Kurse
fielen in den Keller, Hunderte von Milliarden Dollar Kapital wurden so
weltweit vernichtet - ohne Bedürfnisse, Nachfrage, Produktion und also
Beschäftigung zu vermitteln. Die jahrzehntelange Umverteilung von
unten nach oben war also hochgradig identisch mit der Vernichtung von Geld
und also von Nachfrage, Produktion und Beschäftigung!
Der wahre Grund der Massenarbeitslosigkeit ist also der, dass die
Entwicklung der realen Masseneinkommen seit Jahrzehnten hinter der
Entwicklung der Produktivität und also der Produktionspotentiale
zurückbleibt. Wir leben seit Jahrzehnten nicht über, sondern weit
unter unseren Verhältnissen! Die hohe Staatsverschuldung ist allein
Folge der jahrzehntelangen Steuergeschenke an die Besser- und
Spitzenverdiener, der selbst produzierten Massenarbeitslosigkeit und
sozialen Verelendung und der entgangenen Steuereinnahmen aufgrund fehlenden
Wirtschaftswachstums. Wer immer mehr Geld an die Reichen verschenkt,
muß sich nicht wundern, dass irgendwann die Kasse leer ist. In
infamer Weise, ja widerwärtigem Zynismus werden dann die
Sozialhilfeempfänger, die "Sozialschmarotzer" für die leeren
öffentlichen Kassen verantwortlich gemacht!
Die Behauptung, die Staatsquote, also der Anteil aller Staatsausgaben am
gesamten Sozialprodukt, müsse auf bzw. unter 40 Prozent gedrückt
werden, damit sich "Leistung" wieder lohne, ist völlig
willkürlich - und vollkommener volkswirtschaftlicher Unsinn zudem. Die
Staatsquote gibt nur an, was der Staat umverteilt. Alle auch staatlich
umverteilten Einkommen landen letztlich in privaten Händen - in der
Hand eines Lehrers oder einer Krankenschwester oder in der Hand eines
privaten Unternehmers, der für den Staat Straßen oder Panzer
baut. Die Staatsquote könnte so gesehen bei 100 Prozent liegen - und
die private, markt- und gewinnorientierte Produktion ebenso bei 100
Prozent! Solange die staatliche Umverteilung leistungsgerecht ist, ist
gegen eine hohe und steigende Staatsquote nichts Vernünftiges zu
sagen. Die oft zu hörende Behauptung, dass Steuererhöhungen Gift
für die Wirtschaft seien, ist in dieser Allgemeinheit also kompletter
Unsinn. Ob 1000 Euro von Privatmann Müller oder von einem aus
Steuergeldern bezahlten Lehrer ausgegeben werden, ist für den
volkswirtschaftlichen Gesamtprozess vollkommen gleichgültig. Das Geld
bleibt in der Wirtschaft und vermittelt so oder so Nachfrage, Produktion
und Beschäftigung.
In einer alternden Gesellschaft ist der Anstieg der Staats- bzw.
Sozialquote sogar wünschenswert. Solange wir nur Teile des
Wirtschaftswachstums an die wachsende Zahl der Rentner transferieren,
gewinnen absolut gesehen alle. Das setzt natürlich voraus, dass man
das durch das Wachstum der Produktivität grundsätzlich
mögliche Wirtschaftswachstum nicht kaputtspart, sondern vielmehr durch
eine volkswirtschaftlich sinnvolle Umverteilung von oben nach unten
ermöglicht. Ob dann die Staatsquote steigt oder sinkt oder stagniert,
interessiert Denkbegabte nur noch am Rande.
Die Massenarbeitslosigkeit hat also nichts zu tun mit "zuviel Staat" und
auch nicht mit irgendwelcher "Bürokratisierung" oder gar
"Innovationsfeindlichkeit". Das Gerede von vermeintlicher
"Bürokratisierung" ist das, was es ist: übles
Stammtischgeschwätz. Kein neoliberaler Schwatzkopf, der sich mal
wieder über "zuviel Staat" echauffiert, legt jemals Zahlen, Daten und
Fakten oder wissenschaftliche Untersuchungen vor, die die generelle These
von der Überbürokratisierung des Staates je fundieren würden
- wie auch? Was konkret ist an unseren Schulen und Universitäten, bei
der Feuerwehr, Polizei oder der Bundeswehr, bei Standesämtern oder in
der Finanzverwaltung überbürokratisiert? Ich finde, dass die
meisten Krankenschwestern und Müllmänner weit unterbezahlt sind
und in der Regel weit bessere Arbeit leisten als die satt verdienenden,
sich obszöne Gehaltssteigerungen und Abfindungen genehmigenden Manager
unserer großen, oft in der Tat sehr stark bürokratisierten
privatkapitalistischen Konzerne. Die höchsten Bürotürme in
Deutschland stehen in Frankfurt/a.M. Es sind keine staatlichen.
Und schließlich und endlich hat die Massenarbeitslosigkeit auch
nichts zu tun mit einem vermeintlichen "Innovationsmangel" in unserer
Wirtschaft oder unserer Gesellschaft insgesamt - ein "Innovationsmangel",
der durch mehr "Flexibilität", "Modernisierung" oder gar einen "Ruck"
in unserer "verkrusteten" Gesellschaft behoben werden müsste. Auch das
ist bewusstloses Stammtischgeschwätz. Wie ist Deutschland nur
Exportweltmeister geworden, wenn deutsche Produkte so altmodisch, so wenig
innovativ sind? Machen Sie, liebe Leser, es sich an einem einfachen
Beispiel klar: Seit einigen Jahren gibt es ein bis zwei mal im Jahr bei
einer großen Handelskette (ich glaube, der Laden heißt Aldi
oder so) einen inzwischen berühmten Computer (PC) zu kaufen - und der
Computer ist wohl das Symbol, das Produkt der modernen
Informationsgesellschaft und High-Tech-Industrie. Der Preis des Rechners
ist seit Jahren kaum gestiegen - obwohl er immer besser ausgestattet wurde
und wird und obwohl sich seine wichtigsten Leistungsdaten von Jahr zu Jahr
verdoppelten!! Frage also an die neoliberalen Schwatzköpfe: Wie
schnell müssen sich denn die Leistungsdaten unserer Rechner noch
verdoppeln, dass Ihr euer Geschwätz vom vermeintlichen
"Innovationsmangel" in der BRD einstellt? Sollen neue Computer, Autos,
Digitalkameras, DVD-Player oder ICE-Züge demnächst im
Halbjahresabstand herauskommen? Sind wir dann innovativ genug? Geht die
Massenarbeitslosigkeit dann endlich zurück? Im Lande des
Exportweltmeisters - wohlgemerkt...
Es ist also nicht so, dass die Leute auf Säcken voller Geld sitzen und
auf neue Produkte warten. Sie würden auch gerne "alte" Produkte kaufen
- große Häuser, dicke Autos, teure Kleidung etc. Der Grund,
warum sie es nicht tun, ist allein Geldmangel - und nicht irgend ein
ominöses Innovationsdefizit!
Liebe Neoliberale - Ihr habt einen, um mich höflich auszudrücken,
an der Waffel. Ihr tickt nicht mehr richtig. Was ihr redet, ist
vollkommener Unsinn - und gemeingefährlicher zudem. Die
Massenarbeitslosigkeit hat nichts zu tun mit angeblich zu hohen
Löhnen, mit einer vermeintlich zu hohen Staatsquote oder mit
vorgeblicher Bürokratisierung und Innovationsfeindlichkeit. Sie ist
Produkt einer jahrzehntelangen, volkswirt-schaftlich vollkommen absurden
Verteilungspolitik: der Umverteilung von unten nach oben und einer
dieserart - siehe oben - vollzogenen gigantischen Geldvernichtung.
Eine sinnvolle Wirtschaftspolitik ergibt sich aus dem Gesagten von selbst:
Umverteilung von oben nach unten via drastische Anhebung der
Spitzensteuersätze peu à peu in Richtung 60 Prozent, und zwar
auf alle Einkommen (also auch Zinseinkommen, Einkommen aus
Aktienverkäufen, Erbschaften etc.) und Umverteilung zu den kleinen
Einkommen. Die "da unten" geben dieses Geld geradewegs aus und schaffen
also Nachfrage, Produktion und Beschäftigung - und also auch weitere
Steuereinnahmen. Sie verpulvern ihr Geld nicht wie die "da oben" auf den
internationalen Finanzmärkten. Und damit diese Finanzmärkte ihren
furchtbaren negativen Einfluss auf das Wohl und Wehe ganzer Staaten und
ganzer Staatenregionen endlich verlieren, ist eine sogenannte Tobin- Steuer
notwendig, also die Besteuerung von Finanzgeschäften analog zur
Besteuerung von Warengeschäften (Umsatzsteuer). Dass Geld, dass
Kapital, mit dem privat gehandelt wird und das also als ganz normale Ware
fungiert, von einer Warenumsatzsteuer ausgenommen ist, ist absurd und
volkswirtschaftlich desaströs. Wer behauptet, dass mit einer solchen
Kapitaltransfersteuer die volkswirtschaftlich sinnvolle Allokation
(Verteilung) von Kapital unterbunden wird, weil es nicht mehr dahin
fließen könne, wo es gebraucht wird, der müsste eigentlich
und logischerweise auch behaupten, dass auch Warengeschäfte durch die
vorhandene Umsatzsteuer unterbunden werden. Und das ist natürlich
vollständiger Unsinn.
Wenn man dann noch aus dem wachsenden Steueraufkommen die staatlichen
Zuschüsse zu den sozialen Sicherungssystemen (Rentensystem etc.)
drastisch erhöhen würde, könnten auch die sogenannten
Lohnnebenkosten (Beiträge der Arbeitgeber zur Rentenversicherung usw.)
sinken. Die Arbeitslosigkeit würde also auch von dieser Seite her
bekämpft werden.
Wir brauchen keine "Hauruck"-Politik und keine Reform-, Modernisierungs-,
Flexibilisierungs- und Innovationsschwätzer. Für Innovationen
sorgt der Marktdruck und sorgen unsere Wissenschaftler und Ingenieure -
wenn sie daran nicht durch Arbeitslosigkeit oder Einsparungen im
staatlichen Bildungs- und Wissenschaftssektor, also durch Konservative,
Marktradikale und Neoliberale gehindert werden!
Liebe Leser, wenn Sie als klardenkende Wesen mit den hier ausformulierten
Gedanken konform gehen - helfen Sie bei ihrer Verbreitung! Schicken Sie
diesen Text an möglichst viele Ihrer Freunde und Bekannten, an
Arbeitskollegen, an die Redaktion Ihrer Lokalzeitung oder auch an Ihren
Wahlkreisabgeordneten! Werden Sie aktiv! Dem neoliberalen Wahnsinn
muß ein Ende gesetzt werden! Die Kaputtsparpolitik hat inzwischen
Brüningsche Ausmaße! Wir wissen alle, wer nach Reichskanzler
Brüning kam - ein gewisser Adolf Hitler.
Und wenn Ihnen mal wieder jemand über den Weg läuft, der
irgendwas von zu hoher Staatsquote, zu hohen Löhnen und
Sozialleistungen und der Notwendigkeit von "mehr Eigenverantwortung" faselt
- sagen sie ihm einfach, dass er dummes Zeug schwätzt und von
ökonomischen Zusammenhängen keine Ahnung hat. Das wäre doch
mal etwas Schönes in diesen düsteren Zeiten: dass im Bundestag
mal jemand Rückgrad zeigt, aufsteht und laut und deutlich zu einem
Westerwelle, Schröder oder Stoiber sagt: Halten Sie ihren dummen Mund,
Sie haben von Ökonomie keine Ahnung, Schluß jetzt! Ach,
wäre das schön... Polemik? Denken Sie bitte daran, was die
geisteskranke Wirtschaftspolitik dieser Herrschaften für Leid
über die Menschen gebracht hat: Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Obdachlosigkeit und - steigende Selbstmordraten. Selbst der Ausdruck
Schreibtischtäter wäre in Richtung dieser Herren also keine
unangebrachte Verbalinjurie, sondern Ausdruck eines Faktums.
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