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Ist der Mensch heute frei?
In seinem 1994 erschienenen Werk La cité de l'homme fragte sich der
französische Politologe Pierre Manent: »Warum ist sich der moderne Mensch so
sicher, immer freier zu sein, wenn er in Wirklichkeit immer unterworfener
wird?« Die Vorstellung von der immer größer werdenden Freiheit des Menschen ist
ein Überbleibsel des aufklärerisch-bürgerlichen Denkens und dem aus ihm
hervorgegangenen Mythos des unendlichen Fortschritts, ein Mythos, den das
heutige herrschende System aus instrumentellen Gründen weiter pflegt und
verbreitet. Der im Zusammenhang mit der ideologischen Konfrontation zwischen
den kapitalistischen Ländern und dem Sowjetkommunismus entstandene Begriff
»freie Welt« wird weiterhin benutzt, um den Menschen vorzugaukeln, dass sie in
der besten aller möglichen Welten leben. Mit derselben oder ähnlichen Absicht
spricht man von »civil society«, Rechtsstaat oder Pluralismus.
Die Moderne, von John Locke bis Jean-Jacques Rousseau, ist von der Überzeugung
ausgegangen, dass alle Menschen von Natur aus frei geboren sind. Dieselbe
Auffassung liegt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der
Französischen Revolution zugrunde. Aber der Emanzipationsprozess gegen jegliche
Form von Bevormundung und Unfreiheit ist bisher nicht nur unvollständig
geblieben, sondern erlebt seit geraumer Zeit einen Rückfall in vergangene
Zeiten. Wir besitzen heute zwar das allgemeine und gleiche Wahlrecht, aber
trotzdem leben wir in keiner Demokratie, ein Begriff, welcher nichts anderes
als Herrschaft des Volkes bedeutet. Wer heute regiert, ist nicht der souveräne
Demos, sondern die oligarchische Macht des Kapitals. Entsprechend ist das
demokratische Modell, das sich in den westlichen Ländern durchgesetzt hat, de
facto eine Plutokratie oder Regierung der Reichen, auch wenn de jure wir alle
als gleichberechtigte Bürger vor dem Gesetz gelten. Das Wahl- und andere
Zivilrechte sind gewiss von unschätzbarem Wert, aber wenn sie von der
Ungleichheit der Besitzverhältnisse abhängig werden, büßen sie ihren normativen
Rang ein und verkümmern zu einem bedingten, zweitrangigen Gut. Dies ist genau,
was heute geschieht.
Allein aus diesem Grund ist der gegenwärtige Mensch nicht frei, auch nicht in
der westlichen Hemisphäre oder Ersten Welt. Vielmehr befinden wir uns inmitten
einer neuen Unfreiheit. Wie kann man in einer Gesellschaft frei sein, die durch
Angst und Verunsicherung gekennzeichnet ist - und dies schon auf der primären
Ebene des primum vivere? Der »terreur économique«, auf den Viviane Forrester
vor einigen Jahren aufmerksam machte, wird immer erdrückender.
Um in Deutschland zu bleiben: Mehr als die Hälfte der Bundesbürger bangt um die
Rente, den Arbeitsplatz und die Gesundheitsversicherung. Das ist das Ergebnis
einer vom Sozialwissenschaftlichen Institut (SoWi) Ende 2003 durchgeführten
Umfrage. In anderen vergleichbaren Ländern verhält es sich nicht anders. Und
wenn dies die Lage in Gebieten ist, die zu den wohlhabendsten der Erde
gerechnet werden, wie soll es mit der Freiheit von Milliarden Menschen stehen,
die keine andere Erfahrung als chronisches Elend, systematische Unterdrückung
und nackte Gewalt kennen? Aus dem jüngsten Jahresbericht von Amnesty
International wissen wir, dass 2003 in 155 Ländern Menschenrechte missachtet
und Gefangene mißhandelt und hingerichtet wurden. So sieht in Wirklichkeit die
Neue Weltordnung aus.
Es gibt heute in der westlichen Welt keine Gedankenpolizei, kein
Wahrheitsministerium, keine nächtlichen Verhaftungen, keine Verhöre durch
politische Funktionäre, keine Säuberungsaktionen und keinen Großen Bruder, der
alles sieht und kontrolliert, wie in der finsteren Zukunftsvision, die George
Orwell in seinem Buch 1984 zeichnete. Vielmehr leben wir in einer permissiven
und offenen Gesellschaft, in der Gedankenfreiheit, Meinungsvielfalt und
Pluralismus herrschen, wie der ehrwürdige Karl Popper meinte und wie die
jetzigen Claqueure des Systems weiter behaupten. Aber trotzdem sind wir nicht
frei. Um sich darüber klar zu werden, muss man sich der herkömmlichen
Totalitarismuslehren entledigen und sich von der klischeeartigen Idee befreien,
Unfreiheit und Repression seien nur in despotischen Polizeistaaten klassischer
Art möglich. Das ist das Schema, das uns seit Hannah Arendt von der Politologie
in den vergangenen Jahrzehnten vermittelt worden ist. Den Nazifaschismus und
den Stalinismus und Neostalinismus gibt es nicht mehr, aber das heißt nicht,
dass mit ihnen die freiheitsfeindlichen Tendenzen aus der politischen Praxis
verschwunden wären. Schon Herbert Marcuse stellte in seinem Buch Der
eindimensionale Mensch fest, dass die spätkapitalistische Gesellschaft neue
Formen totalitärer Praxis geschaffen habe, ohne dabei den Kern der bürgerlichen
Freiheiten in Frage zu stellen. Nicht anders urteilte Peter Weiss: »Die
amerikanische Form des Faschismus kann sich noch eine gewisse Liberalität
leisten. Apologetische Unternehmungen wie freie Presse, freie Meinungsäußerung
usw. verbergen nur dürftig das darunter liegende Muster der brutalen Gewalt«.
Und was beide in den sechziger und siebziger Jahren schrieben, gilt umso mehr
für heute.
Die Freiheit, die wir noch haben, wird immer abstrakter, die Faktoren, die
ihrer Umsetzung im Wege stehen, immer konkreter. Der gegenwärtige Mensch ist
nicht ein autonomes, sondern ein heteronomes Wesen. Anstatt freier zu werden,
wie das System immer wieder wiederholt, wird das Leben der Einzelnen immer mehr
von den Eigeninteressen und Bedürfnissen des Großkapitals bestimmt. Darin
besteht die neue Knechtschaft. Das System spricht laufend von der
Eigenverantwortung des Einzelnen als Schlüssel eines sinnvollen und
erfolgreichen Lebens. Aber wie soll ein Mensch verantwortlich für sein Leben
sein, der schon als Schüler, Lehrling oder Student in Berührung mit den
brutalen Sachzwängen des Systems kommt? Was die Apologeten des Systems
Eigenverantwortung nennen, ist in Wirklichkeit Fremdbestimmung und strukturelle
Gewalt. Jeder Mensch erlebt heute das Dasein vorwiegend als Triebunterdrückung,
als Selbstnegation und als Verzicht seiner tiefsten Bedürfnisse und Wünsche.
Befriedigt werden lediglich - und selbst dies nicht immer - die künstlichen und
repressiven Bedürfnisse, die das Kapital erzeugt, um sich selbst weiterhin
reproduzieren zu können. Dem System gelingt es immer mehr, alle Werte und
Lebensverhältnisse zu vermarkten, zu verdinglichen und zu enthumanisieren, ein
Prozess, der mit der Dekonstruktion des Menschen selbst beginnt und den Zweck
verfolgt, aus ihm ein gefügiges Spielzeug der immer rücksichtsloser werdenden
Herrschaft des Geldes zu machen.
Und auch vom Staat ist immer weniger Beistand zu erwarten, auch er ist ein Teil
der waltenden Unfreiheit geworden. Der heutige Staat ist, wie die Gesellschaft
als Ganzes, ein Klassenstaat, der im Dienste der herrschenden Schichten steht
und den Rest der Bevölkerung zunehmend im Stich lässt, an erster Stelle die
Bedürftigen, Ausgegrenzten und Glücklosen. Es hat in der Geschichte kein Staat
existiert, der als Wahrer der Gesamtinteressen des Volkes gehandelt hat, und
daran hat sich kein Deut geändert. Der einstige Wohlfahrtsstaat keynesianischen
und sozialdemokratischen Zuschnitts ist eine schöne Erinnerung geblieben. Was
wir jetzt haben, ist ein Staat, der sich den vom Neoliberalismus eingeführten
Deregulierungsprozess zu eigen gemacht hat und immer hemmungsloser Partei für
das Kapital und gegen die Menschen ergreift, die auf seine Hilfe angewiesen
sind. Was sich durchgesetzt hat, ist nicht die von John Kenneth Galbraith
angestrebte und verkündete »Überflussgesellschaft«, sondern die von Milton
Friedman und seinen Adepten im Namen des Monetarismus und des
Kasino-Kapitalismus in Gang gesetzte Mangelgesellschaft. Die erste Folge dieser
Fehlentwicklung ist die Zunahme der Erwerbslosigkeit. Das von Jeremy Rifkin
angekündigte »Ende der Arbeit« nimmt immer dramatischere Formen an. Während
sich einerseits die Entlassungen weltweit vermehren und die Armee der
Arbeitslosen von Tag zu Tag größer wird, nimmt auf der anderen Seite die
»overworking« oder »Überarbeitung« ständig zu. Das Gleiche gilt für die
schlecht bezahlten Jobs. Der Arbeitsmarkt wird zudem immer weniger von
allgemeingültigen Gesetzen und Vereinbarungen und immer mehr von willkürlicher
Privatisierung und Deregulierung bestimmt, so dass man ruhig von einer
zunehmenden Refeudalisierung der Verhältnisse zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer sprechen kann.
Auch die Technik hat sich in den Händen des Systems als ein zusätzliches Mittel
zur Aushöhlung der Freiheit erwiesen. Denn sie wird nicht zu einer
Humanisierung der Lebensverhältnisse eingesetzt und ständig erneuert, sondern
dient vorwiegend der Profitvermehrung oder militärischen Zwecken. Wie eng die
Technik mit wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen verwoben ist,
erweist sich schon aus ihrer Anwendung, wie Cornelius Castoriadis vor Jahren
zum Ausdruck brachte: »Welchen Sinn hat es, von autonomer Entwicklung der
Technik zu reden, wenn die Regierung der Vereinigten Staaten beschließt, eine
Milliarde Dollar für die Erforschung der Raketenbrennstoffe und eine Million
Dollar für die Erforschung von Krebsursachen auszugeben?« Was man
Rationalisierung nennt, ist nur ein anderes Wort für die Eliminierung von
Arbeitsplätzen, Innovation nur ein neuer Vorwand, um die Arbeitskraft immer
intensiver und immer schneller auszubeuten.
Nicht weniger schlimm steht es hinsichtlich der außenpolitischen Verhältnisse.
Auch und gerade im Bereich der Weltinnenpolitik herrscht das Gesetz der Stärke,
der Willkür und der Rechtlosigkeit. Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute
hat die so genannte »freie Welt« unter der Führung der USA nicht aufgehört, die
Freiheit, auf die sie sich vollmundig beruft, mit Füßen zu treten, wie die
Aggressionskriege gegen Jugoslawien, Afghanistan und Irak zeigen, um nur die
schwerwiegendsten Fälle aus der jüngsten Zeit zu nennen. »Als die größte Macht
der Erde haben wir die Pflicht, der Freiheit zum Siege zu verhelfen«, sagte
George W. Bush auf einer Mitte April dieses Jahres gehaltenen Pressekonferenz.
Nun, was er als Freiheit verklärt, ist nichts anderes als brutaler
Imperialismus, Staatsterrorismus und nackte Gewalt, wie unter anderem die
Foltermethoden belegen, die die US-Armee in enger Zusammenarbeit mit den
Geheimdiensten CIA und FBI in Guantánamo, Irak, Afghanistan und anderen Ländern
gegen so genannte »feindliche Kombattanten« anwendet. Das ist das wahre Gesicht
der Operation »Enduring Freedom«.
Dieselbe Unfreiheit herrscht auf der Ebene der Ökonomie und der Finanzen. Alle
wichtigen supranationalen Organisationen, die die Entwicklung der
Weltwirtschaft bestimmen - Weltbank, IWF, Welthandelsorganisation (WTO),
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), General
Agreement on Trade in Services (GATS) und viele andere -, werden von
Funktionären ohne jegliche demokratische Legitimation geleitet und verwaltet,
sind oligarchische Agenturen des Weltkapitals und seiner unzähligen
Interessenverbände und Lobbies. Völlig zu Recht hat Pierre Bourdieu in
Contre-feux 2 in diesem Zusammenhang von einer »unsichtbaren Weltregierung«
gesprochen. Das Kapital unterliegt keiner demokratischen Kontrolle, weder auf
nationaler noch internationaler Ebene. Die Gesellschaft steht ihm und seinen
Bewegungen und Machenschaften machtlos gegenüber. Die so genannte
»Mitbestimmung« ist ein Treppenwitz geworden. Entschieden wird in den oberen
Etagen der Großbanken und Großkonzerne, darunter auch die immer unverschämter
werdenden Gehälter und Einkommen des Managements.
Das System hat sein eigenes Repressionsmuster erzeugt, das schon bei der
Reduzierung des Menschen zum homo oeconomicus und zum homo consumens bei
gleichzeitiger Entwertung der immateriellen Werte beginnt, gerade der Werte,
die dem Dasein des Menschen einen tiefen Sinn geben könnten: Kunst, Kultur,
Ethik, Solidarität, Güte, Achtung für den Mitmenschen. Das
Selbstverwirklichungsmodell, das das System für den Menschen parat hat, besteht
aus einem billigen, plumpen Hedonismus, der jede hohe und sinnvolle Form von
Menschsein ausschließt. Das heißt: selbst dann, wenn der Einzelne es schafft,
im Sinne des Systems Erfolg zu haben, bleibt sein Leben ein entfremdetes,
sinnloses, weggeworfenes Leben. Oder wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno
in ihrer Dialektik der Aufklärung schrieben: »Unter den gegebenen Verhältnissen
werden die Glücksgüter selbst zu Elementen des Unglücks«.
Was das System als Erfüllung oder gutes Leben preist, ist nichts anderes als
Ideologie, eine Ideologie, deren Funktion darin besteht, die Wahrheit zu
verschleiern und den Menschen ein falsches Bewusstsein einzuimpfen. Gerade weil
das System außerstande ist, seine Widersprüche und Aporien auf eine rationale
Weise zu überwinden, ist für ihn die Produktion von Ideologie genauso wichtig
oder noch wichtiger als die Herstellung von Waren. Das heißt: Der ideologische
Überbau hat aufgehört, ein abgeleitetes Produkt der ökonomischen Basis zu sein,
um selbst ein primärer Faktor zu werden. Mehr denn je sind die herrschenden
Gedanken die Gedanken der herrschenden Klassen. Das System ist zynisch genug,
um in Kauf zu nehmen, dass Milliarden Menschen hungern und unter unwürdigen
Zuständen leben; was es sich aber nicht leisten kann, ist, dass seine Opfer die
Augen aufmachen und es zur Rechenschaft ziehen. Daher die unverzichtbare
Notwendigkeit, sich unter allen Umständen den Konsensus der Unterdrückten zu
sichern. Um die Indoktrinierung der Einzelnen durchzuführen, stehen ihm die
fast restlos gefügigen Massenmedien zur Verfügung, die nie aufhörende Werbung,
die geistige und psychologische Manipulation durch die Unterhaltungsund
Kulturindustrie und der meistens verlogene Diskurs der politischen Kaste, über
deren Zynismus und Schamlosigkeit ich kein weiteres Wort verlieren will. Die
vom System und seinen medialen und politischen Lakaien pausenlos betriebene
Apologetik erfüllt wiederum die Aufgabe, den Widerstand gegen die waltenden
Verhältnisse im Keim zu ersticken und den Menschen von allen Werten abzulenken,
die die Voraussetzung jeder Revolte bilden: Würde, Selbstachtung,
Selbstwertgefühl. Der Endzweck dieser allseitig betriebenen Gehirnwäsche
besteht darin, den Menschen zu überzeugen, dass es zu den bestehenden
Verhältnissen keine glaubwürdige Alternative gibt. Das System begnügt sich
nicht damit, sich selbst als Inbegriff der Vernunft und der Effizienz zu
stilisieren. Zu dieser Selbstidealisierung gehört explizit oder implizit die
Abqualifizierung bzw. Diffamierung aller antisystemischen Positionen, die auf
die Selbstaffirmation des Systems mit seiner Negation reagieren. Transzendenz
im emanzipatorischen Sinn wird als weltfremd diskreditiert, jede Sehnsucht nach
dem ganz Anderen als haltlose Utopie abgetan. Recht hat nur das positivistische
Denken, das keine andere Wahrheit erkennt als die des status quo.
Weil das System aus einer großen Lüge besteht, muss es Lügen verbreiten und den
Menschen in die Irre führen. Deshalb ist es für den Einzelnen so schwierig
geworden, sich zu orientieren und zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu
unterscheiden. Daniela Dahn, die Trägerin des jüngst vergebenen
Ludwig-Börne-Preises, hat in ihrem letzten Buch Wenn und Aber geschrieben: »Der
angeblich so gefragte mündige Bürger muss sich durch ein Dickicht von
Behauptungen, Informationen und Desinformationen, Lügen und Heuchelei eine
Schneise schlagen, will er sich so etwas Gewagtes wie eine eigene Meinung
bilden«. Trotzdem kennt oder ahnt man die Wahrheit, nicht nur eine Minderheit.
Nur: Man beschränkt sich darauf, sie zur Kenntnis zu nehmen, ohne dieser
Erkenntnis Taten folgen zu lassen. Aber Bescheid wissen allein genügt nicht, um
von der Theorie zur aktiven Praxis überzugehen, wie Sokrates dachte.
Aristoteles hatte Recht mit seiner These, dass das Wissen des Willens bedarf,
um sich durchzusetzen. Auch in einer so konformistischen Gesellschaft wie der
unseren mangelt es nicht an kritischen Gedanken, aber sie gehen nur selten in
Handlungen über, vor allem in Handlungen, die für die Machteliten gefährlich
werden könnten. Warum ist es so? Weil wir alle mehr oder weniger von der
waltenden Ideologie geprägt und vereinnahmt worden sind und zunehmend
verlernen, uns gegen die herrschende Entfremdung, Irrationalität und
Destruktivität zur Wehr zu setzen. Die meisten Menschen sind mit dem
Bestehenden unzufrieden, aber sie scheuen die Gefahr des Kampfes und ziehen
trotz alledem vor, weiter bequem und risikolos zu leben. Deshalb meiden sie die
offene Konfrontation und verkriechen sich in ihrer Angst und ihrem erbärmlichen
Alltag. Dazu kommt das allgegenwärtige Bewusstsein unserer Ohnmacht, der
ständige Selbstzweifel an dem Sinn unseres Engagements für eine bessere
Welt.
Früher stand der Mensch im Zentrum des Kosmos, jetzt wird er immer
unbedeutender. Die Megastrukturen, die er selbst im Laufe der Jahrtausende
errichtet hat, um seinen Aufenthalt auf der Erde erträglicher zu machen, haben
seine eigene Stellung entwertet. Er hat längst aufgehört, das Maß aller Dinge
zu sein, wie Protagoras meinte, um lediglich ein Ding unter den Dingen zu
werden. Das gilt sowohl für den Menschen als Einzelsubjekt wie als
gesellschaftliches Subjekt. Wir leben überdies in einer Zeit, in der sich die
Menschen gegenseitig abkapseln und nur an sich denken. Daher fehlt die religio
in ihrem ursprünglichen, etymologischen Sinn, als freiwillige Bindung zu den
anderen. Dies ist auch die wahre »Irreligiosität«, die sich nach dem Tode
Gottes durchgesetzt hat: der Tod der zwischenmenschlichen Bande. Das ist auch
der Grund, warum der Mensch nicht Widerstand gegen seine Unfreiheit leistet,
warum er sich mit einer Welt abfindet, die ihn zerstört und in jeder Beziehung
negiert. Widerstand gegen die täglich erlebte Negation wird immer seltener und
schwächer; was überwiegt, ist die Bereitschaft, sich mit der bestehenden
Faktizität abzufinden. Daher auch die zunehmende Entpolitisierung. Die
aristotelische Kategorie des zoon politikon führt ein dürftiges Dasein,
staatsbürgerliches Engagement wird immer seltener. Ein großer Teil der Menschen
klagt ständig über sein Los; aber anstatt zu kämpfen, ziehen die meisten von
ihnen vor, ihre beschädigte Seelenverfassung zu verinnerlichen, sei es aus
Ratlosigkeit, Mangel an Zivilcourage oder Resignation. Die politischen Parteien
sind restlos diskreditiert, die Gewerkschaften verlieren zunehmend sowohl ihre
Mitglieder wie ihre Mobilisierungskraft, die neuen sozialen Bewegungen haben
nur punktuelle Erfolge zu verzeichnen oder haben sich mehr oder weniger mit dem
System arrangiert, wie die Grünen oder viele Nicht-Regierungsorganisationen.
Die Widerstandskultur durchlebt eine tiefe Krise. Es gibt gewiss unzählige
Nischen des Protestes, des Dissens'und des zivilen Ungehorsams, aber sie
reichen bei weitem nicht aus, um den Herrschenden wirklich Paroli zu bieten,
geschweige denn, sie zu entmachten. Diese Schwäche der systemverneinenden
Kräfte ist auch der Grund, warum das System mächtiger denn je geworden ist,
obwohl die Folgen seiner Machtakkumulation immer verheerender werden. Das
Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch, das einst so viele Menschen zum Kampf gegen
Willkür, Unrecht und Unterdrückung beflügelte, hat seine frühere motivationale
Kraft eingebüßt und verwandelt sich zusehends in trostlose Hoffnungslosigkeit
und staatsbürgerliche Teilnahmslosigkeit.
Einsamkeit heißt nicht nur, allein zu sein, sondern auch, keine Kampfgefährten
zu haben. Wenn wir den Blick auf unsere Mitmenschen richten, finden wir kaum
potenzielle Verbündete, dafür allerlei Konkurrenten und Rivalen, die, anstatt
mit uns für eine humanere Welt zu Felde zu ziehen, gegen uns zur Durchsetzung
ihrer eigenen Interessen kämpfen. Oder mit den bitteren Worten von Julien
Green: »Es geht immer darum, den Nachbarn aufzufressen«. Entsprechend wird das
Miteinander durch das Gegeneinander ersetzt. Während die klassische Kultur mit
dem sokratischen Dialog einsetzt, leben wir heute im Zustand der
Dialogverweigerung. Das ist auch eine Form der Unfreiheit: Der Krieg aller
gegen alle.
Neben der äußeren, objektiven Unfreiheit, die uns umgibt, gibt es eine innere,
subjektive Unfreiheit. Unfrei sein in diesem Sinne bedeutet, sich von den
Pseudowerten blenden und vereinnahmen zu lassen, die das System als summum
bonum proklamiert. Solange wir es nicht schaffen, uns von dieser
Transvestierung der Wahrheit zu befreien, werden wir Gefangene des Systems
bleiben. Souveräne, selbstbewusste Subjektivität kann nur in offenem
Widerspruch zum System gedeihen. Alles andere ist Selbstentfremdung und
Selbstnegation.
Auf eine Umkehr der Weltverwalter selbst zu setzen, wie es die systemhörige
Theorie tut, wäre verlorene Liebesmühe. Denn die Vertreter der Macht sind die
ersten, die völlig unfähig geworden sind, selbstkritisch zu denken und
schöpferische, poietische Alternativen zum Bestehenden überhaupt in Betracht zu
ziehen. Das Einzige, wofür sie noch taugen, ist Geld zu raffen und ihre
Privilegien zu behaupten. In letzter Zeit haben Politik, Wissenschaft und
Medien über die Notwendigkeit heiß diskutiert, eine neue Elite als Ausweg zur
Überwindung der herrschenden Misere zu züchten. Aber darunter versteht man
keineswegs einen qualitativen Bruch mit den grundsätzlichen Prinzipien und
Kategorien des Systems, sondern vielmehr ihre Verschärfung und Radikalisierung.
Die Umsetzung eines solchen Anliegens würde unweigerlich zu mehr Wettbewerb, zu
mehr Härte, zu mehr Leistung, zu mehr wilder Globalisierung, zu mehr
Ungleichheit und zu mehr Ausbeutung, Unterdrückung und Sozialdarwinismus
führen.
Genauso zwecklos und naiv wäre es, einen Neuanfang oder Paradigmenwechsel von
dem so genannten Dritten Weg zu erwarten, den der Mode-Scharlatan und Demagoge
Anthony Giddens als neues Heil der Zukunft in mehreren Büchern verkündet hat.
Wir sehen in Deutschland, was aus dieser angeblichen neuen Mitte unter der
Regie von SPD und den Grünen geworden ist. Nicht anders im England von Tony
Blair. Die Sozialistische Partei Spaniens (PSOE), zu der auch der neue
Regierungschef Rodríguez Zapatero gehört, wirbt für ein neues Sozialprogramm,
in dem der ominöse Satz steht, wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft
»ohne Ausbeuter und Ausgebeutete «. Die etablierte Linke tut heute nichts
anderes, als die »dirty work« zu verrichten, die das System von ihr erwartet.
Was sie Reformen nennt, ist nur ein anderes Wort für die totale Kapitulation
vor der »New Economy«.
Freiheit, die dieses Namens würdig ist, kann nur in einer humanen Gesellschaft
Wirklichkeit werden. Aber wir leben im Zeitalter des Inhumanen, wie Paul Celan
nach dem Tode von Albert Camus an René Chair schrieb: »Die Zeit richtet sich
gegen diejenigen, die es wagen, menschlich zu sein - es ist die Zeit des
Anti-Humanen«. Mein innigster Wunsch wäre, sagen zu können, welche Schritte
unternommen werden müssten, um uns aus der prekären Lage zu befreien, in der
wir uns befinden. Aber dafür habe ich kein allgemeingültiges, fertiges,
halbwegs brauchbares und Erfolg versprechendes Rezept. Die einzige Möglichkeit,
um nicht moralischen und geistigen Selbstmord zu begehen, ist: Lieber ein
Außenseiter oder gar Besiegter zu bleiben, als Komplize der waltenden
Irrationalität zu werden. Wahre Selbstverwirklichung bedeutet, im Einklang mit
seinen Überzeugungen zu leben; schon allein deshalb schließt sie nicht
unbedingt den Begriff Erfolg ein. Selbstverwirklichung kann vielmehr aus
Verzicht, Opfer und Schmerz bestehen. Gesinnung ist ein innerer Wert und hat
mit gesellschaftlicher Anerkennung nicht das Geringste zu tun. Das gilt für
alle Zeiten, aber in erster Linie für Epochen, die für das Erhabene weitgehend
unzugänglich geworden sind. Je empfindsamer, zarter und unegoistischer Menschen
sind, desto gefährdeter sind sie, gefährdet bis hin zu Wahnsinn, Selbstzerstö-
rung oder Freitod. Der Einsatz für das Humane war von je her mit dem Erfahren
des Leidens verbunden. Die Griechen sprachen in diesem Zusammenhang von pathein
(Erleiden), das Christentum beginnt mit dem Martyrium seiner Stifter. Paul
Ricoeur hat in seinem Buch Soi-même comme un autre zu Recht darauf hingewiesen,
dass jeder handelnde Mensch (homme aggisant) zugleich leidend (souffrant) ist.
Diese allgemeine Wahrheit trifft insbesondere auf Menschen zu, deren Handeln im
Dienste eines hohen Ideals steht.
Wir leben heute im Zustand der Vermassung, der Mechanisierung und der
Gleichschaltung, haben entsprechend aufgehört, Individuen in genuinstem und
vollstem Sinne des Wortes zu sein. Es geht darum, uns aus dieser demütigenden
und selbstverschuldeten Negation unseres Selbst zu befreien und wieder zu
lernen, selbstbewusst, frei und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln.
Das wäre die einzige Möglichkeit, um Partei für das Prinzip Leben zu nehmen und
uns gegen das Prinzip Tod zur Wehr zu setzen, in das uns das System geführt
hat. Tertium non datur. Das Entweder-Oder von Kierkegaard steht wieder auf der
Tagesordnung, nur dass es jetzt nicht mehr um Religion, sondern um einen Kampf
zwischen Knechtschaft und Freiheit geht. Wir weigern uns, zu gefügigen
Marionetten und Konsumrobotern der bestehenden Machtinteressen in ihren
verschiedenen Erscheinungen degradiert zu werden. Wir wollen frei sein, nicht
Untertanen eines zugleich bornierten und brutalen Systems, das keine andere
Wahrheit kennt als Gewinnstreben und alles Wertvolle und Vorzügliche im Leben
systematisch zugrunde richtet. Wir wollen wieder Menschen in integralem Sinn
sein und in Übereinstimmung mit unseren wahren Bedürfnissen und Sehnsüchten
leben.
Unsere Glücksansprüche sind zu hoch, um uns mit den Ersatz- und Pseudowerten
abzufinden, die uns als höchstes Gut von der walten- den Doxa angeboten werden.
Deshalb lehnen wir mit aller Entschiedenheit das Erfüllungsmodell ab, das das
System uns vorschreibt, deshalb befinden wir uns im Zustand des Krieges mit ihm
und all seinen Helfershelfern und Claqueuren in der Politik, in den Medien, in
der Wissenschaft und in der Kulturindustrie. Ich bin nicht geboren, um mein
Schicksal in die Hände von Sadisten, Betrügern, Lügnern und Machtmenschen zu
legen, die aus mir ein willenloses Partikel ihres Herrschaftswahns machen
wollen. Was ich bin oder werden will, entscheide ich, nicht sie. Ich bin
geboren, um meine Freiheit, meine Selbstachtung und mein angeborenes Recht auf
ein von mir gewähltes Leben bis zu meinem Tod zu verteidigen. Nur wenn wir das
verstehen, werden wir in der Lage sein, Widerstand gegen alles zu leisten, was
uns in zunehmender Weise negiert und vernichtet. Voraussetzung dafür ist aber
die Überwindung der Angst, die uns die Weltlenker einflößen. Ohne diesen
Selbstbefreiungsprozess wird es keine gemeinsame, weltweite Befreiung
geben.
Heleno Saña - Jg. 1930, in Barcelona geboren, lebt seit 1959 als freier Schriftsteller in der Bundesrepublik. Verfasser von über 30 gesellschaftskritischen, kulturgeschichtlichen und philosophischen Büchern in spanischer und deutscher Sprache. Zuletzt: »Macht ohne Moral«, PapyRossa Verlag Köln 2003. Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 6. Juni 2004 im Bilderhaus Bornemann (Lübeck) hielt.
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