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Gesundheits- und Sozialpolitik für eine gerechte Ungleichheit
von Eva-Maria Krampe, Alexandra Manzei und Christa SonnenfeldFasziniert beobachten wir seit etwas mehr als zwei Jahren, wie die
rot-grüne Regierungskoalition ihr postmaterialistisches Projekt entfaltet.
Neben einem für die Bundesrepublik, wenn auch nicht für Deutschland
absolutem Novum, einen Angriffskrieg zu führen, hat sich die muntere Meute
um Schröder einige weitere säkulare Umwälzungen ausgedacht. Mit der
begonnenen Umstrukturierung des Sozialversicherungs- und Gesundheitssystems
setzt sie den Hebel an, die in langen Kämpfen und harten
Auseinandersetzungen erreichte soziale Absicherung zu zerstückeln, um
bestenfalls einige Rudimente, wie sie selbst sagen "das Notwendige" zu
erhalten. Dieses Vorgehen wird entsprechend populistisch und mediengerecht
hochpoliert zur "Bewahrung der Solidargemeinschaft". Da sind sich Rot-Grün
meistens einig: Sie kämpfen für die sozialen Grundrechte wie niemand
sonst!
Der Abbau zentraler Institutionen des Wohlfahrtsstaates hat begonnen, und
zwar nicht aus der Erkenntnis heraus, dass dieser nur unzureichende
Instrumente zur Beseitigung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit entwickelt
hatte. Dass auch das immerhin ein Grund für dessen Abschaffung oder
Veränderung hätte sein können, ist jedoch nicht nur den SozialdemokratInnen
und Grünen aus dem Blickfeld geraten. Heute gilt der Grundsatz, dass die
wohlfahrtsstaatliche Fürsorge den Menschen als Unternehmer seiner eigenen
Existenz in seiner Entwicklung hindere. In dieser Hinsicht zumindest
scheint heute ein parteiübergreifender und die Mehrheit der Bevölkerung
umfassender Konsens zu bestehen. Erstaunlich ist, dass es erst dieser
"linken" Regierung gelingt, die Grundfesten der Solidargemeinschaft
erfolgreich zu schleifen. In 16 Jahren hat die Kohl-Regierung viel darüber
geredet und immer wieder schüchterne Versuche unternommen, doch nie den
großen Streich gewagt. Welche veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse
und Diskurse ermöglichen der jetzigen Koalition solche Einschnitte?
Und noch etwas gilt es im Auge zu behalten: Es gibt in den zentralen Fragen
der Gesundheits- und Sozialpolitik, sieht man einmal von den immer stärker
in den Mittelpunkt geratenden medizin-ethischen Fragen ab, keinen
ernsthaften Dissens mehr in unserer Gesellschaft. Die früheren Akteure des
Protestes, denen es gelang, die Interessen breiter Bevölkerungsgruppen zu
bündeln und zu artikulieren, sind heute entweder in die Regierungspolitik
eingebunden (siehe Gewerkschaften) und/oder schlicht und ergreifend
verschwunden (siehe alternative Gesundheitsbewegung). Opposition und auch
ernsthaften Widerstand gegen die Umstrukturierung erleben wir heute einzig
und allein von den Interessensgruppen, die unmittelbar von den
Veränderungen betroffen sind. Das sind von der Ärzteschaft über die
verschiedenen Patienten - und Arbeitsloseninitiativen bis hin zu den Kassen
und der beteiligten Industrie viele, unterschiedlich starke Gruppen. Keiner
von ihnen gelingt es, allerdings versucht es bis auf die Ärzte auch
niemand, einen breiteren Protest zu organisieren. Vielmehr geschieht
insbesondere in der Gesundheitspolitik etwas, was bisher überwiegend aus
internationalen Kontexten bekannt ist: die De-Regulierung wird von den
beteiligten Interessensgruppen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der
demokratischen Instrumentarien ausgehandelt. Zu diesem Zwecke stärkt die
rot-grüne Koalition denn auch die sog. Selbstverwaltung. Ärztekammern,
Kassenverbände, Organisationen anderer Heilberufe, die Verbände der
Medizinindustrie und zunehmend auch die PatientInnen werden beauftragt,
selbst Lösungen zu finden und eventuelle Umverteilungskämpfe miteinander
auszutragen. Die Privatisierung der sozialen Absicherung schließt also auch
eine Privatisierung der Auseinandersetzung um die Sozial- und
Gesundheitspolitik ein. Auch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage,
warum diese Regierung solche Strategien realisieren kann. Warum gibt es
keine massiven Proteste weder gegen die Veränderungen, noch über die Art
und Weise, wie diese durchgesetzt werden? Warum wird die
Entdemokratisierung widerspruchslos hingenommen?
Im Bereich der Gesundheits- und Sozialpolitik geht es darüber hinaus nicht
allein um versicherungs-mathematische Probleme; schließlich soll hier einer
der größten Wirtschaftssektoren in der BRD, der immer weiter expandiert,
neoliberal reformiert werden. Die beabsichtigten Veränderungen gehen einher
mit sich wandelnden Kapital- und Verwertungsinteressen und der Erprobung
der dazu notwendigen Regulationsmechanismen. In der Diskussion um
"Lebenswissenschaften", in den vielfältigen Ansätzen der Legitimierung und
Legalisierung von Genforschung und in den "body politics" ganz allgemein
lassen sich die strukturellen Verschiebungen bereits ablesen. Und gerade
hier, wenn die Diskussionen um die Organtransplantation, die Bekämpfung von
Erbkrankheiten und die Sterbehilfe gehen, zeigt sich, dass die diskursive
Vorbereitung großer Taten erst in den Anfängen steckt. Während die
Diskussion, die immer auch die grundsätzliche Frage der Euthanasie
impliziert, erfreulicherweise heftig und kontrovers ist, formiert sich auf
der anderen Seite die Industrie wieder einmal hinter dem Standort-Motto.
Während im Gesundheitssektor Ethikdiskussionen und Ethikkommissionen en
masse initiiert werden müssen, weil der notwendige Wandel anders kaum
durchsetzbar erscheint, befleißigen sich Industrie, Politik und Medien
gemeinsam, die Menschen darüber aufzuklären, dass hier nur zu ihrem besten
geforscht werde. Mit dem Auswechseln der Gesundheitsministerin, die ja
keineswegs am BSE-Skandal gescheitert ist, sondern daran, dass es ihr nicht
gelungen ist, den Modernisierungsschub im Gesundheitswesen zur
Zufriedenheit der interessierten Industrie durchzuziehen, wird noch
deutlicher, welcher Entwicklung der Weg bereitet werden soll. Zumindest
lassen die ersten Äußerungen der Fischer-Nachfolgerin nur wenige Zweifel
aufkommen. Nicht zu vergessen ist auch, dass sich die Dame Schmidt ihre
Sporen als eine Architektin der neuen Rentenpolitik verdient hat.
Auch wenn es innerhalb der jeweiligen Politikfelder durchaus heftige
Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Interessen gibt, so ist
doch unverkennbar, dass es der Regierung zu gelingen scheint, große
Mehrheiten davon zu überzeugen, dass sie das Richtige tut. Sie kann relativ
unbestritten grundlegende gesellschaftliche Veränderungen durchziehen und
sich dabei auch noch als gerechte, humanitäre und moralische Macht
präsentieren. Es ist mehr als spannend, die Gründe dafür aufzuspüren und zu
fragen, wo die Grenzen des relativ erfolgreichen Begründungsdiskurses
liegen könnten.
Die Privatisierung sozialer Sicherungssysteme und der
Gesundheitsversorgung, die auch mit einer Entstaatlichung der
Steuerungsmechanismen einhergehen soll, kommt nicht unerwartet. In geradezu
nachholender Entwicklung wird jetzt in der BRD das durchgesetzt, was die
USA im Zuge des Reaganism und Großbritannien in der Phase des Thatcherism
mit großer Rigorosität und gegen zumindest zeitweisen offenen Widerstand
durchgesetzt wurde. Diese verspätete "Modernisierung" ist nicht nur der der
von England und USA sehr differenten ökonomischen Entwicklung zu danken,
sondern auch der offensichtlichen Unfähigkeit der Kohl-Regierung, diese
anti-wohlfahrtsstaatlichen Maximen gegen die Widerstände in der eigenen
Partei, gegen die Oppositionsparteien und gegen die Mehrheiten in der
Bevölkerung zu realisieren. Interessant an diesem internationalen Vergleich
ist es, dass diese Veränderungen im anglo-amerikanischen Raum nur unter der
unverhohlenen Machtaufbietung der Konservativen durchsetzbar waren, während
bei uns eine sozialdemokratisch-grüne Regierung dafür benötigt wurde. Die
vor einigen Jahren viel beschworene internationale Wende zu
sozialdemokratischen oder doch liberal-demokratischen Parteien stand in den
USA und in Großbritannien unter umgekehrten Vorzeichen wie bei uns. Dort
sollten die gröbsten Schäden konservativer Sozialpolitik, die sich
allmählich auch als eine ernsthafte Behinderung für die Entwicklung des
Kapitals erwiesen hatten, beseitigt oder geglättet werden. Deshalb wurden
Clinton und Blair gewählt; sie konnten sich dann als die klügeren
Modernisierer profilieren. In der BRD hingegen kommt die völlige Abkehr von
traditionell wohlfahrtsstaatlichen Werten wie der Solidargemeinschaft und
von der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für Krankheit und
Arbeitslosigkeit erst mit der rot-grünen Wende.
Dies ließe sich zum einen dadurch erklären, dass hier keine Wende
stattgefunden, sondern eine langsame, gewissermaßen schonende Entwicklung
vorangetrieben wurde. Anfangend bei der sozial-liberalen Schmidt-Regierung
und in 16 Jahren von der christlich-liberalen Koalition in wahrhaft
meisterlicher Form vorangetrieben, findet die Abschaffung des sog. Sozialen
unter Rot-Grün nun unter allgemeinem Beifall ihren Abschluss. Andererseits
aber konnte es der Kohl-Regierung aufgrund noch sehr anderer
Interessenslagen, gerade auch in der eigenen Partei, einer ungleich
eindeutigeren und geschlossenen Lobbypolitik und einer halbwegs
funktionierenden Opposition nicht gelingen, diesen Konsens herbeizuführen.
Dennoch hat nicht zuletzt ihre Gesundheits- und Sozialpolitik entscheidend
dazu beigetragen, den anti-sozialen Diskurs zu etablieren.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat sich der herrschende Diskurs von einer
gesamtgesellschaftlichen Strategie zur Lösung sozialer Probleme ab- und der
Frage nach den "MißbraucherInnen des sozialen Netzes" zugewendet. Statt
Debatten um eine Umverteilung von Arbeit zu initiieren und die permanent
hohe Arbeitslosigkeit überhaupt ernsthaft zu thematisieren, setzten sich
mit Unterstützung der Medien Diskriminierungsdiskurse und
Ausgrenzungsmechanismen durch, die nach und nach deutliche
Verschlechterungen und zunehmende Repressionen für Arbeitslose und
Sozialhilfeempfänger legitimierten. Die mediale Darstellung der
Arbeitslosen, die sich nicht nur schuldig gemacht haben durch den Verlust
des Arbeitsplatzes, sondern außerdem noch dadurch, dass sie ohne Leistung
Gelder annehmen, erlaubte die Projektion von eigenen Ängsten und
legitimierte Hass und Verachtung und eben Strafe. Diese Art der
Präsentation wurde im Zuge der um sich greifenden Neoliberalisierung
zumindest teilweise einem deutlichen Wandel unterzogen: Die Situation der
Arbeitslosigkeit wird auch interpretiert als ein bedauernswerter Zustand
der Abhängigkeit, der verlorenen Autonomie, des Verlustes der
Selbstachtung. Da ist Hilfe gefordert, nicht Strafe! Und Hilfe heißt dann,
dass man Arbeitslosen auch gegen ihren Willen die Möglichkeit geben muss,
ihr Selbstwertgefühl wieder zu finden. Nur darum scheint es zu gehen, um
das durch Arbeit vermittelte Selbstwertgefühl, das offenbar auch dann über
einen kommt, wenn man zwangsweise unterbezahlte Arbeiten verrichten muss!
Obwohl eine erschreckend steigende Armut in unserer Gesellschaft selbst von
unverdächtigen Instituten festgestellt wird, wird auch im Bereich der
Sozialhilfe in vergleichbarer Weise ausgegrenzt und moralisiert. Während in
den rechten Medien über das Schmarotzertum lamentiert wird, beladen sich
liberalere Kreise mit der Verantwortung dafür, diese armen, in staatliche
Abhängigkeit geratenen Menschen aus ihrer Apathie zu reißen und sie bei der
mehr oder weniger freiwilligen Rückkehr in die Gesellschaft zu
unterstützen. Mit der Individualisierung des sozialen Risikos und der
Verteilung von Schuld wächst so auch eine paternalistische und damit
repressive Grundhaltung heran, die anstelle einer rechtlich abgesicherten
sozialen Sicherung Transferleistungen an Arbeitsverpflichtungen und
Kontrollen koppelt ("Fördern und Fordern", der "aktive" Staat), wobei die
Leistungen selbst sukzessive abgesenkt wurden und werden. Grundrechtliche
Erwägungen haben hier keinen Platz. Zuletzt zeigte die EU-Grundrechtecharta
vom Dezember 2000 exemplarisch, dass der Sozialstaatsanspruch keine
Erwähnung mehr findet. EU-weit wird eine sog. soziale Harmonisierung auf
unterstem Niveau angestrebt.
Die diskursive Abfederung des Wandels im Gesundheitssektor verläuft
parallel dazu. Die aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit sinkenden Einnahmen
der Krankenkassen wurden von Anfang an umgedeutet in eine
"Kostenexplosion", die eine Suche nach Einsparungspotenzialen auslöste.
Schnell war entdeckt, dass das Gesundheitswesen rationaler und
kostengünstiger zu betreiben sei, wenn es nur privatisiert werde und der
Markt die Beziehungen zwischen Leistungserbringer und Leistungsnehmer
regele. Das alles selbstverständlich zur Entlastung der Versicherten, die
ja dann auch nur noch gemäß ihrer tatsächlich benötigten
Gesundheitsleistungen bezahlen sollten. Diese Ideen umzusetzen oder
zumindest durch eine ansatzweise Strukturreform im Gesundheitswesen
vorzubereiten, traten unter Kohl diverse GesundheitsministerInnen an, die
alle scheiterten.
Den größten Widerstand leisteten jenseits der Medienscheinwerfer die
Pharmaindustrie und die medizin-technischen Unternehmen, die überhaupt
gerne hinter den Kulissen bleiben und dies auch dank der hervorragenden
Verwaltung ihrer Interessen durch die Mehrheit der Ärzteschaft gut können.
Ihnen war es offensichtlich nicht entgangen, dass sie in den Ländern, in
den Marktelemente in das Gesundheitswesen eingeführt wurden, dramatisch
geringere Profite erzielen konnten. Den freien Markt für freie BürgerInnen
forderte wohl irrtümlicherweise ein großer Teil der Ärzteschaft ein -
glaubend, wenn sie alle quasi nur noch PrivatpatientInnen bedienen könnten,
würde sich ihr Einkommen unversehens vermehren. Doch seit im
zahnmedizinischen Bereich die Kassen ihre Zuzahlungen merkbar reduzierten,
die PatientInnen entsprechend ihrer Vermögensverhältnisse
Zahnarztleistungen einzukaufen begannen, dadurch weniger Zahnersatz abfragt
wurde und die Einnahmen sanken, hört man die Ärzte inklusive ihrer
Verbandsvertreter nicht mehr vom freien Markt sprechen. Während Anfang der
90er Jahre die Ärzteschaft am lautesten für eine Gesundheitsreform
plädierte, ist sie jetzt zur entschiedenen Gegnerin mutiert; sie gehört zu
den wenigen, die heute die Einnahmenseite in der Krankenversicherung wieder
zur Sprache bringen. Sie dürfte inzwischen erkannt haben, dass auf dem
freien Markt operierende Ärzte nicht nur weniger PatientInnen haben,
sondern dass sie auf dem freien Markt auch der Konkurrenz, dem Preiskampf,
dem Konkurs und der Monopolisierung ausgesetzt sein werden. Als die
potenziellen oder sogar sicheren Verlierer einer Umformung des
Gesundheitswesens im Sinne postfordistischer Regulationsmechanismen bildet
die Ärzteschaft das schärfste Bollwerk gegen einen Wandel, während der
medizin-technische, pharmazeutische Komplex nur noch halbherzig und
vorübergehend die ehemals enge Liason aufrecht erhält, bis er auf dem neu
sich formierenden Gesundheitsmarkt den einflussreichsten Partner
ausmacht.
Doch eben diese unverhohlene Interessenspolitik der Ärzteschaft dürfte dazu
beigetragen haben, dass sich ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt
hat, dieses Gesundheitswesen als reformbedürftig zu definieren. Das
Entsetzen sowohl über die maßlosen Forderungen als auch über die offenbar
werdende politische Macht gepaart mit dem festen Glauben an die
"Kostenexplosion" hat dazu geführt, dass es kaum noch jemanden gibt, der
nicht felsenfest davon überzeugt ist, dass wir ein anderes
Gesundheitssystem brauchen; selbst überzeugte AnhängerInnen der
Gesetzlichen Krankenversicherung stellen heute nicht mehr die Frage danach,
ob es nicht angemessen und richtig sein könnte, einen noch höheren
Prozentsatz des Bruttosozialproduktes für das Gesundheitswesen auszugeben.
Auch die Möglichkeit einer Umverteilung der Mittel innerhalb der
öffentlichen Haushalte zugunsten des Gesundheitswesens wird von niemandem -
außer den ÄrztInnen - mehr erwogen.
Gleichzeitig erleben diejenigen, die in der Tat auf dieses "Solidarsystem"
angewiesen sind, nämlich Pflegebedürftige, chronisch Kranke und Behinderte,
dass ihre Versorgung unzureichend ist und bei jeder sog. Reform weiter
beschnitten wird. Sie versuchen ihre Interessen zunehmend über die
jeweilige am Krankheitsbild orientierten Selbsthilfegruppen und politische
Lobbyarbeit zu artikulieren und durchzusetzen. Unterstützung finden ihre
Kampagnen - sieht man von einigen wenigen Patientengruppen ab - nicht.
Das Gerede von der Kostenexplosion in Kombination mit der Erkenntnis, dass
das Gesundheitswesen und die Gesundheitsversorgung in kaum geahnten Ausmaß
das Objekt ökonomischer Begierden ist, hätte durchaus zu einer kritischen
Revision führen können, mit dem Ziel eine Kostensenkung durch die Kontrolle
der mächtigsten Akteure herbeizuführen. Das Gegenteil ist der Fall! Von
Anfang an gelang es, solchen Tendenzen offensiv zu begegnen. Die
Eigenverantwortung der PatientInnen/Versicherten wurde eingefordert. Die
Behauptung, die Individualisierung des Gesundheitsrisikos entlaste das
Krankenversicherungssystem in demselben Maße wie es die Versicherten zu
risikoverringerndem und damit kostensparenden Verhalten bringe, gewann
zunehmend an Glaubwürdigkeit. Allerdings ist es bisher weder gelungen, die
dazu notwendige Befähigung der Versicherten, die so von Leistungsempfängern
zu Leistungsnehmern werden, herbei zu führen, noch eine Transparenz des
Leistungsangebots zu schaffen, dem sich die beteiligten Interessensgruppen
des medizin-technischen Komplexes weiterhin vehement widersetzen. An diesem
Scheidepunkt mussten die GesundheitsministerInnen der Kohl-Regierung
aufgeben. [...] auch die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer.
Dennoch hat Andrea Fischer einen Keil in das bisher gut funktionierende
Gefüge Gesundheitssystem, das sich den marktkonformen
Modernisierungstendenzen widersetzt, treiben können. Sie hat die bereits
vom damaligen Gesundheitsminister Seehofer intendierte Strukturreform gegen
den entschiedenen Willen der Industrie und der mit ihr verbündelten
Ärzteschaft Gesetz werden lassen. Für immerhin ein Jahr lang
(Gesundheitsreform 2000) ist es der rot-grünen Koalition gelungen,
Mehrheiten für die Modernisierung hinter sich zu versammeln, indem sie den
von den Vorgängern eher sachlich nüchtern eingeleiteten Diskurs der
Individualisierung des Krankheitsrisikos auf eine überzeugende moralische
Ebene überführen konnte. Als ErbInnen einer Ideologie kollektiver Lösungen
für gesellschaftlich verantwortete Sozial- und Gesundheitsrisiken gelang es
der gegenwärtigen Regierung, die Selbstverständnisse heutiger
"Leistungsträger", nämlich die Idee der individuellen Verantwortung
jenseits eines gesellschaftlichen Kontextes, und traditionalistischer
(linker und konservativer) Solidaritätsgläubiger, die noch immer von
gesellschaftlichen Zusammenhängen reden, miteinander zu verbinden. Das
Bekenntnis zur Solidargemeinschaft ging plötzlich bruchlos einher mit der
Proklamation der individuellen Verantwortung: Denn wenn man die
Solidargemeinschaft erhalten will, dann muss alles tun, um diese nicht zu
belasten, so reden Gesundheitsministerinnen und Sozialminister, die die
Privatisierung der Rentenversicherung verkaufen wollen.. Also: Indem ich
mich privat gegen alle Risiken versichere bzw. alles tue um diese zu
vermeiden, bin ich ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Gemeinschaft.
Das überzeugt doch?
Diese Argumentationsweise mag pervertiert erscheinen, dennoch ist sie für
eine große Mehrheit in der Bevölkerung überzeugend und einsichtig und wird
auch von den Eliten, die sich medienöffentlich artikulieren, geteilt. Der
Blick auf die Sachzusammenhänge wird nicht mehr gewagt, obwohl er leicht
zugänglich wäre. Im Gegensatz zu den komplexen naturwissenschaftlichen
Zusammenhängen, die z.B. in der Genforschung vorausgesetzt werden, verbirgt
sich dem Laien das Wissen um Kosten und Nutzen des Gesundheitswesens nicht
sonderlich. Nur eine Ebene oberhalb der gängigen Zeitschriften und
Zeitungen sind die Experteneinschätzungen abrufbar. Aber wer will sich
schon noch mit epidemiologischen Erkenntnissen quälen, die sehr wohl
Auskunft geben könnten über die vorgebliche individuelle Verantwortung für
Krankheiten. Auch die ebenso schlichte Sichtweise sozialpolitischer
Problemlagen, die sich anhand von Strukturwandel und Monopolisierung
aufzeigen ließen, hat sich durchgesetzt. Denn wie viel lieber ist es uns zu
glauben, wir könnten unsere Schicksale selbst in die Hand nehmen, als zu
erkennen, dass unsere Handlungsspielräume begrenzt sind.
Diese Erkenntnisse politischer Ohnmacht und den Wunsch nach passenden
Konzepten, die diese verhüllen, hebt die rot-grüne Koalition auf, um sie
zur Bestätigung für einen Modernisierungsdiskurs umzudefinieren. Damit
gelingt ihr eine durchaus erfolgreich Gratwanderung zwischen der
vermeintlichen Bedienung der Interessen ihrer Klientel und der Erfüllung
der Forderungen des Kapitals.
Wenn es dann doch zu Stockungen im neoliberalen Projekt kommt wie jetzt in
der Gesundheitspolitik (und demnächst auch wieder bei dem rasanten
Durchmarsch in der Agrarpolitik), so hat das weder etwas mit einer breiten
gesellschaftlichen Opposition noch mit politischen Gegnern mit anderen
Konzepten zu tun. Vielmehr setzen sich die gegenwärtig noch mächtigen
Verlierer einer Modernisierung zur Wehr. Ein Gesundheitswesen, das auf der
sogenannten Eigenverantwortung der Versicherten aufbaut, dass die
Prävention von Krankheit als vom Individuum zu leistende Anstrengung zum
obersten Gebot macht, braucht kein Ärztenetz wie das gegenwärtige, sondern
die aufstrebende alternative Wellness- und Gesundheitsindustrie oder dann
in ferner Zukunft Gentechniker. Wenn die neue Gesundheitsministerin Schmidt
ihr Amt mit Kompromissangeboten an die Ärzte beginnt, so deutet das
zunächst nicht mehr an, als die Absichtserklärung, einen etwas weniger auf
Konfrontation abzielenden Dialog zu führen. Die Absichten der Ministerin
liegen jedoch weiterhin auf der Linie, die Andrea Fischer und vor ihr Horst
Seehofer und vor dem Gerda Hasselfeldt und vor ihr Norbert Blüm,
einzuschlagen versuchten. Das solidarische Gesundheitssystem, zu dem sich
die rot-grüne Regierung gerne zweimal täglich bekennt, soll auf ein Minimum
zusammengeschnitten werden, um alles, was außerhalb der minimalen
Grundversorgung ("das medizinisch Notwendige") benötigt wird, auf dem
freien Markt anzubieten. Wie die Verteilung der Restmittel und die
Ausgrenzung von Gesundheitsleistungen in Zukunft jedoch aussehen wird, das
soll demnächst der sogenannten Selbstverwaltung (Kassen, Ärztekammern,
Krankenhausgesellschaften etc.) im freien Spiel der Kräfte übertragen
werden. Die Beteiligten selbst dürfen dann miteinander aushandeln, wie die
Restgelder verteilt werden sollen.
Ganz klar zeigt der Wechsel der Ministerinnen außerdem, dass das
Modernisierungsprojekt im Gesundheitswesen in der Tat identisch ist mit den
Interessen der Genforschung und des dahinterstehenden Kapitals. Vier Wochen
nach dem Wechsel von der grünen zur roten Gesundheitsministerin fand ein
Schulterschluss zwischen Gesundheits- und Forschungsministerium statt.
Mittel und Infrastruktur für diesen neuen Sektor werden geschaffen, und
zwar schneller als zunächst beabsichtigt. Der schönen Doppelpässe in der
Gesundheits- und Sozialpolitik gab es noch mehrere zu bewundern. Das Paket
aus dem Hause Riester bestendend aus der Teilprivatisierung der Renten und
damit der erstmalige Angriff auf die paritätisch finanzierten sozialen
Sicherungssysteme, der Verschlechterung der Absicherung bei
Erwerbsunfähigkeit und der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes kam auch
nicht schlecht an. War es doch ebenfalls geeignet, den Anschein des
Interessenausgleichs zu bewahren.
Es scheint relativ einfach, in dieser Gemengelage die Interessen der
Industrie, zum einen die der Pharma-, gen- und medizintechnischen Konzerne,
zum anderen die der Industrie als immer unwilligerer Arbeitgeber, zu
erkennen und zu interpretieren. Am Rande sei nur ein weiteres Detail
vermerkt, nämlich dass der neue Vorsitzende der Industrieverbände der
Inhaber eines hoch diversifizierten Unternehmens der
Medizinprodukteindustrie ist - immerhin ein Symbol für die sich
verschiebenden Machtzentren auch innerhalb der Industrie.
Weniger einfach hingegen ist es zu identifizieren, wo sich Widerstand gegen
diese Entwicklungen formiert, der mehr als ein partikulares Interesse
einzelner Betroffener beinhaltet. Dabei sollte selbstverständlich der Frage
nachgegangen werden, warum auch linke Kritik an diesen gesellschaftlichen
Veränderungen, die doch zentrale Interessen der Linken betreffen, nur noch
in kleinen, wenig wahrgenommenen Expertenkreisen stattfindet. Von zentraler
Bedeutung dürfte es aber sein, die Ursachen dafür zu finden, dass in der
Tat von liberalen bis hin zu linken Eliten alle davon überzeugt zu sein
scheinen und sich auch entsprechend öffentlich äußern, dass der Weg der
rot-grünen Koalition der vernünftige, der richtige und der gerechte ist.
Interessante Beiträge zu einer solchen Diskussion erwarten wir von den
VertreterInnen der Gouvernmentalitätstheorie. Darüber hinaus erscheint es
dringend erforderlich, den Sektor der Genforschung, sowohl im Hinblick auf
die ökonomischen Interessen als auch auf den begleitenden
gesellschaftlichen Diskurs einer genaueren Analyse zu unterziehen. Bei den
weiterführenden Diskussionen, die sich an diesen Beitrag anschließen
sollten, müsste aber immer auch ausgeleuchtet werden, wo die Widersprüche
der angedeuteten Entwicklungen liegen und wo der Konsens noch keineswegs
herbeigeführt oder doch ein sehr brüchiger ist.
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