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Abbau des Sozialstaats, Einschränkung der Bürgerrechte
Der österreichische Publizist Peter Huemer hielt in diesem Jahr die Festrede zur Eröffnung des Linzer Brucknerfestes. Er warnte dabei vor der Ablösung des Privaten durch Privatisierung und moderne Technik. Einerseits: "Die neuen technologischen Möglichkeiten vernichten das Private als Begriff". Andererseits: "GATS - das bevorstehende General Agreement on Trade in Services" - ist eine massive Bedrohung unseres Kulturlebens."
Von Peter Huemer
Darf ich Sie noch einmal daran erinnern? Sie wurden vor Beginn der
Veranstaltung höflich gebeten, Ihr Handy auszuschalten. Das ist auch
gut so, nicht nur, weil das Läuten hier stören würde,
sondern auch, damit niemand Ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort via
Handy feststellen kann.
Aber da ist doch nichts dabei, werden Sie sagen, wenn ich hier sitze bei
der Eröffnung des Brucknerfests - noch dazu, wo wir lauter geladene
Gäste sind. Es ist aber schon was dabei, wenn Sie einen kleinen
Spitzel mit sich herum tragen, der dem Netzbetreiber und jeder Person, die
sich Zugang verschafft, jederzeit Ihren aktuellen Aufenthaltsort
verrät und außerdem, wann Sie von wo mit wem telephoniert haben.
Wenn Sie Ihr Handy fleißig benützen, kann man ein
einigermaßen vollständiges Bewegungsdiagramm innerhalb der
letzten Monate über Sie herstellen. Sagen Sie bitte jetzt nicht, es
dürfe ohnehin jeder wissen, wo Sie sich jeweils befinden, wann Sie mit
wem geredet haben. Es täte mir leid, wenn Ihr Leben derart
uninteressant und ereignislos wäre, dass Sie niemals
Erklärungsbedarf haben.
Es ist schon ein paar Jahre her, dass die "Sunday Times" ihren Lesern
begeistert mitgeteilt hat: "Einst dem Geheimdienst vorbehalten, werden
Spionagesatelliten wohl bald für alle Menschen verfügbar gemacht
werden, die eine Kreditkarte besitzen. Bald wird es möglich sein,
für ein paar hundert Pfund in die Gärten der Stars zu
spähen, in Ausbildungslagern für Terroristen in Libyen
herumzuschnüffeln oder einen Ehemann auf einer Geschäftsreise
nach Amsterdam zu überwachen."
Ich nehme an, das geht Ihnen zu weit. Und es funktioniert auch noch gar
nicht - zumindest, was den Ehemann betrifft, weil der im Gegensatz zum
Garten des Stars und zum Terroristenlager ein Objekt in Bewegung ist und
damit das System überfordert - jedenfalls für den allgemeinen
Zugriff. Insofern noch Entwarnung für alle Amsterdam-Reisenden.
Anders ist es mit dem System "Mobile Family Services", das eine große
deutsche Firma Ende 2000 angekündigt hat. Das gibt es schon. Damit
können Eltern dank Ortungstechnik im Handy jederzeit den
Aufenthaltsort ihrer Kinder feststellen. Das beruhigt. Und ein
zwischengeschaltetes Call Center kann jederzeit mithören (das ist die
"Listen in"-Funktion) und kann sich einschalten, wenn die Kinder
gefährlichen Unfug treiben. Das beruhigt noch mehr. Was früher
"elektronische Fußfessel" hieß und auf Häftlinge im
Freigang beschränkt war, wird nun auf Kinder ausgeweitet.
Selbstverständlich zu ihrem Schutz. Einen kleinen Nachteil muss man da
schon in Kauf nehmen: Das System zerstört die Autonomie und die
menschliche Würde des überwachten Kindes. Und es gewöhnt die
Kleinen schon frühzeitig an lebenslange Unmündigkeit. Und am Ende
wird es unsere Demokratie vernichten, wenn wir uns an die Allgegenwart von
Überwachung gewöhnt haben. Damit will ich mich im ersten Teil
meiner Rede befassen.
Ein besonderes Geschäft wurden in den USA nach dem Tod eines
Kleinkindes, bei dem die Rolle des Kindermädchens ungeklärt
blieb, die sogenannten "Nannycams", also: "Kindermädchenkameras". In
einem Teddybären, in der Uhr, wo immer im Kinderzimmer versteckt, wird
eine winzige Videokamera installiert, und die besorgten Eltern können
jederzeit aus der Ferne am PC kontrollieren, was zu Hause abläuft.
Außerdem kann am Abend das Videoband zur Überprüfung des
Tages abgespielt werden.
Wenn wir vom Überwachungsstaat und seinen Bedrohungen sprechen, dann
sind wir nicht nur Opfer, wir sind auch Täter. Ohne viel nachzudenken
bedienen wir uns der Technologien, die der Markt bietet und uns zuweilen
auch aufdrängt. Ein besonders beliebtes Argument für totale
Überwachung ist der Schutz der Kinder.
Alle Überwachung durch Mächtigere passiert ja immer und
ausschließlich zugunsten der Überwachten - vornehmlich zu deren
Schutz. Das ist das eine. Und das andere: Alles, was unsere eigene
Überwachung erleichtert, dient zunächst einmal unserer
Bequemlichkeit: Teleshopping und Kundenkarten, Road Pricing und Chipcard -
lauter elektronische Systeme, die uns das Leben und anderen die Kontrolle
desselben erleichtern.
Es ist diese unauflösliche Spannung zwischen den Grundwerten
Sicherheit und Freiheit, die dazu führt, dass wir weniger und mehr
Kontrolle gleichzeitig wollen. In den USA nach dem 11. September, wo
parallel zum Sicherheitsbedürfnis die Angst vor dem Verlust von
Privatheit besonders gewachsen ist, wird das überdeutlich. Die
Bekämpfung des Terrors macht Grundrechte schon heute zu Makulatur,
erlaubt ganz neue Formen von Überwachung. Ich fürchte,
demnächst auch bei uns.
Wenn die Gesellschaft sich nicht wehrt. Aber wie sollte sie, wenn so viele
Menschen gedankenlos zur Zerstörung ihrer eigenen Intimität
beitragen, während andere interessiert zuschauen. Ich zitiere aus dem
Pressetext einer Fernsehanstalt: "Margit hat Orgasmusprobleme. Seit sie
verheiratet ist, kommt sie im Bett zu kurz - sagt sie. Herbert lacht. ,Ja,
das kann schon sein, ich komme immer zu schnell', sagt Herbert, Margits
Mann. Er glaubt, über alles reden zu müssen, unter Eheleuten
sowieso, aber auch mit Freunden und natürlich auch im Fernsehen.
Bärbel Schäfer fragte auf RTL: ,Wie lange braucht man zum Sex ?'
- und Margit und Herbert meldeten sich ganz spontan."
Nun ja, das sind diese berüchtigten Nachmittags-Talkshows, werden Sie
sagen, noch dazu bei RTL. Aber auch im ORF hatten sie eine gute Idee. Da
lag in den Wartezimmern von Frauenärzten folgendes Flugblatt:
"Liebe werdende Mutter! Kennen Sie die ORF Samstag-Abend-Live-Sendung
HAPPY END? ... Für die nächsten Sendungen haben wir eine ganz
besondere Idee und Sie können dabei vielleicht die ,Hauptrolle'
übernehmen. Also: Erfahren Sie von Ihrem Arzt/ von Ihrer Ärztin,
dass Sie ,in freudiger Erwartung' sind, behalten Sie die Freudenbotschaft
vorerst für sich. Wir laden Sie und Ihren Partner (unter Vorwand) in
die Sendung und dann kommt Ihr großer Auftritt: Live können Sie
- originell inszeniert - den Glücklichen mit seinem kommenden
Vaterglück überraschen. Haben Sie Lust, auf diese einzigartige
Weise Ihren Partner ... mit der Babynachricht zu überraschen, rufen
Sie einfach an."
Was soll man dazu sagen? Das war übrigens vor Big Brother und
ähnlichen Formaten. Jeder ein Star für fünfzehn Minuten,
hatte Andy Warhol hellsichtig prophezeit. Und die sich selbst
entblößen, finden entschieden, es sei "nichts dabei" - im
Gegensatz zu den Exhibitionisten früherer Zeiten, die durchaus
meinten, es sei etwas dabei, wenn sie im Park den Mantel aufrissen. Darum
haben sie es ja getan.
Was uns heute klar wird, ist, dass die Trennung zwischen "öffentlich"
und "privat" immer weniger Sinn ergibt. Wenn zum Beispiel die
österreichische Staatspolizei, eine Behörde also, gegen Bezahlung
leitende Firmenmitarbeiter im Auftrag von deren Chefs überprüft,
dann ist die Vermengung von öffentlich und privat perfekt. Und wenn
Innenminister Strasser dies so kommentiert: "Wenn jemand diese
Überprüfung nicht will, dann hat er wahrscheinlich wirklich etwas
zu verbergen", dann repräsentiert er den Obrigkeitsstaat par
excellence und appelliert an die Dümmsten unter uns, deren
bürgerliches Bewusstsein vor 1848 stecken geblieben ist. Diese
verkünden stolz, dass sie nichts zu verbergen haben, und erleben die
umfassende Zerstörung von Privatheit nicht einmal als Bedrohung.
Eben darum geht es: Die neuen technologischen Möglichkeiten vernichten
das Private als Begriff, der sich mit dem Aufstieg der bürgerlichen
Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert durchgesetzt hat und im 19.
codifiziert wurde. Im November des Vorjahrs organisierte das Institut
für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften eine Konferenz unter dem Titel: "Ist das Recht auf
Privatsphäre ein Grundrecht mit Ablaufdatum?" In der Tat, der
Prozess scheint zur Zeit nicht reversibel. Und alle machen mit. Die Mode
wird immer transparenter, die Häuser mit ihren riesigen Verglasungen
immer durchsichtiger und die Schnüffelgeräte, auch für
Laien, werden immer billiger. Weil der Absatz so stark ist.
Die USA haben dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Deren Militär
überlegt und probiert neue Überwachungssysteme, die entschieden
über das bisher Bekannte hinausgehen - ein Bereich, der der Kontrolle
der Politik weitgehend entzogen ist. Und vor einigen Jahren ein
amerikanischer Präsident, der einem Untersuchungsausschuss
öffentlich Rechenschaft über sein Sexualleben gegeben hat statt
die Antwort aus Selbstachtung zu verweigern - egal, was die Konsequenzen
gewesen wären. Gleich danach konnten wir die intimen Details über
den mächtigsten Mann der Welt im Internet nachlesen. Das war ein
Dammbruch.
Es scheint, als habe diese Gesellschaft niemals ausreichend nachgedacht,
worauf sie sich da einlässt. Das Modell "Überwachungsstaat" war
immer der Diktatur zugeordnet. Jetzt hat es sich in der Demokratie
eingenistet mit technologischen Möglichkeiten, von denen Hitler und
Stalin nicht einmal träumen konnten. Ob wir's verhindern hätten
können, ist fraglich. Aber wir haben es gar nicht versucht, weil alles
so undurchsichtig und schwer verständlich ist, was mit den neuen
Technologien und ihren avancierten Anwendungsmöglichkeiten
zusammenhängt. Wir haben uns das Nachdenken darüber erspart.
Und jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem ein Mitarbeiter der
World Future Society in Washington DC meint: "Eine Nummer könnte
bereits bei Geburt zugewiesen werden und so mit durch das ganze Leben
gehen. Am besten würde man den Microchip auf dem Handrücken
implantieren, denn das wäre am einfachsten zum Scannen. ... Man
schließt das Haus auf, startet das Auto, verschafft sich Zutritt im
Büro, kauft ein, hebt Geld ab, weist sich aus und niemals verliert man
den Chip."
Das wäre in der Tat sehr bequem: nie mehr Bankomatkarte und Pass
brauchen, nie mehr Schlüssel verlieren - für einen kleinen Preis
allerdings: den Verlust der Menschenwürde. Dass Tag und Nacht
Kontrollierte nicht demokratiefähig sind, liegt auf der Hand. Wenn wir
uns nicht bald dagegen zu wehren beginnen, werden ein paar Techniker, ein
paar Militärs, ein paar Wirtschaftsleute und ein paar Politiker
mittels neuer Technologien die Demokratien weltweit zur reinen Farce und
hohlen Attrappe machen.
Darüber lohnte es sich tatsächlich nachzudenken. Und dann sollten
wir uns darauf verständigen, was das Recht auf Privatheit heute noch
bedeuten kann. Das ist nämlich mittlerweile völlig unklar.
Besonders schön kommt das Durcheinander in den Köpfen in einer
absurden kleinen Geschichte zum Ausdruck: Ein weiblicher Popstar bekennt
ungefragt vor dem Mikrophon, sie habe sich gerade die Brustwarze piercen
lassen. Auf die Frage "Welche Brustwarze?" antwortet sie: "Das ist meine
Privatsache."
Von der Zerstörung des Privaten zur Privatisierung der Welt. Da
besteht ein Zusammenhang, der über das Wortspiel hinausgeht. Die
Einschränkung der Grundrechte und die möglichst totale Kontrolle
über die Menschen ist nämlich unabdingbare Voraussetzung, wenn
die Welt privatisiert werden soll. Und je ärmer der Staat und seine
Bürger dadurch werden, desto mehr Geld wird für Überwachung
und Gefängnisse gebraucht.
Vor mehr als zwei Jahren riet das Wirtschaftsmagazin "Fortune" seinen
Lesern: "Wenn Sie nach einer sicheren Aktienanlage suchen, die
dauerhafte Renditen verspricht, versuchen Sie es mit der ultimativen
Alternative zum Internet: Wasser."
Es geht bekanntlich nicht nur um das Wasser. Es geht um die Zerschlagung
unseres Bildungssystems, unseres Gesundheitssystems, unserer
Energieversorgung, es geht um Bereiche, "die noch nie zuvor als Gegenstand
der Handelspolitik gesehen wurden". So hat es der ehemalige Generaldirektor
der WTO Renato Ruggiero definiert. Das heißt: Bildung, Wasser,
medizinische Versorgung, öffentlicher Verkehr, alles, was man kaufen
und verkaufen kann, soll in Zukunft in private Hand übergehen und wie
beliebige Waren gehandelt werden.
Das weltweite Abkommen, von dem ich spreche, heißt GATS, das ist die
Abkürzung für General Agreement on Trade in Services. Es geht
dabei um die Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher
Dienstleistungen. Verhandelt wird im Rahmen der Welthandelsorganisation
WTO, die treibende Kraft dahinter sind vor allem die USA und weltweit
operierende Konzerne. Bis Ende 2004 sollen die Verhandlungen zwischen den
Staaten abgeschlossen werden.
Es ist durchaus möglich, dass Sie, geschätzte Festgäste, bis
jetzt über dieses wichtigste weltweite Abkommen wenig bis gar nichts
gelesen oder gehört haben, weil die Verhandlungen geheim geführt
werden und die Beteiligten daran interessiert sind, dass möglichst
wenig nach außen dringt. Zu Recht, weil sie mit einem weltweiten
Sturm der Entrüstung rechnen müssten. Daher hat man sich auf ein
Verfahren geeinigt, das aufs Haar der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts
gleicht, als Kabinette im Auftrag ihrer Feudalherren in streng geheimen
Verhandlungen die Schicksale ganzer Völker entschieden haben. Das
kommt jetzt wieder.
Die verheerenden Erfahrungen weltweit mit bisherigen Privatisierungen von
Infrastruktur spielen dabei keine Rolle. Das englische Eisenbahnsystem ist
legendär geworden, die Stromversorgung in Kalifornien ebenso. Die
Liste der Fehlschläge und Katastrophen nach Privatisierungen von
Infrastruktur wäre beliebig verlängerbar, wobei es sich jeweils
um Katastrophen für die Allgemeinheit handelt, nicht für die
Aktionäre. Darum wird ja privatisiert.
Der Bereich der Kultur ist natürlich ebenso bedroht, wenn Subventionen
in Zukunft als Wettbewerbsverzerrung gelten. Das zerstört den
europäischen Film und soll es ja wohl auch. Es stellt unser Theater-
und Rundfunksystem in Frage und erledigt die kleinen Kulturinitiativen.
Aber nicht nur die. Dieses Haus wird im kommenden März 30 Jahre alt
und kann stolz sein auf seine Geschichte. Aber die Zukunft ist fraglich,
wenn GATS gewinnt. Und das Lentos gleich nebenan, ein besonders
geglückter Museumsneubau, hätte unter diesen Umständen gar
nicht erst aufsperren müssen. Denn niemand kann garantieren, dass zum
Beispiel Museen auf Dauer aus dem Abkommen ausgenommen werden. Kein
Dienstleistungssektor soll grundsätzlich von GATS verschont bleiben.
Und wenn Ihnen jemand sagt, ich erzählte hier Gräuelmärchen:
Überprüfen Sie bitte selbst!
Dazu ein aktuelles kleines Beispiel aus den USA, was die Privatisierung von
Kultur in der Praxis bedeutet: Ende Juli konnten wir der Frankfurter
Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung entnehmen, dass die Stiftung
der verstorbenen texanischen Ölerbin Sybil Harrington die Metropolitan
Opera auf die Rückgabe von 5 Millionen Dollar klagt, weil der aus
Ölgeld finanzierte "Tristan" an der Met nicht den Vorstellungen der
verstorbenen Milliardärin entsprochen habe. Inszeniert hatte Dieter
Dorn, der Intendant des Münchner Residenztheaters, wahrlich kein
Wilder, wie wir wissen. Aber wie gesagt, für die Harrington Stiftung
war dieser "Tristan" nicht konventionell genug. Und wer zahlt, schafft an.
Und jetzt frage ich Sie, geschätzte Festgäste: Wollen wir solche
Zustände auch bei uns?
Ich behaupte: GATS ist eine massive Bedrohung des europäischen
Kulturlebens. Und die gegenwärtige beschämende Geldnot unserer
Universitäten, Museen und Bibliotheken ist nur ein Vorgeschmack
dessen, was kommt, wenn GATS einmal greift.
Für verständliche Wut über diese Bedrohung reichen unsere
Informationen nicht aus. Wir ahnen, dass hier um die Zukunft der Welt
gehandelt wird, aber viel mehr wissen wir nicht. Wir sind darauf
angewiesen, was eine Bundesregierung, die selber extrem
privatisierungswillig ist, an öffentlichem Gut und an
öffentlichen Interessen zu verteidigen gewillt ist. Zumindest bei
Kunst und Kultur plädiert sie für Nichtaufnahme in die
Verhandlungen. Das ist immerhin etwas.
Pasolini hat diesen Kapitalismus in seinen "Freibeuterschriften" bereits
vor 30 Jahren beschrieben. In seinen Essays setzt er sich mit der radikalen
Kulturzerstörung durch die Konsumgesellschaft auseinander. Dies sei
die "erste wahre Revolution von rechts", schreibt er. Die alten
Werte Familie, Vaterland, Ordnung, Sparsamkeit, Kirche werden
zerschlagen."Nicht einmal das Falsche an ihnen ist noch zu
gebrauchen." Pasolini kommt zum Schluss,"es dürfe keine
andere Ideologie als die des Konsums geben".
Prophetische Worte. Tatsächlich können wir heute zwischen mehr
Butter- und Käsesorten als je zuvor wählen und es gibt
Geschäfte mit zwei Anzügen für 99 Euro. Und das
Telephonieren ist auch billiger geworden. Aber die großen
Entscheidungen, bei denen es um das Leben von Völkern und ganzen
Kontinenten geht, die trifft eine winzige Minderheit. Dazu kommt noch
etwas: Es ist geplanter Vertragsbestandteil von GATS, dass der Prozess der
Privatisierungen nicht mehr umkehrbar sein soll - egal, welche Verheerungen
er auslöst. Einen solchen Versuch, jeden Lernprozess durch ein
weltumspannendes Vertragswerk auszuschließen, hat es in der
Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Den Menschen das Lernen
verbieten zu wollen: das wäre dann tatsächlich das "Ende der
Geschichte".
Gegen wen protestieren? Thomas Friedman von der New York Times hat schon
vor mehr als einem halben Jahrzehnt die Gegner der Globalisierung
verspottet mit dem Hinweis, da säße niemand am anderen Ende der
Leitung. Aber vielleicht sitzt dort doch jemand? Spätestens wenn wir
wissen, wem das Wasser gehört, wem die Schulen und wem die
Spitäler, dann wissen wir auch, gegen wen protestieren. Nur wird es
dann leider zu spät sein.
Es gibt Bürgerorganisationen wie ATTAC, die den Widerstand von unten
organisieren, seit die Ohnmacht der Politik gegenüber den Herren der
Welt in der Wirtschaft offensichtlich ist. Und das Wenigste, was wir selber
tun können, ist, uns zumindest aus dem Internet zu informieren, da
unsere Medien wenig über GATS berichten - obwohl dieses Abkommen
unmittelbar in unser aller Leben eingreifen wird.
Ich weiß, dass die Aufforderung zum Widerstand gerade in dieser Stadt
auf offene Ohren trifft, da es die Plattform Stopp GATS Oberösterreich
war, die eine Resolution ausgearbeitet hat, die von zahlreichen
österreichischen Gemeinden unterzeichnet worden ist, unter anderem von
der Landeshauptstadt Linz. Und der oberösterreichische Landtag fordert
von der Bundesregierung nähere Information und Einbindung in den
Entscheidungsprozess. Zudem hat ein Ausschuss des Landtags am 13. März
2003 beschlossen, folgende Bereiche mögen nicht für den Markt
geöffnet werden: Bildung, Wasser, Gesundheit, Soziales, Audiovisuelles
(Kunst und Kultur) sowie Bereiche des öffentlichen Verkehrs.
Angeschlossen haben sich der Stopp GATS Kampagne auch viele kirchliche
Gruppen. Hier ist ein breites Netzwerk des Protests im Werden - über
alle Parteigrenzen hinweg. Gefordert wird ein sofortiger Verhandlungsstopp.
Das ist auch nicht aussichtslos. Der erfolgreiche Kampf gegen das geplante
MAI-Abkommen vor einigen Jahren hat gezeigt, dass weltweiter Widerstand von
unten keineswegs wirkungslos bleibt. Aber auch wenn wir selber nichts
dagegen tun: Wenigstens das Nachdenken darüber nimmt uns niemand
ab.
Ein mögliches Resümee dieses Nachdenkens könnte so lauten:
Wer für den europäischen Sozialstaat mit weitreichenden
Bürgerrechten plädiert, erlebt heute in Europa eine genau
gegenteilige Entwicklung: der Sozialstaat wird abgebaut, die
Bürgerrechte werden eingeschränkt. Der Begriff des Privaten wird
durch den Begriff Privatisierung ersetzt, aus der Freiheit des einzelnen
wird die Freiheit des Geldes. Ein Wort hat seinen Sinn verändert.
Wäre das nicht eine Aufgabe für's Theater, wurde ich gefragt. Ein
aktuelles Zeitstück darüber. Eher ein Kriminalroman, habe ich
geantwortet. Ich stelle mir vor: im Milieu der Geheimverhandlungen
über GATS ein paar Morde. Gründe dafür gäbe es genug.
Denn es geht um viel, viel mehr Geld als bei den allergrößten
Erbschaften. Da zahlt sich ein Mord schon eher aus als für die Villa
des Onkels. Ich hoffe daher schon lange auf einen gescheiten Kriminalroman,
der mich gleichzeitig über GATS, seine Hintergründe und seine
Hintermänner informiert. Damit sind wir bei den Büchern.
Wir befinden uns hier in einem Haus der Kunst und der Kultur, das ich mit
großem Respekt betrete. Daher möchte ich mich im dritten und
letzten Teil meiner Rede einer kulturellen Frage in Verbindung mit dem
bisher Gesagten zuwenden, nämlich: wie sehr uns Bücher helfen
können als Ratgeber in der Ratlosigkeit, als Trost und auch als
Fluchtweg. Ich stamme aus einer Familie, in der Lesen zuweilen Leben
ersetzt hat. Als meine Mutter zum Sterben kam, wollte sie noch einmal die
"Odyssee" hören - einen Reisebericht, den sie, die Nichtreisende,
besonders geliebt hat. Und da sie zu der Zeit schon halbblind war, hab ich
ihr abends vorgelesen. Bis zum 8. Gesang sind wir gekommen, dann ist sie
gestorben.
Mit einem Wort: Seit meiner Kindheit weiß ich, welche unendliche
Bereicherung für das Leben und selbst noch im Sterben Bücher
bedeuten können. Das macht sie uns unentbehrlich, kann sie aber auch
gefährlich machen. Es gibt diese Geschichte über den
französischen Botschafter, der am Hof Maria Theresias mit vielen
unzensurierten Büchern ankam. Die Kaiserin fand das nicht gut. Am Ende
kam es sogar zu diplomatischen Schwierigkeiten wegen dieser
verdächtigen französischen Bücher.
Und als ein Vierteljahrtausend später die Volxtheaterkarawane aus
Österreich im Berlusconi-Italien verhaftet wurde, war es
unmöglich, der zuständigen Ministerin in Wien zu erklären,
dass Theaterrequisiten keine Waffen sind. Vom Misstrauen der Kaiserin gegen
die Bücher spannt sich eine schnurgerade Linie zum Misstrauen der
Ministerin gegen das Theater. Was die Liebe zu Kunst und Literatur betrifft
und das besondere Verständnis dafür, hatte Österreich selten
Glück mit seinen Regierenden.
Die Bücher und der Widerstand: Die deutsche Schriftstellerin Margarete
Hannsmann, die während der NS-Zeit ein junges Mädchen war,
erzählt in ihrem autobiographischen Roman "Der helle Tag bricht an.
Ein Kind wird Nazi" folgende Geschichte: In einem verbotenen Zimmer, zu dem
ihr Vater den Schlüssel hat, liegen verbotene Bücher. Die sollen
eingestampft werden, weil sie dem Nazigeist widersprechen. Das Mädchen
liest heimlich darin. Trakl, Lasker-Schüler, Hofmannsthal, Wedekind,
Tucholsky, noch andere. Die Namen sagen dem Mädchen nichts, da es eine
nationale Erziehung erfahren hat. Aber es erkennt die Qualität der
Texte. Und es liest und liest, heimlich jede Nacht. Und dann
beschließt das Mädchen, diese Werke vor der Zerstörung zu
bewahren - nicht für sich, für die ganze Welt. Denn die Welt,
fürchtet das Mädchen in seiner Ahnungslosigkeit, weiß
nichts von diesen Büchern, hat nie von deren Existenz erfahren. Und
ihr ganz allein ist es aufgetragen, die verbotene Dichtung, die nun
vernichtet werden soll, für die Menschheit zu retten. Unter
Mänteln, Schürzen und Trainingshosen schmuggelt das Mädchen
Bücher aus dem verbotenen Zimmer an einen geheimen Ort. "Ich friere
immer so", erklärt die Tochter den Eltern die Kleiderschichten
übereinander. Und weiter heißt es im Buch: "Für Ulrike war
es, als hinge von ihr ganz allein ab, ob die Nachwelt von die sen Dichtern
jemals erfahren würde." Das ist eine zu Tränen rührende
Geschichte von Dichtung und jugendlichem Widerstand.
Wer von Ihnen Freunde in der Tschechoslowakei hinter dem Eisernen Vorhang
hatte, der konnte selber bescheidene Erfahrungen im Bücherschmuggeln
sammeln. Vernünftigerweise hat man den "Spiegel" oder "Die Zeit" und
eine Tageszeitung offen ins Auto gelegt. Die wurden von den tschechischen
Zöllnern sofort beschlagnahmt. Danach haben sie oft nicht
weitergesucht. Ich erinnere mich an den "König-David-Bericht" des
DDR-Schriftstellers Stefan Heym einige Jahre nach der Liquidierung des
Prager Frühlings, ein Roman, der viele tschechische Intellektuelle
damals fasziniert hat wegen seiner listig verschlüsselten Kritik an
kommunistischer Herrschaft. Und da dieses Buch mittlerweile durch so viele
Prager Hände gegangen war, dass es vollständig zerlesen war,
hatte ich ein neues gebracht. Was ich mir dabei gedacht habe: Wie lange
hält ein Regime, das sich vor Büchern fürchtet? Es hat noch
fünfzehn Jahre gehalten.
Wo Bücher eine solche Sprengkraft besitzen, dort werden sie auch
gelesen. Aber bei uns? Wir erinnern uns noch gut, dass in den 80er Jahren
des 20. Jahrhunderts das Ende von Lesen und Schreiben zu nahen schien.
Zuerst das Fernsehen, dann Video, dann Computerspiele, CD-Rom undsoweiter -
wer soll da noch lesen? Untergehen würden wir demnächst in dieser
Bilderflut, vor allem die Jungen, die es nicht anders kennen, haben uns
Kulturpessimisten damals prophezeit - eine sprachlose Welt. Eingetreten ist
interessanterweise das Gegenteil. Erstens einmal wird neuerdings geredet
und geredet. Handys in der Straßenbahn, im Restaurant, im Wartezimmer
- und überall ein bisschen zu laut. Und zweitens: Mit Internet, e-mail
und SMS hat eine neue Schriftlichkeit in die Kultur Einzug gehalten - mag
sein, mit merkwürdiger Orthographie und ohne Satzzeichen und
grammatikalisch verstümmelt, aber: es wird wieder geschrieben und
gelesen wie seit langem nicht. Und daraus entsteht auch eine neue Art von
Literatur. Ob die hält, wird sich weisen. Allerdings: Auf "Briefe an
Milena" wage ich auf diesem Wege nicht zu hoffen.
Und die Bücher? Eine Studie der jungen Mühlviertler
Kommunikationswissenschafterin Margit Böck vor wenigen Jahren hat
ergeben, dass der Anteil der regelmäßigen Buchleserinnen und
-leser im letzten Vierteljahrhundert gestiegen ist, wobei das Lesen zur
Information stärker zunimmt als das Lesen zur Unterhaltung. Und dass
Frauen mehr lesen als Männer, ist ja schon lange bekannt. Und wie
"Harry Potter" die Kinder weltweit zum Lesen verführt, ist ein
Phänomen eigener Art.
Dabei gibt es einen neuen Typus von Lesenden, der völlig
unsystematisch querfeldein liest, Gedichte von Matthias Claudius und
Geschichten von Charles Bukowski nebeneinander. Der Verleger Klaus
Wagenbach nennt das den "wilden Leser". Die Antwort besorgter Kritiker, die
das für einen Sauhaufen in den Köpfen der Lesenden halten, ist
der Literaturkanon. Die Listen schießen aus dem Boden: Das musst du
gelesen haben und jenes solltest du! Das ist natürlich trivial und
erinnert an die Deutschlehrer von vorgestern und manche Schriftsteller
reagieren wie Peter Handke entsprechend wütend und humorlos darauf -
aber andererseits: Was spricht dagegen, dem Firmling zum Eintritt ins
Erwachsenenleben die angeblich wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts zu
schenken? Mir ist schon klar, wie altmodisch solche bildungsbeflissenen
Hinweise heute klingen, aber Bildung klang immer schon ein wenig altmodisch
- und dazu soll man auch stehen.
Einen Bildungsauftrag hat im übrigen auch unser Fernsehen. Zum Teil
erfüllt es ihn. Da gibt es zum Beispiel diesen Quiz mit Armin
Assinger. Zunächst ist es von hoher Symbolkraft, dass der Moderator
kein urbaner Typ mit Brille ist, sondern ein Kärntner Skifahrer. Das
scheint mir raffiniert überlegt. Damit soll die Zugangsschwelle
gesenkt, der Bildung das Abschreckende genommen werden. Manche von uns
denken dabei allerdings unwillkürlich an den Spruch der 68er-Kinder:
Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nichts.
Andererseits macht es aber doch was, weil man für's Nichtwissen im
Fernsehen weniger Geld kriegt. Das ist die Botschaft. Selbst auf die Gefahr
hin, überheblich zu wirken - und die ist in dem Zusammenhang enorm,
"bildungsbürgerlichen Dünkel" hat man so etwas früher zu
Recht genannt; dazu kommt noch, dass wir dazu neigen, gerade das für
Bildung zu halten, worüber wir selber Bescheid wissen -, aber
trotzdem: eine Anglistikstudentin, die "Ein idealer Gatte" nicht Oscar
Wilde zuordnen kann, verblüfft doch, und ein Kandidat, der sich bei
Kandinsky nicht zwischen "Blauer Reiter", "Roter Hund" und "Gelber Papagei"
entscheiden kann, ebenso, da doch auf dem Kunstmarkt und Ausstellungssektor
zur Zeit nichts so boomt wie Klassische Moderne. Soweit das Ergebnis von
einmal zuschauen. Aber im übrigen ist es fein, dass ein ganz
altmodischer Bildungsquiz, wenn er von einem kommerziellen Ideenlieferanten
neu erfunden wird, im Fernsehen wieder erfolgreich ist.
Was dabei offensichtlich wird, ist, dass jede Generation ein Stück
Bildungsgut ihrer Vorfahren wegsprengt, um Platz zu machen für Neues.
Wir wissen entschieden weniger über Goethe als unsere gebildeten
Eltern und Großeltern und noch weniger über Gottsched und
Klopstock, weil Literatur und Kritik des 18. Jahrhunderts allmählich
im Dunkel versinken und den Spezialisten überlassen bleiben.
Dafür kennen wir uns immer noch recht gut im 19. aus mit Stendhal und
Stifter und Gogol, aber es scheint, als entschwinde den heute Jungen auch
dieses und wird ersetzt durch neues Wissen, für das meiner Generation
häufig jedes Verständnis fehlt. Auf diesem Wege hält
zwangsläufig jede Generation die nachfolgende für weniger
gebildet.
Darum wäre es klug, diesen Kulturpessimismus, der uns alle von Zeit zu
Zeit überfällt, auf Distanz zu halten. Dazu passt eine
fünfzig Jahre alte kleine Geschichte, für deren Wahrheitsgehalt
ich mich allerdings nicht verbürgen kann: Drei Monate nach
Einführung des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland wollte
erstmals ein Institut wissen, wie den Menschen das neue Medium
gefällt. Überwiegende Antwort: das Programm wird immer
schlechter.
Diesem Satz wohnt eine zeitlose Gültigkeit inne. Es gibt ein
Repertoire des Kulturpessimismus, das letztlich immer passt, das aber auch
lähmt und den Blick verstellt für große Fragen der Zeit, zu
deren Bewältigung wir vielleicht sogar selber einen
sandkorngroßen Beitrag leisten könnten.
"No man is an Island", beginnt jenes wundervolle Gedicht von John
Donne, das Hemingway als Motto gewählt hat für seinen Roman "Wem
die Stunde schlägt." Und damit, geschätzte Festgäste,
wären wir wieder beim Ausgangspunkt dieser Überlegungen
angelangt. Es nützt nichts: Nachdenken müssen die Menschen schon
selber.
Dr. Peter Huemer, profunder Kenner der Literatur, Historiker und seit 1969 als Journalist tätig, bestreitet als gebürtiger Linzer und Festredner beim diesjährigen Brucknerfest 2003 ein ehrenvolles Heimspiel. 1941 in Linz geboren, studierte Huemer Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien, bevor er 1969 zunächst in der Dokumentationsabteilung des ORF begann. Von 1974 bis 1976 arbeitete er bei Claus Gatterers "teleobjektiv" mit, bevor er für rund zehn Jahre die Leitung der legendären Talk-Show "Club 2" übernahm, von 1987 bis 2002 leitete er im Radio die Reihe "Im Gespräch" und moderierte bis 2001 bei 3sat "Berliner Begegnungen". Dr. Peter Huemer erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine wissenschaftliche und journalistische Arbeit. Publikationen: "Sektionschef Robert Hecht und die Zerstörung der Demokratie in Österreich" (1975) "Im Gespräch" (1993) daneben eine Vielzahl von Buchbeiträgen zur österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert Hrgb.: "Unterwerfung. Über den destruktiven Gehorsam" (1990, gemeinsam mit Grete Schurz) "Viktor Matejka - Das Buch Nr. 3" (1993)
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