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Mit der Agenda 2010 gibt der Staat soziale Verantwortung auf /
Von Ulrich Schneider
Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen
Wohlfahrtverbandes und Gründungssprecher der Nationalen
Armutskonferenz.
Die Agenda 2010 kann getrost als der massivste sozialpolitische
Kahlschlag bezeichnet werden, der seit Bestehen der Bundesrepublik geplant
wurde. Noch nie sollten mit einem Handstreich 1,4 Millionen Arbeitslose mit
ihren Familien - 3,1 Millionen Menschen mithin - in die Armut gestoßen
werden. Denn nichts anderes stellt des Kanzlers Plan dar, Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe auf dem Niveau der jetzigen Sozialhilfe
zusammenzuführen.
Sozialhilfe, dies könnten der Kanzler und seine Berater wissen, schützt
schon seit Jahren nicht mehr vor Armut. Seit nunmehr zehn Jahren läuft sie
abgeschlagen hinter den steigenden Lebenshaltungskosten her. Das Ergebnis:
Um mindestens zehn Prozent müsste die Sozialhilfe angehoben werden, um das
abzudecken, was Sozialwissenschaftler das soziokulturelle Existenzminimum
nennen, und was nichts anderes meint als eine Teilhabe an dieser
Gesellschaft wenigstens auf bescheidenstem Niveau.
Die ungeheure armutspolitische Ignoranz, die hinter diesem Vorhaben steht,
die ungeheure Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die völlige
Abgehobenheit von Realitäten und Alltag am Rande dieser Gesellschaft, wo es
keine Aktienpakete gibt und keine teuren Urlaubsreisen, ja nicht einmal
mehr den Kegelausflug oder das von den Kleinen so heiß begehrte
ferngesteuerte Auto, dies muss schockieren und abstoßen zugleich.
Wer tatsächlich geglaubt haben sollte, des Kanzlers Politik der neuen Mitte
sei eine lediglich modernere Variante sozialer Marktwirtschaft, wer
tatsächlich das Wortgeklingel von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit
für bare Münze genommen haben sollte, dem offenbart die Agenda 2010 die
hässliche Kehrseite dieses Konzepts. Die Mitte kann nicht zugleich das
Ganze sein. Die Mitte sind unsere Leistungsträger, Steuerzahler,
Beitragszahler oder Vermögenden, und Arbeitslose und Sozialhilfebezieher
gehören nun einmal nicht zu Mitte.
Unverschleiert offenbart des Kanzlers Agenda, was sich tatsächlich hinter
diesem Politeuphemismus verbirgt: ein Vormarsch freier Marktwirtschaft
neoliberalen Zuschnitts, ein Konzept, das von vorne herein auf Ausgrenzung
ausgelegt ist.
Dass auf diesem Weg keine sozialen Probleme wirklich gelöst, sondern
voraussichtlich noch vermehrt werden, wird auch den Akteuren im Kanzleramt
klar sein. Zu schwach sind die Sachargumente.
So wird man selbst im Kanzleramt nicht argumentieren wollen, durch
Leistungskürzungen bei den Arbeitslosen würden Arbeitsplätze geschaffen.
Auch wird man kaum behaupten, Kürzung bei der steuerfinanzierten
Arbeitslosenhilfe könnten irgendwie den Faktor Arbeit verbilligen - worum
es ja angeblich geht. Schließlich wird man auch kaum den Widerspruch
aufklären können, weshalb es für unsere Konjunktur einerseits angeblich so
überaus wichtig sein soll, den Spitzensteuersatz zu senken, während es
andererseits für Konsum und Konjunktur offenbar keine Rolle spielen soll,
wenn man Arbeitslosen 2,6 Milliarden Euro Kaufkraft entzieht.
Sicher, auch die Arbeitslosenhilfe ist nicht grundsätzlich tabu, wenn es
darum geht, unsere sozialen Sicherungssysteme, die in der Tat in die Jahre
gekommen sind, auf künftige Anforderungen hin auszurichten. Doch kann es in
einer sich solidarisch verstehenden Gesellschaft nicht angehen, dass
Langzeitarbeitslosen die Hilfen gekürzt werden, während großen Konzernen
mit der letzten Steuerreform die Milliarden ohne Not nachgeworfen wurden.
Wer darüber hinaus auf eine Reform des familien- und sozialpolitisch völlig
überholten Ehegattensplittings verzichtet oder auf eine Anpassung der
Erbschaftsteuer, hat gleich in mehrerer Hinsicht kein Recht zu behaupten,
er habe für die Schwächsten kein Geld mehr im Säckel.
Nein, mit Sachargumenten ist jener Teil der Agenda 2010, der blind auf
Leistungskürzung und Sozialabbau setzt, nicht zu begreifen. Er gewinnt
seine Ratio erst über den grundsätzlichen Strategiewechsel staatlichen
Handelns, der hinter ihm steht.
Mit viereinhalb Millionen Arbeitslosen vor Augen, einem Haushalt, der vor
dem Kollaps steht, und katastrophalen Umfrageergebnissen geht es in erster
Linie darum, die soziale und arbeitsmarktpolitische Verantwortung des
Staates, der Regierung und letztlich des Kanzlers in grundlegender Weise
neu zu definieren - und das heißt: tendenziell zu negieren. Mit anderen
Worten: Wo einem die Probleme über den Kopf wachsen, wächst die Versuchung,
sich schlicht für nicht zuständig zu erklären.
Hierin liegt die eigentliche Verlockung des Neoliberalismus für eine jede
Regierung in einer solchen Situation, ganz unabhängig von ihrer
parteipolitischen Einfärbung. Erst der Neoliberalismus, seine
wirtschaftspolitischen Grundlagen, aber auch sein Menschen- und
Gesellschaftsbild liefern den notwendigen Überbau für einen solchen
staatlichen Rückzug.
Dass ein solcher Paradigmenwechsel nicht von heute auf morgen durchzusetzen
ist in einem Gemeinwesen mit gewachsener sozialstaatlicher Tradition und
mit dem Vorsitzenden einer Partei als Hauptprotagonisten, die sich soziale
Gerechtigkeit und Solidarität auf ihre Fahnen geschrieben hat, liegt auf
der Hand. Und so musste denn auch das gesamte propagandistische Repertoire
herhalten: Faulenzerdebatten werden gezielt initiiert, um schon einmal die
moralische Legitimation für die Einschnitte zu sichern, alte
Hängemattenpolemiken werden wiederbelebt, um vorzugaukeln, die Leistungen
seien ohnehin zu hoch und beeinträchtigen die Arbeitsmotivation, positive
Bilder wie das des aktivierenden Sozialstaates sollen dem Eindruck
entgegenwirken, der Staat ziehe sich lediglich ohne positives Konzept
zurück.
Genau Letzteres geschieht jedoch mit der Agenda 2010. Das Einzige, wozu
bei allem Fordern und Fördern bisher relativ konkrete Vorstellungen
existieren, sind die Leistungseinschnitte und Einsparungen, die mit der
Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe verbunden sind.
Wer jedoch wie künftig fördern soll und wohin, bleibt relativ unklar. Wo
soll in einer ostdeutschen Region mit 30 Prozent Arbeitslosigkeit hin
vermittelt werden? Was soll mit dem Schulabgänger geschehen, wenn nun mal
keine Lehrstelle da ist? Wie soll eine effiziente Förderung von
Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss aussehen in einer Region, in der
zunehmend hochqualifizierte Fachkräfte gesucht und immer weniger Jobs für
unqualifizierte Kräfte angeboten werden?
Die ideologischen Anteile dessen, was da an neuer Arbeitsmarkt- und
Sozialpolitik verkündet wird, und ihre Realitätsferne lassen sich kaum
verbergen. Daher einmal mehr: Es geht nicht um Problemlösung. Es geht um
den sukzessiven Rückzug des Staates aus seiner sozial- und
arbeitsmarktpolitischen Verantwortung. Es geht um ein neues
staatsentlastendes Modell des Sozialen in Deutschland.
Der Appell an die Bereitschaft zum Verzicht wäre dann mehr als Ideologie,
wenn tatsächlich alle belastet würden und nicht vor allem diejenigen
außerhalb der neuen Mitte. Der Appell an die Arbeitslosen, mehr
Eigenverantwortung zu zeigen, wäre dann glaubhaft, wenn die Bundesregierung
deutlich machen würde, wie dieses aussehen könnte, angesichts einer
Situation, in der sie selbst immer nur auf den Weltmarkt verweist, um sich
aus der Verantwortung zu stehlen.
Vielleicht wird es dem Kanzler gelingen, dass SPD und die Mehrheit im
Bundestag die Agenda 2010 schlucken, um das zu bleiben, was die Regierung
regierungsfähig nennt. Doch wird es nicht gelingen, die breite Mehrheit in
der Bevölkerung dauerhaft abzulenken von dem, was wir wirklich brauchen, um
die Menschen in Arbeit zu bringen: Arbeitsplätze.
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