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Vereinfachung des Steuersystems
Prof. Dr. Paul Kirchhof ist Professor für öffentliches Recht an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und Bundesverfassungsrichter a.D. Als Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft plädiert er für ein vereinfachtes Steuerrecht.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, stellen Sie sich das Steuersystem
wie eine große Maschine vor. Seit Jahrzehnten wechseln die Finanzpolitiker
Teile aus, meistens fügen sie neue Komponenten hinzu. Was der eine geändert
hat, hat der andere morgen wieder vergessen. Inzwischen ist diese Maschine
durch tausend Reparaturen fast funktionsunfähig geworden. Deshalb stehen
wir heute vor einem Berg von Steuerliteratur, bei dem jeder zwangsläufig
den Überblick verliert.
1. Mehr Gerechtigkeit durch weniger Gesetze
Unser Steuerrecht ist durch seine Undurchschaubarkeit nicht nur
wachstumsfeindlich, sondern auch in höchstem Maße gleichheitswidrig
geworden. Diejenigen, die das größte Knowhow besitzen oder es sich
einkaufen können, vermeiden weitgehend die Steuerzahlung. Der Rest - und
das ist die überwältigende Mehrheit der Menschen - zahlt den Regelsatz,
weiß aber nicht, wieso und warum und in welcher Höhe. In Deutschland
herrscht vielfach die Meinung vor, dass Steuern eine Strafe für die Dummen
und die Ehrlichen seien. Statt immer mehr Steuerliteratur zu produzieren
und für ständig wachsende Verunsicherung bei Bürgern und Unternehmern zu
sorgen, müssen wir zu einem einfachen Prinzip zurück kehren: Steuern zahlt,
wer wirtschaftlich erfolgreich war. Steuern sind ja nichts anderes als der
Preis, den der Einzelne für die Bereitstellung öffentlicher Güter zahlt:
vom Straßennetz bis zum Bildungssystem. Steuern sind, einfach gesagt, der
Beitrag, den jeder zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens zu entrichten
hat. Dieses Verständnis ist den Deutschen abhanden gekommen, weil sie nicht
mehr nachvollziehen können, wonach sich im Einzelfall ihr Beitrag für das
Gemeinwesen bemisst. Der Grundgedanke des Steuerrechts muss deswegen wieder
Geltung erlangen: Die Bemessungsgrundlage für die Einkommensteuer sind die
Erwerbseinnahmen abzüglich der Erwerbsausgaben und des existenzsichernden
Aufwandes, nichts sonst.
2. Mehr Gerechtigkeit einheitliche Einkommen- und
Körperschaftsteuer
So einfach dieser Gedanke klingen mag, so kompliziert ist dies bisher
geregelt. Das geltende Steuerrecht unterscheidet zwischen Einkommen- und
Körperschaftsteuer. Es differenziert außerdem zwischen Einzelpersonen und
Personengesellschaften. Damit entstehen z.T. erhebliche
Belastungsunterschiede für gleiche wirtschaftliche Vorgänge. Bei gleichem
Einkommen werden so bisweilen Steuern in unterschiedlicher Höhe
veranschlagt. Das Bundesverfassungsgericht hat in früheren Urteilen aber
festgestellt, dass die Unterschiedlichkeit der Rechtsform bei Unternehmen
gerade nicht die Unterschiede in der Steuerbelastung rechtfertigt. Die
geltende Praxis widerspricht dem im Grundgesetz verankerten Gebot der
Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Wir brauchen
gerade deshalb dringend die Auflösung des Geheimnisses der juristischen
Person durch eine Integration der Unternehmenssteuern in die
Einkommensteuer. Die bisher sieben verschiedenen Einkunftsarten im
Steuerrecht müssen auf eine reduziert werden.
3. Mehr Gerechtigkeit durch Subventionsabbau
Alle Subventionen, die den Kern des Steuerrechts überlagern, müssen
ersatzlos gestrichen werden. Sie belohnen letztlich nichts anderes als die
Vernichtung von Kapital und zwingen die Bürger in rechtliche
Ausweichgebilde, die nur dem Zweck der Steuervermeidung dienen. Das
Steuerrecht muss im Gegenteil auf dem Vertrauen in die ökonomische Vernunft
der Bürger aufbauen. Was wir zur Zeit beobachten, ist eine schier
unendliche Fülle von Ausnahmetatbeständen, die zum einen den eigentlichen
Zweck der Einkommensteuer verschleiern. Zum anderen sind sie aber auch
Zugeständnisse an Partikularinteressen, die auf Kosten der Allgemeinheit
gegenfinanziert werden. Das Steuersystem ist nur dann gerecht, wenn es
gleiche Behandlung für alle gewährleisten kann. Der Subventionsabbau hätte
übrigens einen nicht zu verachtenden Nebeneffekt: Durch die mehr erzielten
Steuereinnahmen könnten endlich die Steuersätze umfassend gesenkt werden.
So werden die Bürger nicht nur von einem in sich zerfahrenen Steuersystem
befreit, sondern haben am Ende des Tages auch wieder mehr Geld in der
Tasche. Davon würde die gesamte Volkswirtschaft profitieren.
Für die öffentlichen Haushalte kann eine solche Reform durchaus
aufkommensneutral gestaltet werden. Den Steuerpflichtigen wird dann nur in
dem Umfang Geld zurückgegeben, wie es durch den Bürokratieabbau eingespart
wird. Durch die wirtschaftliche Wachstumsdynamik, die eine umfassende
Vereinfachung des Steuerrechts auslösen würde, könnten mittelfristig
weitere Spielräume für die Schuldentilgung und für Steuersenkungen
erarbeitet werden.
Wer also unter Verweis auf die angespannte Haushaltslage eine solche
Steuerreform ablehnt, täuscht sich und andere über die tatsächlichen
Zusammenhänge hinweg. Gerade weil die Lage der deutschen Wirtschaft und der
öffentlichen Haushalte so schlecht ist, erscheint eine durchgreifende
Vereinfachung des Steuersystems so vordringlich. Sie könnte ein Signal der
Verschlankung für die öffentlichen Bürokratien und ein Signal des Aufbruchs
für die Wirtschaft sein.
Zudem hätten auch die Finanzminister in Bund und Ländern deutlich mehr
Planungssicherheit für ihre Haushalte. Denn die tatsächliche Höhe der
Steuereinnahmen ergäbe sich nicht mehr aus einem extremen komplexen
Geflecht unterschiedlicher Steuerarten und ausgefeilter Strategien zur
Steuervermeidung, sondern würde sich fast unmittelbar aus der
wirtschaftlichen Entwicklung ableiten lassen. Die bösen Überraschungen bei
den Steuerschätzungen im Mai und November oder bei den Steueraufkommen
einzelner Monate wären dann Vergangenheit und könnten auch nicht mehr als
Argument für unerwartete Steuererhöhungen herangezogen werden.
4. Mehr Gerechtigkeit durch Abbau von Lenkungssteuern
In höchstem Maße widersinnig sind auch die zahlreichen Lenkungssteuern, die
die öffentliche Hand auf eine Vielzahl von Gütern, vom Autobenzin bis zur
Zigarre, erhebt. Der vermeintliche Sinn solcher Steuern, nämlich den Konsum
bestimmter für Gesundheit oder Umwelt schädlicher Güter einzuschränken,
wird nicht erreicht - schon gar nicht, wenn die öffentlichen Kassen leer
sind und der Finanzminister mit diesen Einnahmen rechnet. Der Bürger hat
dann zu Recht das Gefühl, "abgezockt" zu werden. Der Staat sollte auf den
mündigen Bürger vertrauen und ihm nicht die Verwendung seines Kapitals
vorschreiben.
5. Mehr Gerechtigkeit durch bessere Familienförderung
Die Steuerpolitik muss auch familiengerecht gestaltet werden, gerade beim
EhegattenSplitting und bei den Kinderfreibeträgen. Die Diskussion, die wir
in den letzten Wochen erlebt haben, ist absurd und zu einem guten Teil ohne
Kenntnis unseres Grundgesetzes von statten gegangen. Nach Artikel 6 des
Grundgesetzes ist der Staat dazu verpflichtet, verheiratete Paare und
Familien mit Kindern steuerlich mindestens genauso gut zu stellen wie
andere Lebensgemeinschaften. Ohne in zahllose Sonderregelungen zu
verfallen, lässt sich dies in einfache Grundsätze fassen: Ehepartner
sollten nach wie vor gemeinsam veranlagt werden und die Aufwendungen für
den Unterhalt von Kindern auf das Einkommen angerechnet werden können.
6. Fazit
Der besteuernde Staat verhält sich heute wie ein Mückenschwarm. An jeder
Ecke lauern die Mücken, um den Steuerpflichtigen Blut abzuzapfen. Bürger
und Unternehmen weichen deshalb ständig aus und machen die unsinnigsten
Umwege, um den Stichen zu entgehen. Statt sich auf ihr wirtschaftliches
Fortkommen zu konzentrieren, sind die Bürger permanent damit beschäftigt,
die Mücken zu verscheuchen. Einige hat - ob der zahlreichen Stiche -
bereits lähmendes Entsetzen ergriffen.
Statt die Steuerpflichtigen ständig mit Stichen zu malträtieren, sollte der
Staat sie in einem möglichst einfachen Verfahren kontrolliert und
kalkulierbar zur Kasse bitten, um die notwendigen Staatsaufgaben zu
finanzieren. Danach können Bürger und Unternehmen wieder ungestört vom
Staat neue Kräfte sammeln und neuen Wohlstand schaffen. Wirtschaftliche
Entscheidungen würden dann eindeutig nach dem Kriterium ökonomischer
Sinnhaftigkeit und nicht nach dem maximaler Steuervermeidung getroffen. Die
Wirtschaft würde dadurch stärker, die Steuerbürokratie schwächer, die
finanziellen Grundlagen des Staates aber sicherer und berechenbarer.
Mehr als 90 Prozent der Steuerzahler bräuchten, wenn die von mir
beschriebenen Vereinfachungen durchgeführt würden, keine eigene
Steuererklärung mehr abzugeben!
Sie sehen, meine Damen und Herren, es gibt einiges wegzuräumen auf dem
großen Trümmerfeld namens Steuerrecht. Was wir dringend brauchen ist ein
einfaches und gerechtes Steuersystem. Uns fehlt allerdings noch Eines: Die
Bereitschaft der Politik, die Spitzhacke in die Hand zu nehmen und den Berg
abzutragen, den sie hier neben mir sehen.
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