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Anarchie
[ rt ]
»Wo bleibt Euer Aufschrei?«,
fragt Heiner Geissler in der 47.Ausgabe der Wochenzeitung Die
Zeit.
In der globalen Wirtschaft herrscht die pure
Anarchie. Die Gier zerfrisst den Herrschern ihre Gehirne,
teilt Heiner Geissler uns in einem Anfall von Wut mit. Weiter
schreibt er:
...
- als ob es nie eine Zivilisierung des
Klassenkampfes gegeben hätte warten Zehntausende von Arbeitern
auf den nächsten Schlag aus den Konzernetagen ... der sie in
die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik
auf die unterste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert.
...
-
Angst geht um in Europa - gepaart mit Wut, Abscheu und tiefem
Misstrauen gegenüber den politischen, ökonomischen und
wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in
der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die
Industriegesellschaft offensichtlich unfähig sind, die
unausweichliche Globalisierung der Ökonomie human zu
gestalten.
...
100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte
Menschen in Europa und den USA ... klagen an: die Adepten einer
Shareholder-Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von
Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige
Investoren behindert. Sie klagen an: die Staatsmänner der
westlichen Welt, die sich von den multinationalen Konzernen
erpressen und gegeneinander ausspielen lassen. Sie klagen an: ein
Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die
meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie
DaimlerChrysler, und die sich beharrlich weigern, anzuerkennen, dass
der Markt geordnet werden muss, auch global Regeln einzuhalten sind
und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte
zerstört.
...
Die Arbeiter ... und ihre Gewerkschaften,
die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem Rücken an der
Wand stehen, fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert,
die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne
zerfrisst. Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten
Ökonomie, die eine Welt der Anarchie ist - ohne Regeln, ohne
Gesetze, ohne soziale Übereinkünfte, eine Welt, in der
Unternehmen, Großbanken und der ganze »private Sektor«
unreguliert agieren können. Die globalisierte Ökonomie ist
auch eine Welt, in der Kriminelle und Drogendealer frei und
ungebunden arbeiten und Terroristen Teilhaber an einer gigantischen
Finanzindustrie sind und so ihre mörderischen Anschläge
finanzieren.
Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der
Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne
gesunde kleinere Firmen mit Inventar und Menschen aufkaufen, als
wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum
Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite
und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche
Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten?,
fragt Heiner Geissler, um dann festzuhalten: Den Menschen
zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch
ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und
die Managergehälter - an den Aktienkurs gekoppelt - umso höher
steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. Der gerechte,
aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die
schamlose Bereicherung von Managern, deren Verdienst ... darin
besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen
vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben.
...
Das
Triumphgeheul des Bundesverbandes der Deutschen Industrie über
die Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten noch in den Ohren, müssen
marginalisierte ... Menschen sich vom politischen und ökonomischen
Establishment als Neonazis und Kommunisten beschimpfen lassen, wenn
sie radikale Parteien wählen, weil es keine Opposition mehr
gibt und sie sich mit einer Großen Koalition konfrontiert
sehen, die offensichtlich die Republik mit einem Metzgerladen
verwechselt, in dem so tief ins soziale Fleisch geschnitten wird,
dass das Blut nur so spritzt, anstatt durch Bürgerversicherung
und Steuerfinanzierung die Löhne endlich von den
Lohnnebenkosten zu befreien. Nur Dummköpfe und Besserwisser
können den Menschen weismachen wollen, man könne auf die
Dauer Solidarität und Partnerschaft in einer Gesellschaft aufs
Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis
bezahlen zu müssen. Warum wird tabuisiert und totgeschwiegen,
dass es eine Alternative gibt zum jetzigen Wirtschaftssystem: eine
internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit
geordnetem Wettbewerb?
...
Auch in einer globalen Wirtschaft
sind Produktion und Service ohne Menschen nicht möglich. Neue
Produktionsfaktoren wie Kreativität und Wissen sind
hinzugekommen. Aber das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und
Kapital ist geblieben. Die Kommunisten wollten den Konflikt lösen,
indem sie das Kapital eliminierten und die Kapitaleigner
liquidierten. Bekanntlich sind sie daran gescheitert. Heute
eliminiert das Kapital die Arbeit. Der Kapitalismus liegt derzeit
genauso falsch wie einst der Kommunismus.
...
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