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Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten: Ein Vorschlag von Gerhard Schröder und Tony Blair vom 8. Juni 1999
im Wortlaut
Am 8. Juni 1999 präsentierten der britische Premierminister Tony
Blair und Bundeskanzler Gerhard Schröder in London ein Papier, das einen
"Anstoß zur Modernisierung" der Sozialdemokratie in Europa geben will. Die
Erklärung, zu deren Mitverfassern Kanzleramtsminister Bodo Hombach zählt,
fordert eine Abgrenzung von "traditioneller" sozialdemokratischer Politik.
Das Verständnis dessen, was "links" ist, dürfe nicht "ideologisch
einengen". Die Wahlkampflabel einer "Politik des Dritten Weges" (Blair) und
der "Neuen Mitte" (Schröder) sollen "Europas neue Hoffnung"
werden.
In fast allen Ländern der Europäischen Union regieren Sozialdemokraten. Die
Sozialdemokratie hat neue Zustimmung gefunden - aber nur, weil sie
glaubwürdig begonnen hat, auf der Basis ihrer alten Werte ihre
Zukunftsentwürfe zu erneuern und ihre Konzepte zu modernisieren. Sie hat
neue Zustimmung auch gewonnen, weil sie nicht nur für soziale
Gerechtigkeit, sondern auch für wirtschaftliche Dynamisierung und für die
Freisetzung von Kreativität und Innovation steht.
Markenzeichen dafür ist die "Neue Mitte" in Deutschland, der "Dritte Weg"
im Vereinigten Königreich. Andere Sozialdemokraten wählen andere Begriffe,
die zu ihrer eigenen politischen Kultur passen. Mögen Sprache und
Institutionen sich unterscheiden: Die Motivation ist die gleiche. Die
meisten Menschen teilen ihre Weltsicht längst nicht mehr nach dem Dogma von
Links und Rechts ein. Die Sozialdemokraten müssen die Sprache dieser
Menschen sprechen.
Fairneß, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit, Solidarität
und Verantwortung für andere: diese Werte sind zeitlos. Die
Sozialdemokratie wird sie nie preisgeben. Um diese Werte für die heutigen
Herausforderungen relevant zu machen, bedarf es realistischer und
vorausschauender Politik, die in der Lage ist, die Herausforderungen des
21. Jahrhunderts zu erkennen. Modernisierung der Politik bedeutet nicht,
auf Meinungsumfragen zu reagieren, sondern es bedeutet, sich an objektiv
veränderte Bedingungen anzupassen.
Wir müssen unsere Politik in einem neuen, auf den heutigen Stand gebrachten
wirtschaftlichen Rahmen betreiben, innerhalb dessen der Staat die
Wirtschaft nach Kräften fördert, sich aber nie als Ersatz für die
Wirtschaft betrachtet. Die Steuerungsfunktion von Märkten muß durch die
Politik ergänzt und verbessert, nicht aber behindert werden. Wir
unterstützen eine Marktwirtschaft, nicht aber eine Marktgesellschaft!
Wir teilen ein gemeinsames Schicksal in der Europäischen Union. Wir stehen
den gleichen Herausforderungen gegenüber: Arbeitsplätze und Wohlstand
fördern, jedem einzelnen Individuum die Möglichkeit bieten, seine eigenen
Potentiale zu entwickeln, soziale Ausgrenzung und Armut bekämpfen;
materiellen Fortschritt, ökologische Nachhaltigkeit und unsere
Verantwortung für zukünftige Generationen miteinander vereinbaren; Probleme
wie Drogen und Kriminalität, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaften
bedrohen, wirksam bekämpfen und Europa zu einem attraktiven Modell in der
Welt machen.
Wir müssen unsere Politik stärken, indem wir unsere Erfahrungen zwischen
Großbritannien und Deutschland austauschen, aber auch mit den
Gleichgesinnten in Europa und der übrigen Welt. Wir müssen voneinander
lernen und uns an der besten Praxis und Erfahrung in anderen Ländern
messen. Mit diesem Appell wollen wir die anderen sozialdemokratisch
geführten Regierungen Europas, die unsere Modernisierungsziele teilen,
einladen, sich an unserer Diskussion zu beteiligen.
I. Aus Erfahrung lernen
Obgleich Sozialdemokraten und Labour Party eindrucksvoll historische
Errungenschaften vorweisen können, müssen wir heute realitätstaugliche
Antworten auf neue Herausforderungen in Gesellschaft und Ökonomie
entwickeln. Dies erfordert Treue zu unseren Werten, aber Bereitschaft zum
Wandel der alten Mittel und traditionellen Instrumente.
- In der Vergangenheit wurde die Förderung der sozialen Gerechtigkeit
manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt.
Letztlich wurde damit die Bedeutung von eigener Anstrengung und
Verantwortung ignoriert und nicht belohnt und die soziale Demokratie mit
Konformität und Mittelmäßigkeit verbunden statt mit Kreativität, Diversität
und herausragender Leistung. Einseitig wurde die Arbeit immer höher mit
Kosten belastet.
- Der Weg zur sozialen Gerechtigkeit war mit immer höheren öffentlichen
Ausgaben gepflastert, ohne Rücksicht auf Ergebnisse oder die Wirkung der
hohen Steuerlast auf Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung oder private
Ausgaben. Qualitätvolle soziale Dienstleistungen sind ein zentrales
Anliegen der Sozialdemokraten, aber soziale Gerechtigkeit läßt sich nicht
an der Höhe der öffentlichen Ausgaben messen. Der wirkliche Test für die
Gesellschaft ist, wie effizient diese Ausgaben genutzt werden und inwieweit
sie die Menschen in die Lage versetzen, sich selbst zu helfen.
- Die Ansicht, daß der Staat schädliches Marktversagen korrigieren müsse,
führte allzuoft zur überproportionalen Ausweitung von Verwaltung und
Bürokratie, im Rahmen sozialdemokratischer Politik. Wir haben Werte, die
den Bürgern wichtig sind - wie persönliche Leistung und Erfolg,
Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn - zu häufig
zurückgestellt hinter universelles Sicherungsstreben.
- Allzu oft wurden Rechte höher bewertet als Pflichten. Aber die
Verantwortung des einzelnen in Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft kann
nicht an den Staat delegiert werden. Geht der Gedanke der gegenseitigen
Verantwortung verloren, so führt dies zum Verfall des Gemeinsinns, zu
mangelnder Verantwortung gegenüber Nachbarn, zu steigender Kriminalität und
Vandalismus und einer Überlastung des Rechtssystems.
- Die Fähigkeit der nationalen Politik zur Feinsteuerung der Wirtschaft
hinsichtlich der Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen wurde über-, die
Bedeutung des einzelnen und der Wirtschaft bei der Schaffung von Wohlstand
unterschätzt. Die Schwächen der Märkte wurden über-, ihre Stärken
unterschätzt.
II. Neue Konzepte für veränderte Realitäten
Das Verständnis dessen, was "links" ist, darf nicht ideologisch
einengen.
- Die Politik der Neuen Mitte und des Dritten Weges richtet sich an den
Problemen der Menschen aus, die mit dem raschen Wandel der Gesellschaften
leben und zurechtkommen müssen. In dieser neu entstehenden Welt wollen die
Menschen Politiker, die Fragen ohne ideologische Vorbedingungen angehen und
unter Anwendung ihrer Werte und Prinzipien nach praktischen Lösungen für
ihre Probleme suchen, mit Hilfe aufrichtiger, wohl konstruierter und
pragmatischer Politik. Wähler, die in ihrem täglichen Leben Initiative und
Anpassungsfähigkeit im Hinblick auf die wirtschaftlichen und sozialen
Veränderungen beweisen müssen, erwarten das gleiche von ihren Regierungen
und ihren Politikern.
- In einer Welt immer rascherer Globalisierung und wissenschaftlicher
Veränderungen müssen wir Bedingungen schaffen, in denen bestehende
Unternehmen prosperieren und sich entwickeln und neue Unternehmen entstehen
und wachsen können.
- Neue Technologien ziehen radikale Veränderungen der Arbeit sowie eine
Internationalisierung der Produktion nach sich. Einerseits führen sie dazu,
daß Fertigkeiten verlorengehen und einige Wirtschaftszweige schrumpfen,
andererseits fördern sie die Entstehung neuer Unternehmen und Tätigkeiten.
Daher besteht die wichtigste Aufgabe der Modernisierung darin, in
Humankapital zu investieren, um sowohl den einzelnen als auch die
Unternehmen auf die wissensgestützte Wirtschaft der Zukunft
vorzubereiten.
- Ein einziger Arbeitsplatz fürs ganze Leben ist Vergangenheit.
Sozialdemokraten müssen den wachsenden Anforderungen an die Flexibilität
gerecht werden und gleichzeitig soziale Mindestnormen aufrechterhalten,
Familien bei der Bewältigung des Wandels helfen und Chancen für die
eröffnen, die nicht Schritt halten können.
- Wir stehen zunehmend vor der Herausforderung, umweltpolitische
Verantwortung gegenüber künftigen Generationen mit materiellem Fortschritt
für die Breite der Gesellschaft zu vereinbaren. Wir müssen Verantwortung
für die Umwelt mit einem modernen, marktwirtschaftlichen Ansatz verbinden.
Was den Umweltschutz anbelangt, so verbrauchen die neuesten Technologien
weniger Ressourcen, eröffnen neue Märkte und schaffen Arbeitsplätze.
- Die Höhe der Staatsausgaben hat trotz einiger Unterschiede mehr oder
weniger die Grenzen der Akzeptanz erreicht. Die notwendige Kürzung der
staatlichen Ausgaben erfordert eine radikale Modernisierung des
öffentlichen Sektors und eine Leistungssteigerung und Strukturreform der
öffentlichen Verwaltung. Der öffentliche Dienst muß den Bürgern tatsächlich
dienen: Wir werden daher nicht zögern, Effizienz-, Wettbewerbs- und
Leistungsdenken einzuführen.
- Die sozialen Sicherungssysteme müssen sich den Veränderungen in der
Lebenserwartung, der Familienstruktur und der Rolle der Frauen anpassen.
Sozialdemokraten müssen Wege finden, die immer drängenderen Probleme von
Kriminalität, sozialem Zerfall und Drogenmißbrauch zu bekämpfen. Wir müssen
uns an die Spitze stellen, wenn es darum geht, eine Gesellschaft mit
gleichen Rechten und Chancen für Frauen und Männer zu schaffen.
- Armut, insbesondere unter Familien mit Kindern, bleibt ein zentrales
Problem. Wir brauchen gezielte Maßnahmen für die, die am meisten von
Marginalisierung und sozialer Ausgrenzung bedroht sind.
- Die Kriminalität ist ein zentrales politisches Thema für die moderne
Sozialdemokraten: So verstehen wir Sicherheit auf den Straßen als ein
Bürgerrecht.
- Und: Eine Politik für lebenswerte Städte fördert Gemeinsinn, schafft
Arbeit und macht die Wohnviertel sicherer.
All dies erfordert auch einen modernen Ansatz des Regierens.
- Der Staat soll nicht rudern, sondern steuern, weniger kontrollieren als
herausfordern. Problemlösungen müssen vernetzt werden.
- Innerhalb des öffentlichen Sektors muß es darum gehen, Bürokratie auf
allen Ebenen abzubauen, Leistungsziele zu formulieren, die Qualität
öffentlicher Dienste rigoros zu überwachen und schlechte Leistungen
auszumerzen.
- Moderne Sozialdemokraten lösen Probleme, wo sie sich am besten lösen
lassen. Einige Probleme lassen sich jetzt nur noch auf europäischer Ebene
lösen. Andere, wie die jüngsten Finanzkrisen, erfordern eine stärkere
internationale Zusammenarbeit. Im Grundsatz sollte jedoch gelten, daß
Machtbefugnisse an die niedrigstmögliche Ebene delegiert werden.
Wenn die neue Politik gelingen soll, muß sie eine Aufbruchstimmung und
einen neuen Unternehmergeist auf allen Ebenen der Gesellschaft fördern.
Dies erfordert:
- kompetente und gut ausgebildete Arbeitnehmer, die willens und bereit
sind, neue Verantwortung zu übernehmen.
- Ein Sozialsystem, das Initiative und Kreativität fördert und neue
Spielräume öffnet;
- Ein positives Klima für unternehmerische Selbständigkeit und Initiative.
Kleine Unternehmen müssen leichter zu gründen sein und überlebensfähiger
werden;
- Wir wollen eine Gesellschaft, die erfolgreiche Unternehmer ebenso positiv
bestätigt wie erfolgreiche Künstler und Fußballspieler und die Kreativität
in allen Lebensbereichen zu schätzen weiß.
Unsere Staaten haben unterschiedliche Traditionen im Umgang zwischen Staat,
Industrie, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Gruppen, aber wir alle
teilen die Überzeugung, daß die traditionellen Konflikte am Arbeitsplatz
überwunden werden müssen.
Dazu gehört vor allem, die Bereitschaft und die Fähigkeit der Gesellschaft
zum Dialog und zum Konsens wieder neu zu gewinnen und zu stärken. Wir
wollen allen Gruppen ein Angebot unterbreiten, sich in die gemeinsame
Verantwortung für das Gemeinwohl einzubringen.
In Deutschland hat die neue sozialdemokratische Regierung deshalb sofort
nach Amtsantritt Spitzenvertreter von Politik, Wirtschaft und
Gewerkschaften zu einem Bündnis für Arbeit, Ausbildung und
Wettbewerbsfähigkeit um einen Tisch versammelt.
- Wir möchten wirkliche Partnerschaft bei der Arbeit, indem die
Beschäftigten die Chance erhalten, die Früchte des Erfolgs mit den
Unternehmern zu teilen.
- Wir wollen, daß die Gewerkschaften in der Modernen Welt verankert
bleiben. Wir wollen, daß sie den einzelnen gegen Willkür schützen und in
Kooperation mit den Arbeitgebern den Wandel gestalten und dauerhaften
Wohlstand schaffen helfen.
- In Europa streben wir - unter dem Dach eines Europäischen
Beschäftigungspaktes - einen fortlaufenden Dialog mit den Sozialpartnern
an. Das befördert den notwendigen ökonomischen Wandel.
III. Eine neue angebotsorientierte Agenda für die Linke
Europa sieht sich der Aufgabe gegenüber, den Herausforderungen der
Weltwirtschaft zu begegnen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt
angesichts tatsächlicher oder subjektiv empfundener Ungewißheit zu wahren.
Eine Zunahme der Beschäftigung und der Beschäftigungschancen ist die beste
Garantie für eine in sich gefestigte Gesellschaft.
Die beiden vergangenen Jahrzehnte des neoliberalen Laisser-faire sind
vorüber. An ihre Stelle darf jedoch keine Renaissance des "Deficit
Spending" und massiver staatlicher Intervention im Stile der 70er Jahre
treten. Eine solche Politik führt heute in die falsche Richtung.
Unsere Volkswirtschaften und die globalen Wirtschaftsbeziehungen haben
einen radikalen Wandel erfahren. Neue Bedingungen und neue Realitäten
erfordern eine Neubewertung alter Vorstellungen und die Entwicklung neuer
Konzepte.
In einem großen Teil Europas ist die Arbeitslosigkeit viel zu hoch, und ein
großer Teil dieser Arbeitslosigkeit ist strukturell bedingt. Um dieser
Herausforderung begegnen zu können, müssen die europäischen
Sozialdemokraten gemeinsam eine neue angebotsorientierte Agenda für die
Linke formulieren und umsetzen.
Wir wollen den Sozialstaat modernisieren, nicht abschaffen. Wir wollen neue
Wege der Solidarität und der Verantwortung für andere beschreiten, ohne die
Motive für wirtschaftliche Aktivitäten auf puren Eigennutz zu gründen.
Die wichtigsten Elemente dieses Ansatzes sind die folgenden:
Ein robuster und wettbewerbsfähiger marktwirtschaftlicher
Rahmen
Wettbewerb auf den Produktmärkten und offener Handel sind von wesentlicher
Bedeutung für die Stimulierung von Produktivität und Wachstum. Aus diesem
Grund sind Rahmenbedingungen, unter denen ein einwandfreies Spiel der
Marktkräfte möglich ist, entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg und eine
Vorbedingung für eine erfolgreichere Beschäftigungspolitik.
- Die EU sollte auch weiterhin als entschiedene Kraft für die
Liberalisierung des Welthandels eintreten.
- Die EU sollte auf den Errungenschaften des Binnenmarktes aufbauen, um
wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu stärken, die das
Produktivitätswachstum fördern.
Eine auf die Förderung nachhaltigen Wachstums ausgerichtete
Steuerpolitik
In der Vergangenheit wurden Sozialdemokraten mit hohen Steuern,
insbesondere Unternehmenssteuern, identifiziert. Moderne Sozialdemokraten
erkennen an, daß Steuerreformen und Steuersenkungen unter den richtigen
Umständen wesentlich dazu beitragen können, ihre übergeordneten
gesellschaftlichen Ziele zu verwirklichen.
So stärken Körperschaftssteuersenkungen die Rentabilität und schaffen
Investitionsanreize. Höhere Investitionen wiederum erweitern die
Wirtschaftstätigkeit und verstärken das Produktivpotential. Dies trägt zu
einem positiven Dominoeffekt bei, durch den Wachstum die Ressourcen
vermehrt, die für öffentliche Ausgaben für soziale Zwecke zur Verfügung
stehen.
- Die Unternehmensbesteuerung sollte vereinfacht, und die
Körperschaftssteuersätze sollten gesenkt werden, wie dies New Labour im
Vereinigten Königreich getan hat und wie es die Bundesregierung plant.
- Um sicherzustellen, daß Arbeit sich lohnt, und um die Fairneß des
Steuersystems zu stärken, sollten Familien und Arbeitnehmer entlastet
werden, wie dies in Deutschland (mit dem Steuerentlastungsgesetz) begonnen
wurde - und mit der Einführung niedrigerer Eingangssteuersätze und dem
Steuerkredit für arbeitende Familien in Großbritannien.
- Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen - insbesondere
des Mittelstandes - sollten gestärkt werden, wie dies die
sozialdemokratisch geführte Bundesregierung in Deutschland mit der
Unternehmenssteuerreform beabsichtigt, und wie es die Reform der
Kapitaleinkünfte und der Unternehmenssteuern in Großbritannien zeigt.
- Die Steuerbelastung von harter Arbeit und Unternehmertum sollte reduziert
werden. Die Steuerbelastung insgesamt sollte neu ausbalanciert werden, zum
Beispiel zu Lasten des Umweltverbrauchs. Deutschland, Großbritannien und
andere sozialdemokratisch regierte Länder Europas gehen auf diesem Weg
voran.
- Auf EU-Ebene sollte die Steuerpolitik energische Maßnahmen zur Bekämpfung
des unlauteren Wettbewerbs und der Steuerflucht unterstützen. Dies
erfordert bessere Zusammenarbeit, nicht Uniformität. Wir werden keine
Maßnahmen unterstützen, die zu einer höheren Steuerlast führen und die
Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze in der EU gefährden.
Angebots- und Nachfragepolitik gehören zusammen und sind keine
Alternativen
In der Vergangenheit haben Sozialdemokraten oft den Eindruck erweckt,
Wachstum und eine hohe Beschäftigungsquote ließen sich durch eine
erfolgreiche Steuerung der Nachfrage allein erreichen. Moderne
Sozialdemokraten erkennen an, daß eine angebotsorientierte Politik eine
zentrale und komplementäre Rolle zu spielen hat.
In der heutigen Welt haben die meisten wirtschaftspolitischen
Entscheidungen Auswirkungen sowohl auf Angebot als auch auf Nachfrage.
- Erfolgreiche Programme, die von der Sozialhilfe in die Beschäftigung
führen, steigern das Einkommen der zuvor Beschäftigungslosen und verbessern
das den Arbeitgebern zur Verfügung stehende Arbeitskräfteangebot.
- Moderne Wirtschaftspolitik strebt an, die Nettoeinkommen der
Beschäftigten zu erhöhen und zugleich die Kosten der Arbeit für die
Arbeitgeber zu senken. Deshalb hat die Senkung der gesetzlichen
Lohnnebenkosten durch strukturelle Reformen der sozialen Sicherungssysteme
und eine zukunftsorientierte, beschäftigungsfreundliche Steuer- und
Abgabenstruktur besondere Bedeutung.
Ziel sozialdemokratischer Politik ist es, den Scheinwiderspruch von
Angebots- und Nachfragepolitik zugunsten eines fruchtbaren Miteinanders von
mikroökonomischer Flexibilität und makroökonomischer Stabilität zu
überwinden.
Um in der heutigen Welt ein größeres Wachstum und mehr Arbeitsplätze zu
erreichen, müssen Volkswirtschaften anpassungsfähig sein: Flexible Märkte
sind ein modernes sozialdemokratisches Ziel.
Makroökonomische Politik verfolgt noch immer einen wesentlichen Zweck: Sie
will den Rahmen für stabiles Wachstum schaffen und extreme
Konjunkturschwankungen vermeiden. Sozialdemokraten müssen aber erkennen,
daß die Schaffung der richtigen makroökonomischen Bedingungen nicht
ausreicht, um Wachstum zu stimulieren und mehr Arbeitsplätze zu schaffen.
Veränderungen der Zinssätze oder der Steuerpolitik führen nicht zu
verstärkter Investitionstätigkeit und zu mehr Beschäftigung, wenn nicht
gleichzeitig die Angebotsseite der Wirtschaft anpassungsfähig genug ist, um
zu reagieren. Um die europäische Wirtschaft dynamischer zu gestalten,
müssen wir sie auch flexibler machen.
- Unternehmen müssen genügend Spielraum haben, um sich die verbesserten
Wirtschaftsbedingungen zunutze zu machen und neue Chancen zu ergreifen: Sie
dürfen nicht durch Regulierungen und Paragraphen erstickt werden.
- Die Produkt-, Kapital- und Arbeitsmärkte müssen allesamt flexibel sein:
Wir dürfen nicht Rigidität in einem Teil des Wirtschaftssystems mit
Offenheit und Dynamik in einem anderen verbinden.
Anpassungsfähigkeit und Flexibilität stehen in der wissensgestützten
Dienstleistungsgesellschaft in Zukunft immer höher im Kurs
Unsere Volkswirtschaften befinden sich im Übergang von der industriellen
Produktion zur wissensorientierten Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft.
Sozialdemokraten müssen die Chance ergreifen, die dieser wirtschaftlicher
Umbruch mit sich bringt. Sie bietet Europa die Gelegenheit, zu den
Vereinigten Staaten aufzuschließen. Sie eröffnet Millionen Menschen die
Chance, neue Arbeitsplätze zu finden, neue Fähigkeiten zu erlernen, neue
Berufe zu ergreifen, neue Unternehmen zu gründen und zu erweitern - kurzum,
ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verwirklichen.
Sozialdemokraten müssen aber auch anerkennen, daß sich die
Grundvoraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg verändert haben.
Dienstleistungen kann man nicht auf Lager halten: Der Kunde nutzt sie, wie
und wann er sie braucht - zu unterschiedlichen Tageszeiten, auch außerhalb
der heute als üblich geltenden Arbeitszeit. Das rasche Vordringen des
Informationszeitalters, insbesondere das enorme Potential des
elektronischen Handels, verspricht, die Art, wie wir einkaufen, lernen,
miteinander kommunizieren und uns entspannen, radikal zu verändern.
Rigidität und Überregulierung sind ein Bremsklotz für die
wissensorientierte Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft. Sie ersticken
das Innovationspotential, das zur Schaffung neuen Wachstums und neuer
Arbeitsplätze erforderlich ist. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr
Flexibilität.
Ein aktiver Staat in einer neuverstandenen Rolle hat einen zentralen
Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung zu leisten
Moderne Sozialdemokraten sind keine Laisser-faire-Neoliberalen. Flexible
Märkte müssen mit einer neu definierten Rolle für einen aktiven Staat
kombiniert werden. Erste Priorität muß die Investition in menschliches und
soziales Kapital sein.
Wenn auf Dauer ein hoher Beschäftigungsstand erreicht werden soll, müssen
Arbeitnehmer auf sich verändernde Anforderungen reagieren. Unsere
Volkswirtschaften leiden an einer erheblichen Diskrepanz zwischen offenen
Stellen, die nicht besetzt werden können (z.B. im Bereich Informations- und
Kommunikationstechnologie), und (dem Mangel an) angemessen qualifizierten
Bewerbern.
Dies bedeutet, daß Bildung keine "einmalige" Chance sein darf: Zugang und
Nutzung zu Bildungsmöglichkeiten und lebenslanges Lernen stellen die
wichtigste Form der Sicherheit in der modernen Welt dar. Die Regierungen
sind deshalb dafür verantwortlich, einen Rahmen zu schaffen, der es den
einzelnen ermöglicht, ihre Qualifikationen zu steigern und ihre Fähigkeiten
auszuschöpfen. Dies muß heute für Sozialdemokraten höchste Priorität
haben.
- Die Ausbildungsqualität auf allen Ebenen der schulischen Bildung und für
jede Art von Begabung muß gesteigert werden: Wo Probleme bei Lesen,
Schreiben und Rechnen bestehen, müssen diese behoben werden, da wir
ansonsten Menschen zu einem Leben mit niedrigem Einkommen, Unsicherheit und
Arbeitslosigkeit verurteilen.
- Wir wollen, daß jeder Jugendliche die Chance erhält, sich über eine
qualifizierte Berufsausbildung den Weg in die Arbeitswelt zu bahnen. Im
Dialog mit den Arbeitgebern, den Gewerkschaften und anderen müssen wir
sicherstellen, daß Bildungschancen und eine ausreichende Zahl von
Ausbildungsplätzen zur Verfügung gestellt und die Bedürfnisse der lokalen
Arbeitsmärkte gedeckt werden. In Deutschland unterstützt die Politik dieses
Vorhaben mit einem Sofortprogramm für Arbeit und Ausbildung, das 100000
Jugendlichen einen neuen Job, eine Lehrstelle oder eine Qualifizierung
vermittelt. In Großbritannien hat das "welfare to work"-Programm es bereits
95000 Jugendlichen ermöglicht, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu
finden.
-Wir müssen die nachschulische Ausbildung reformieren und ihre Qualität
heben und gleichzeitig Bildungs- und Ausbildungsprogramme modernisieren, um
Anpassungs- und Beschäftigungsfähigkeit im späteren Leben zu fördern. Dem
Staat kommt die besondere Aufgabe zu, Anreize zur Bildung von Sparkapital
zu setzen, um die Kosten des lebenslangen Lernens bestreiten zu können.
Auch soll ein breiterer Bildungszugang durch die Förderung des
Fernunterrichts geschaffen werden.
- Wir sollten sicherstellen, daß die Ausbildung eine wesentliche Rolle in
unseren aktiven Arbeitsmarktpolitiken für Arbeitslose und die von
Arbeitslosigkeit betroffenen Haushalte spielt.
Eine moderne und effiziente öffentliche Infrastruktur einschließlich einer
starken Wissenschaftsbasis ist ein wesentliches Merkmal einer dynamischen
arbeitsplätzeschaffenden Wirtschaft. Es ist wichtig sicherzustellen, daß
sich die öffentlichen Ausgaben in ihrer Zusammensetzung auf diejenigen
Tätigkeiten konzentrieren, die dem Wachstum und der Förderung des
notwendigen Strukturwandels am besten dienen.
Moderne Sozialdemokraten müssen die Anwälte des Mittelstands
sein
Der Aufbau eines prosperierenden Mittelstands muß eine wichtige Priorität
für moderne Sozialdemokraten sein. Hier liegt das größte Potential für
neues Wachstum und neue Arbeitsplätze in der wissensgestützten Gesellschaft
der Zukunft.
- Menschen unterschiedlichster Herkunft wollen sich selbständig machen:
Seit langem etablierte und neue Unternehmer, Anwälte, Computerexperten,
Ärzte, Handwerker, Unternehmensberater, Kulturschaffende und Sportler.
Ihnen muß man den Spielraum lassen, wirtschaftliche Initiative zu
entwickeln und neue Geschäftsideen zu kreieren. Sie müssen zur
Risikobereitschaft ermutigt werden. Gleichzeitig muß man ihre Belastungen
verringern. Ihre Märkte und ihr Ehrgeiz dürfen nicht durch Grenzen
behindert werden.
- Europas Kapitalmärkte sollten geöffnet werden, damit Unternehmen und
Unternehmer leichten Zugang zu Finanzierungsquellen erhalten. Wir wollen
gemeinsam daran arbeiten sicherzustellen, daß High-Tech-Firmen im Wachstum
denselben Zugang zu den Kapitalmärkten erhalten wie ihre Konkurrenten.
- Wir sollten es dem einzelnen leicht machen, Unternehmen zu gründen, und
neuen Firmengründungen sollten wir Wege bahnen, indem wir Kleinunternehmen
von administrativen Belastungen befreien und ihren Zugang zu
Finanzierungsmöglichkeiten erweitern. Wir sollten es Kleinunternehmen im
besonderen erleichtern, neues Personal einzustellen: Dies bedeutet, die
Regulierungslast zu verringern und die Lohnnebenkosten zu senken.
- Die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sollten gestärkt
werden, um mehr unternehmerische Nebeneffekte ("spin offs") aus der
Forschung und die Förderung der Konzentration ("clusters") neuer
High-Tech-Industrien zu gewährleisten.
Gesunde öffentliche Finanzen sollten zum Gegenstand des Stolzes für
Sozialdemokraten werden.
In der Vergangenheit wurde sozialdemokratische Politik allzu oft assoziiert
mit der Einstellung, daß der beste Weg zur Förderung von Beschäftigung und
Wachstum die Ausdehnung der öffentlichen Verschuldung zum Zweck höherer
öffentlicher Ausgaben sei. Für uns ist öffentliche Verschuldung nicht
generell abzulehnen - während eines zyklischen Abschwungs kann es Sinn
machen, die automatischen Stabilisatoren arbeiten zu lassen. Und
Verschuldung mit dem Ziel höherer öffentlicher Investitionen, in strikter
Beachtung der "goldenen Regel", kann eine wichtige Rolle in der Stärkung
der Angebotsseite der Ökonomie spielen.
Aber "Deficit Spending" kann nicht genutzt werden, um strukturelle
Schwächen in der Ökonomie zu beseitigen, die schnelleres Wachstum und
höhere Beschäftigung verhindern. Sozialdemokraten dürfen deshalb exzessive
Staatsverschuldung nicht tolerieren. Wachsende Verschuldung stellt eine
unfaire Belastung kommender Generationen dar. Sie kann unwillkommene
Verteilungseffekte haben. Und schließlich ist Geld, das zum Schuldendienst
eingesetzt werden muß, nicht mehr für andere Prioritäten verfügbar,
einschließlich höherer Investitionen in Bildung, Ausbildung und
Infrastruktur.
IV. Eine aktive Arbeitsmarktpolitik für die Linke
Der Staat muß die Beschäftigung aktiv fördern und nicht nur passiver
Versorger der Opfer wirtschaftlichen Versagens sein.
Menschen, die nie gearbeitet haben oder schon lange arbeitslos sind,
verlieren die Fertigkeiten, die sie brauchen, um auf dem Arbeitsmarkt
konkurrieren zu können. Langzeitarbeitslosigkeit beeinträchtigt die
persönlichen Lebenschancen auch in anderer Weise und macht die
uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe schwieriger.
Ein Sozialversicherungssystem, das die Fähigkeit, Arbeit zu finden,
behindert, muß reformiert werden. Moderne Sozialdemokraten wollen das
Sicherheitsnetz aus Ansprüchen in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung
umwandeln.
Für unsere Gesellschaften besteht der Imperativ der sozialen Gerechtigkeit
aus mehr als der Verteilung von Geld. Unser Ziel ist eine Ausweitung der
Chancengleichheit, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Alter oder Behinderung
- um sozialen Ausschluß zu bekämpfen und die Gleichheit zwischen Mann und
Frau sicherzustellen.
Die Menschen verlangen zu Recht nach hochwertigen Dienstleistungen und
Solidarität für alle, die Hilfe brauchen - aber auch nach Fairneß gegenüber
denen, die das bezahlen. Alle sozialpolitischen Instrumente müssen
Lebenschancen verbessern, Selbsthilfe anregen, Eigenverantwortung
fördern.
Mit diesem Ziel wird in Deutschland das Gesundheitssystem ebenso wie das
System der Alterssicherung umfassend modernisiert, indem beide auf die
Veränderungen in der Lebenserwartung und die sich verändernden
Erwerbsbiographien eingestellt werden, ohne den Grundsatz der Solidarität
dabei preiszugeben. Derselbe Gedanke stand im Hintergrund bei der
Einführung der "Stakeholder Pensions" und der Reform der
Erwerbsunfähigkeitszahlungen in Großbritannien.
Zeiten der Arbeitslosigkeit müssen in einer Wirtschaft, in der es den
lebenslangen Arbeitsplatz nicht mehr gibt, eine Chance für Qualifizierung
und persönliche Weiterbildung sein. Teilzeitarbeit und geringfügige Arbeit
sind besser als gar keine Arbeit, denn sie erleichtern den Übergang von
Arbeitslosigkeit in Beschäftigung.
Eine neue Politik mit dem Ziel, arbeitslosen Menschen Arbeitsplätze und
Ausbildung anzubieten, ist eine sozialdemokratische Priorität - wir
erwarten aber auch, daß jeder die ihm gebotenen Chancen annimmt.
Es reicht aber nicht, die Menschen mit den Fähigkeiten und Kenntnissen
auszurüsten, die sie brauchen, um erwerbstätig zu werden. Das System der
Steuern und Sozialleistungen muß sicherstellen, daß es im Interesse der
Menschen liegt, zu arbeiten. Ein gestrafftes und modernisiertes Steuer- und
Sozialleistungssystem ist eine wesentliche Komponente der aktiven,
angebotsorientierten Arbeitsmarktpolitik der Linken. Wir müssen:
- dafür sorgen, daß sich Arbeit für den einzelnen und die Familie lohnt.
Der größte Teil des Einkommens muß in den Taschen derer verbleiben, die
dafür gearbeitet haben;
- Arbeitgeber durch den gezielten Einsatz von Subventionen für geringfügige
Beschäftigung und die Verringerung der Steuer- und Sozialabgabenlast auf
geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ermutigen, "Einstiegsjobs" in den
Arbeitsmarkt anzubieten. Wir müssen ausloten, wieviel Spielraum es gibt,
die Belastung durch Lohnnebenkosten mit Hilfe von Umweltsteuern zu
senken;
- gezielte Programme für Langzeitarbeitslose und andere Benachteiligte
auflegen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich unter Beachtung des
Grundsatzes, daß Rechte gleichzeitig auch Pflichten bedingen, wieder in den
Arbeitsmarkt zu integrieren;
- alle Leistungsempfänger, darunter auch Menschen im arbeitsfähigen Alter,
die Erwerbsunfähigkeitsleistungen beziehen, auf ihre Fähigkeit überprüfen,
ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die staatlichen Stellen so
reformieren, daß sie Arbeitsfähige dabei unterstützen, eine geeignete
Beschäftigung zu finden.
- Unternehmergeist und Geschäftsgründungen als gangbaren Weg aus der
Arbeitslosigkeit unterstützen. Solche Entscheidungen bringen erhebliche
Risiken für diejenigen mit sich, die einen solchen Schritt wagen. Wir
müssen diese Menschen unterstützen, indem wir diese Risiken kalkulierbar
machen.
Die neue angebotsorientierte Agenda der Linken wird den Strukturwandel
beschleunigen. Sie wird es aber auch leichter machen, mit ihm zu leben und
ihn zu gestalten.
Anpassung an den Wandel ist nie einfach, und der Wandel scheint sich
schneller zu vollziehen als je zuvor, nicht zuletzt aufgrund der
Auswirkungen neuer Technologien. Der Wandel vernichtet unweigerlich
Arbeitsplätze, aber er schafft auch neue.
Zwischen dem Verlust von Arbeitsplätzen in einem Sektor und der Schaffung
von neuen Arbeitsplätzen anderswo können jedoch zeitliche Lücken entstehen.
Was immer der langfristige Nutzen für Volkswirtschaften und Lebensstandard
sein mag, in einigen Wirtschaftszweigen und bei einigen Gruppen werden sich
die Kosten vor dem Nutzen einstellen. Daher müssen wir unsere Bemühungen
darauf konzentrieren, Probleme des Übergangs abzufedern. Die unerwünschten
Auswirkungen des Wandels werden um so stärker ausfallen, je länger man sich
diesem Wandel widersetzt, aber es wäre Wunschdenken, sie leugnen zu
wollen.
Je reibungsloser der Arbeitsmarkt und die Produktmärkte funktionieren,
desto leichter wird die Anpassung gelingen. Beschäftigungshindernisse in
Sektoren mit relativ niedriger Produktivität müssen verringert werden, wenn
Arbeitnehmer, die von den mit jedem Strukturwandel einhergehenden
Produktivitätszuwächsen verdrängt wurden, anderswo Arbeit finden sollen.
Der Arbeitsmarkt braucht einen Sektor mit niedrigen Löhnen, um gering
Qualifizierten Arbeitsplätze verfügbar zu machen.
Die öffentliche Hand kann durch die gezielte Entlastung niedriger Einkommen
von Sozialabgaben neue Erwerbschancen schaffen und so gleichzeitig
Unterstützungsleistungen für Arbeitslose sparen. Reformierte
Arbeitsmarktpolitiken müssen verdrängte Arbeitnehmer durch Umschulung, die
gezielte Rückführung aus der sozialen Abhängigkeit in Erwerbstätigkeit
sowie Maßnahmen, durch die sich Arbeit wieder lohnen soll, an diese neuen
Beschäftigungsmöglichkeiten heranführen.
V. "Politisches Benchmarking" in Europa
Die Herausforderung besteht in der Formulierung und Umsetzung einer
neuen sozialdemokratischen Politik in Europa. Wir reden nicht einem
einheitlichen europäischen Modell das Wort, geschweige denn der Umwandlung
der Europäischen Union in einen "Superstaat". Wir sind für Europa und für
Reformen in Europa.
Die Menschen unterstützen weitere Integrationsschritte, wenn damit ein
wirklicher "Mehrwert" einhergeht und sie klar begründet werden können, wie
der Kampf gegen Kriminalität und Umweltzerstörung sowie die Förderung
gemeinsamer Ziele in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Aber gleichzeitig
bedarf Europa dringend der Reformen - effizientere und transparentere
Institutionen, eine Reform veralteter Politiken und die energische
Bekämpfung von Verschwendung und Betrug.
Wir stellen unsere Ideen als einen Entwurf vor, nicht als abgeschlossenes
Programm. Die Politik der Neuen Mitte und des Dritten Weges ist bereits
Realität, in vielen Kommunen, in reformierten nationalen Politiken, in der
europäischen Kooperation und in neuen internationalen Initiativen.
Deshalb haben die deutsche und die britische Regierung beschlossen, den
bestehenden Meinungsaustausch über die Entwicklung von Politik in einen
umfassenderen Ansatz einzubetten. Wir schlagen vor, dies auf dreierlei
Weise zu tun:
- es soll eine Reihe von Ministerbegegnungen geben, begleitet von häufigen
Kontakten ihrer engsten Mitarbeiter.
- Zweitens werden wir die Diskussion mit den politischen
Führungspersönlichkeiten anderer europäischer Staaten suchen, die mit uns -
in ihrem jeweiligen innerstaatlichen Kontext - die Sozialdemokratie
modernisieren wollen. Damit beginnen wir jetzt.
- Drittens werden wir ein Netzwerk von Fachleuten, Vor-Denkern, politischen
Foren und Diskussionsrunden einrichten. So vertiefen wir das Konzept der
Neuen Mitte und des Dritten Weges und entwickeln es ständig weiter. Das hat
für uns Priorität.
Ziel dieser Erklärung ist es, einen Anstoß zur Modernisierung zu geben. Wir
laden alle Sozialdemokraten in Europa dazu ein, diese historische Chance
zur Erneuerung nicht verstreichen zu lassen. Die Vielfalt unserer Ideen ist
unser größtes Kapital für die Zukunft. Unsere Gesellschaften erwarten, daß
wir unsere vielfältigen Erfahrungen zu einem neuen Konzept bündeln.
Laßt uns zusammen am Erfolg der Sozialdemokratie für das neue Jahrhundert
bauen. Laßt die Politik des Dritten Weges und der Neuen Mitte Europas neue
Hoffnung sein.
Anmerkung: Ein armseliges Papier, das Gerhard
Schröder und Tony Blair da herausgebracht haben. Fast so, als schrieben
Blinde über die Farbenlehre. Das Papier ist dann auch prompt bei Freund und
Feind durchgefallen - zu schnell hingepfuscht, zu wenig sozialdemokratisch
im Gehalt, zu technokratisch.
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