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von Leo Mayer, Fred Schmid, Conrad Schuhler
Wie die Globalisierung zur globalen Wirtschaftskrise führt Teil I
Wirtschaftskrisen unter den Bedingungen der Globalisierung und neoliberaler Angebotstheorie
Noch zu Beginn des Jahrtausends erklärten Wissenschaftler, Propagandisten und Politiker des Kapitalismus triumphierend, mit dem Konjunktur- und Krisenzyklus der kapitalistischen Ökonomie sei es ein für alle mal vorbei. Die Wachstumslinie der Neunziger Jahre werde sich ungebrochen fortsetzen, High Tech, New Economy, weltweite Produktion und Finanzmärkte würden für stetes und schnelles Wachstum sorgen. Dann kam der Crash an den Börsen, New und Old Economy gingen auf Krisenkurs, Profitwarnungen, Bilanzfälschungen, Pleiten waren und sind an der Tagesordnung. Bereits 2001 steckten die Hauptmächte der Triade - USA, Deutschland, Japan - in einer Rezession und mit ihnen die von ihnen dominierte globale Wirtschaft. Die Hoffnungen auf eine schnelle Kehrtwende haben sich längst zerschlagen; jedermann weiß, der globalen Wirtschaft droht eine länger anhaltende Stagnation, wenn nicht gar Deflation und Depression. Der globale Kapitalismus hat nicht nur mit seinen kriminellen Qualitäten einen "Kulturschock" ausgelöst, wie New York Times und Süddeutsche Zeitung formulierten, er erweist sich auch ökonomisch als längerfristig leistungsschwach, als ein System der Krise. Diesen Charakter verdankt er seiner grundsätzlichen Struktur, deren Krisencharakter durch die neoliberale Globalisierung noch erheblich vertieft wurde.
1
Der kapitalistische Konjunktur- und Krisenzyklus ist durch High Tech und
New Economy nicht etwa abgeschafft, er ist im Gegenteil dadurch noch
ausgeprägter und gefährlicher geworden.
Die kapitalistische Konkurrenz und das ihr innewohnende Prinzip des
Maximalprofits - denn nur der mit den höchsten Profiten kann sich gegen die
Konkurrenz durchsetzen - treiben die Kapitalisten stets zur
Überakkumulation, zum Aufbau von Überkapazitäten im Verhältnis zur
kaufkräftigen Nachfrage. Denn während die kapitalistischen Unternehmer
ihren Ausstoß maximieren wollen, drängen sie auf die Minimierung ihrer
Kosten, v.a. auch der Arbeitskosten, die aber am Markt die entscheidende
Größe der Nachfrage darstellen. Die Verwertungskrise wegen sinkender
Profite (Überakkumulation von Kapital) und die Verwertungskrise wegen
mangelnder Nachfrage (Unterkonsumtion) sind also zwei Seiten ein und der
selben Medaille, wie sie schon Karl Marx im "Kapital" beschrieben hat: "Der
letzte Grund aller wirklichen Krisen bliebt immer die Armut und
Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen
Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute
Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde." Mit dem Aufbau
von Überkapazitäten entwickelt sich der Konjunkturzyklus mit den Phasen
Aufschwung/Konjunktur, Hochkonjunktur (Boom), Abschwung/Krise, Rezession
und ggf. Depression.
Mit wachsender Bedeutung von High Tech und New Economy wird dieser Zyklus
noch intensiviert. Die Informationstechnologie führt zu einer so flexiblen
Fertigung, dass die Produktion ohne größere Lagerhaltung oder
Beschäftigungsreserve der Marktnachfrage folgt, jede Änderung des Marktes
also schnell auf die Produktion durchschlägt. Zur schnell steigenden
Arbeitsproduktivität tritt eine steigende Kapitalproduktivität, d.h. mit
jeder neu eingesetzten Einheit Investitionskapital kann eine größere
Produktmenge erstellt werden.
Die Folge ist eine relativ geringere Nachfrage sowohl nach Arbeitskräften
wie nach Investitionsgütern, also ein relativer Rückgang der
gesamtgesellschaftlichen Nachfrage. Mit High-Tech und New Economy hat sich
der Widerspruch zwischen Akkumulationspotential und gesellschaftlicher
Nachfrage zugespitzt bis zu dem Punkt, dass selbst in Zeiten des
Wirtschaftswachstums die Beschäftigung sinken kann, was zu dem Phänomen der
"jobless Growth" geführt hat.
2.
Im Zuge der Weltmarkt-Orientierung und der Herausbildung der
Transnationalen Konzerne (TNK) hat sich der Widerspruch zwischen
Produktionskapazitäten und kaufkräftiger Nachfrage erheblich zugespitzt.
Im "Wettlauf der Besten" um Weltmarktanteile werden die
einzelnen Gesellschaften als "nationale Standorte" im Sinne der TNK
optimiert, d.h., werden Masseneinkommen
gesenkt, Sozialleistungen und Ausgaben für
öffentliche Daseinsvorsorge gekürzt. Da der Weltmarkt sich aber aus
den einzelnen nationalen Märkten zusammensetzt, sinkt damit die globale
Nachfrage im Verhältnis zur Produktionskapazität.
Verhaftet in einzelwirtschaftlicher "Froschperspektive" propagieren
neoliberale Wirtschaftstheoretiker eine Optimierung der Angebotsbedingungen
als Schlüssel für dynamisches Wirtschaftswachstum. Nicht die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage oder gar die Massenkaufkraft, sondern die
Verbesserung der Angebotsbedingungen durch Kostenreduzierungen,
Steuersenkunkungen und Deregulierungen sind in ihrer Logik die zentrale
Kategorie. Dadurch soll die internationale Konkurrenzfähigkeit, die
Weltmarktpositionierung verbessert werden. Die Folge wären höhere Profite,
die dann zu mehr Investitionen, mehr Wachstum und Arbeitsplätzen führen
würden.
Der "Weltmarkt" ist den Neoliberalen so etwas wie das "gelobte Land", das
Land der scheinbar unbegrenzten (Absatz-)Möglichkeiten, in das man die
jeweiligen Produktionsüberschüsse exportieren kann. Da aber alle
Industriestaaten ihr Heil auf dem Weltmarkt, sprich den addierten
Binnenmärkten der jeweils restlichen Länder suchen, wird es auf diesem
immer enger, d.h. der Konkurrenz- und Verdrängungskampf nimmt an Schärfe
zu. Um so mehr, als im "Wettlauf
der Besten" um Weltmarktanteile in den Industrieländern Löhne,
Sozialleistungen und Ausgaben für öffentliche
Daseinsvorsorge beschnitten wurden. Die Drohung bzw. Realisierung
von Auslandsverlagerungen von Produktion und Entwicklung erschwert den
gewerkschaftlichen Lohnkampf. Anders als bis zu den 70er Jahren wurden in
den folgenden Jahrzehnten anteilige Produktivitätsfortschritte in den
meisten Industrieländern nicht mehr an die Beschäftigten weiter gegeben. In
den USA und Deutschland zum Beispiel verharren die Reallöhne auf dem Niveau
von 1980. Die Massenkaufkraft und somit das Potential des "Weltmarktes"
erhöhten sich dadurch nur geringfügig. Statt propagierter Revitalisierung
der kapitalistischen Wirtschaft und neuer Wachstumsdynamik, verringerten
sich die Wachstumsraten in den 90er Jahren, verstärkten sich stagnative
Tendenzen.
Diese Diskrepanz von Angebot und Nachfrage wird vor allem durch die
Transnationalen Konzernen verstärkt. Diese steigerten - nicht zuletzt durch
Übernahmen und Fusionen - ihre Produktionskapazitäten weit
überdurchschnittlich im Vergleich zum Weltwirtschaftswachstum. Sie setzten
als erste produktivitätssteigernde Investitionen im IT- und
Elektronikbereich ein. Auf der anderen Seite konnten sie durch den Aufbau
globaler Wertschöpfungsketten (kostengünstigste Standortwahl, globales
Kostendumping), durch "Global Sourcing" verbunden mit einem massiven Druck
auf die Zulieferer und neue Organisationsformen (Lean Production,
Toyota-System, atmende Fabrik) in globalem Maßstab Kostenvorteile ausnutzen
und den Anteil der Lohnkosten an ihren Umsätzen radikal reduzieren.
Insgesamt öffnete sich dadurch die Schere zwischen Produktionsvermögen und
kaufkräftiger Nachfrage weiter. Allerdings erreichten gerade die
Transnationalen Konzerne (TNK) eine Produktionselastizität, die es ihnen
erlaubte, den Break-even-Point weiter herabzusetzen; sie erreichen dadurch
die Gewinnschwelle schon mit einer Kapazitätsauslastung von 70 und weniger
Prozent. Umgekehrt können sie zusätzliche Nachfrage ohne nennenswerte
Neueinstellungen von Arbeitskräften bedienen. Ein Moment, das im Aufschwung
zum Phänomen des Jobless Growth führte und die hohe Sockelarbeitslosigkeit
bedingte.
Zu dieser Entwicklung gab es im letzten Jahrzehnt des vergangenen
Jahrhunderts aber auch Gegentendenzen: Mit der Implosion des
osteuropäischen Realsozialismus eröffneten sich für das westliche
Metropolenkapital neue Expansionsfelder. In die gleiche Richtung wirkte die
"Politik der Öffnung" der VR China und Vietnam sowie das Eindringen
transnationalen Kapitals in bislang abgeschottete Märkte wie z.B. Indien.
Das eröffnete gerade den TNK zusätzliche Absatzmärkte für ihre Waren und in
Form der Direktinvestitionen neue Anlagemöglichkeiten für ihr
überschüssiges Kapital. Bereits Rosa Luxemburg hatte auf diesen
imperialistischen Drang des Kapitals hingewiesen: "Zur produktiven
Verwendung des realisierten Mehrwerts ist erforderlich, dass das Kapital
fortschreitend immer mehr den gesamten Erdball zur Verfügung hat, um in
seinen Produktionsmitteln quantitativ und qualitativ unumschränkte Auswahl
zu haben".
Mit der forcierten Privatisierung staatlicher Unternehmen und Sektoren in
allen Industrie- und Schwellenländern in den 90er Jahren wurden ebenfalls
zusätzliche Bereiche zur Kapitalverwertung geschaffen, ebenfalls eine
Expansion im "heterogenen Milieu".
In den USA wurde der Boom im vergangenen Jahrzehnt getragen durch eine über
die Jahre ungebremste Konsumkraft und Kauflust der US-Bürger, die auf hohem
Niveau immer noch zulegten. Zwar wurden die realen Stundenlöhne durch
Tarifabstriche und zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse gesenkt;
die Arbeitnehmer kompensierten den Kaufkraftverlust jedoch durch Mehrarbeit
bzw. durch die Ausübung von Zwei- und Dreifach-Jobs.
Den eigentlichen Treibstoff für die Konsumkraft lieferte jedoch die enorme
Verschuldungsbereitschaft der US-Haushalte, was zu historischen
Höchstständen in der Pro-Kopf-Verschuldung und Tiefstständen in der
Sparquote führte.
Der dadurch initiierte und befeuerte Boom führte wiederum dazu, dass die
USA mit ihrem gewaltigen ökonomischen Potential - über 30 Prozent der
Weltwirtschaftsleistung - als Lokomotive der Weltwirtschaft die anderen
Regionen der Erde über Waren- und Kapitalimporte mit zog, was allerdings zu
den exorbitanten US-Leistungsbilanzdefiziten führte. Der US-Boom war also
im doppelten Sinne ein "Boom auf Pump": Über die Konsumenten- und
Hypothekenkredite der US-Verbraucher und über die Kreditierung durch das
Ausland.
Die Aktien- und Börsen-Hausse ab Mitte der 90er Jahre zündete eine zweite
Stufe der US-Konjunktur-Rakete. Die glänzenden Gewinnaussichten der
US-Multis bewirkten, dass US- und ausländische Anleger verstärkt in Aktien
investierten. Dazu kam ein weiterer Kapitalisierungsschub über die private
Alterssicherung, was zur Expansion der Pensionsfonds führte, die wiederum
das Geld weitgehend in Aktien anlegten.
Das Börsenfeuer wurde weiter angefacht, als infolge der Finanzkrisen in den
Schwellenländern - Südostasien, Russland, Brasilien - die institutionellen
Anleger und Finanzkonzerne ihre Gelder aus diesen Ländern abzogen und an
die Börsen der Metropolen transferierten. Dort lief die Konjunktur ja noch
auf Hochtouren.
Bei Privathaushalten führte der allgemeine Aktienrausch dazu, dass sie ihre
Spargelder vermehrt in Aktien und Investmentzertifikaten anlegten oder
Aktien gar auf Kredit kauften und sich mit steigenden Kursen reich
rechneten. Das bewirkte den so genannten Vermögenseffekt: Untersuchungen
und Berechnungen haben ergeben, dass Privatanleger bei einem Kursanstieg
von einem Dollar zusätzlich vier bis fünf Cents für Konsum ausgeben. Gerade
in den USA, wo mehr als jeder zweite Haushalt Aktien besitzt, verstärkte
das den Konsumrausch. Die Börsen-Hausse gab so der Realwirtschaft einen
Extra-Kick.
3.
Die Privatisierung staatlicher Wirtschaftsbereiche und sozialer
Sicherungssysteme eröffneten dem transnationalen Kapital zusätzliche
Verwertungsbereiche. Sie führte aber auch zur Überakkumulation und
gegenwärtigen Krise im IT-Bereich.
Die von den neoliberalen Regierungen in den 80er Jahren ausgelöste
Privatisierungswelle erreichte im vergangenen Jahrzehnt ihren
Scheitelpunkt. Der Verkauf oder Teilverkauf von staatlichen
Telekommunikationskonzernen, Verkehrsbetrieben (Bahn, Regional- und
Nahverkehr, Airlines), öffentlichen Versorgungsunternehmen (Strom, Gas,
Wasser, Abwasser), Post und anderen Infrastruktur- und
Logistikeinrichtungen, Banken und Versicherungen verschaffte dem nationalen
Kapital und den TNK neue Verwertungsbereiche und für die Finanzanleger
zusätzliche Anlage- und Spekulationsmöglichkeiten. Die UNCTAD nannte in
ihrem World Investment Report 2000 die Privatisierungstendenzen in allen
Industrie- und Schwellenländern als wesentlichen Grund für das Anschwellen
von Direktinvestitionen vor allem in Form länderübergreifender Fusionen und
Übernahmen (mergers & acquisitions).
Vor allem im IT-Bereich hatten Privatisierung und Deregulierung einen
entscheidenden Anteil an Überakkumulation und Überkapazitäten in diesem
Bereich. Erinnert sei an den Investitions- und Übernahmerausch im
Telekomsektor, an die aberwitzige Versteigerungsorgie im UMTS-Bereich, an
den New-Economy-Wahn, der den schier endlosen Kombinationsmöglichkeiten von
Telekom und Internet entsprang.
Getrieben von der Konkurrenz und der Aussicht auf Traumrenditen für
Technologie- und Marktführer investierten die Konzerne nahezu grenzenlos in
Telekom, Mobilfunk und Internet, was wiederum die Innovationsspirale
beschleunigte. Angetrieben von der IT-Euphorie und zig-Milliarden schweren
Übernahmen, schossen die Börsenwerte in die Höhe. Der Geldfluss, den die
Gier an den Börsen in diese Branchen spülte, schien niemals zu versiegen.
Das Marktpotential schien unendlich, die Verbraucher zu jeder Neuerung
verführbar und konsumbereit. In den vergangenen Jahren wuchs die IT-Branche
im Durchschnitt vier Mal so schnell wie die gesamte Volkswirtschaft.
Das IT- und New-Economy-Fieber dauerte etwa drei Jahre, dann war die
Gründer-Party aus. Die alte kapitalistische Krisenwirtschaft verschaffte
sich erneut Geltung. Eine handfeste Überakkumulationskrise stand ins Haus.
Zuerst traf es die start-ups der New Economy, die zuhauf zusammen brachen.
Doch auch die Großen der Telekom-Branche blieben nicht verschont. Im
Wettlauf und Konkurrenzkampf um Branchendominanz und Marktbeherrschung
hatten sie zu viel Kapital investiert, Überkapazitäten in großem Umfang
geschaffen. die noch dazu in der Endphase des Telekom- und Internetrausches
und den damit verbundenen Übernahmeorgien kredit- und fremdfinanziert
waren. Die Visionen um und mit UMTS erwiesen sich bislang als Science
Fiction, neue Dienste und Anwendungen konnten nicht schnell genug
entwickelt werden. Die Konsumenten zeigten sich nicht für jede verrückte
Idee manipulierbar und verweigerten sich zumindest partiell. Anderen fehlte
es an Kaufkraft. Die Folgen waren Fehlallokationen en masse. Der Absturz
der Börsen verschlechterte zudem die Finanzierungsmöglichkeiten. Die
Netzanbieter fanden sich plötzlich auf einem Berg von Schulden wieder. Ihre
Misere schlug auf die ganze Branche durch. Die Betreiber strichen ihre
Investitionen zusammen, was wiederum zur Krise bei den Ausrüstern wie
Ericsson, Siemens, Alcatel, Lucent, Nokia und anderen führte. In
atemberaubenden Tempo rauschte die gesamte Branche vom Boom direkt in die
Krise. Die Financial Times veröffentlichte im Internet ein "Telecom job
cuts watch", wo sie gestrichene Stellen bei den einzelnen Konzernen seit
Anfang 2001 auflistete. Stand am 14. Mai 2002: 539.429 vernichtete
Arbeitsplätze in der Telekom-Branche. Seitdem kamen weitere Zehntausende
dazu.
Deregulierung und Privatisierung haben nicht nur im Telekom-Bereich zum
ungehemmten Investitionsrausch und der damit verbundenen Überakkumulation
beigetragen. Eine ähnliche Situation zeichnet sich im Bereich der
Energiewirtschaft und bei Versorgungsunternehmen ab, wie die
Mega-Insolvenzen von Enron und Vivendi signalisieren. Auch die Energie-
(Strom, Gas, Stadtwerke) und Wasserversorgung (Trink- und Abwasser) wurden
in fast allen Industrieländern dereguliert und privater Kapitalverwertung
ausgeliefert.
Durch die Eingliederung in die privat-kapitalistische Profitwirtschaft
fehlt zudem das früher krisenstabilisierende Moment eines staatlichen
Infrastruktursektors, der Ansatzpunkt staatlicher Konjunktur- und
Beschäftigungsprogramme sein könnte.
4.
Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Mitte der 70er Jahre
beendete das System fester Wechselkurse und führte in der Folge zu heftig
schwankenden (volatilen) Währungen. Zusammen mit der Deregulierung und
Liberalisierung der Finanzmärkte eröffnete das der Finanzspekulation neue
Dimensionen. Die Globalisierung von Finanzmärkten und Spekulation wurde
Realität. Das führte dazu, dass seitdem die Realzinsen dauerhaft über der
Wachstumsrate des Brutto-Inlandsprodukts der Industrie- und Schwellenländer
liegen. Eine Folge sind die Finanzkrisen in den Schwellenländern. Da die
Schuldner die Zinsen nicht aus den realen Zuwächsen, sondern aus der
Substanz bezahlen müssen, schwindet der Teil von Einkommen und Vermögen,
der als effektive Nachfrage nach Investitions- oder Konsumgüter zur
Verfügung stand.
Die Finanzspekulation gab es schon immer, neu ist ihre Dimension und ihr
globales Agieren. Voraussetzung dafür war der Übergang zu variablen
Wechselkursen, Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte und die
Schaffung innovativer Finanzinstrumente (z.B. Derivate).
Woher aber rühren die gewaltigen und anschwellenden Geldfluten? Sie sind
das Ergebnis massiver Einkommensumverteilung zugunsten der Profit- und
Vermögenseinkommen im Rahmen neoliberaler Angebotspolitik. Die wachsenden
Profite finden wegen der strukturellen Nachfrageschwäche (laufende
Beschneidung der Massenkaufkraft) in der realen Sphäre der Ökonomie
zunehmend geringere Anlagemöglichkeiten. Überakkumulation von Geldkapital
bewirkt eine relative Entkoppelung der Finanzsphäre von der
realwirtschaftlichen Entwicklung. Das überschüssige Geldkapital ist die
Grundlage der überbordenden Finanzspekulation, die sich in Währungs- und
Aktienspekulation am Deutlichsten manifestiert. Die Inflation von
Finanztiteln, die gewaltigen Finanzströme, die täglich um den Globus
transferiert werden, die Hebelwirkungen der Hedge Fonds sind Ausdruck
dieser Spekulation. Sie bläst die Werte an den Börsen zu weitgehend
substanzlosen Blasen ("Bubbles") auf und vermag ganze Währungen in den
Abgrund zu drücken.
"Wenn die Realzinsen im Durchschnitt oberhalb der Wachstumsrate des BIP
liegen und auch oberhalb der Profitrate auf industriell oder im
Dienstleistungssektor angelegtes Kapital, dann bedeutet dies, dass
Schuldner immer weniger in der Lage sind, aus den Zuwächsen ihren
Schuldendienst zu leisten, weil ja der Zins größer ist als der Zuwachs des
BIP und wohl im Schnitt auch größer als die Profitrate ist. Wenn die Zinsen
nicht mehr aus den realen Zuwächsen finanziert werden können, dann geht das
nur noch aus der Substanz. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange
erreicht und dann bricht die Finanzkrise aus. Wenn die Geldflüsse immer von
den Schuldnern zu den Gläubigern, also zu den Geldvermögensbesitzern
einseitig erfolgen, dann heißt dies auch, dass die Ungleichheit in der Welt
zunehmen muss. Wenn die einen durch den Schuldendienst immer an die anderen
zahlen, bedeutet dies, dass die einen reicher und die anderen ärmer
werden." (Elmar Altvater, isw-report 52, S. 6).
Im Ergebnis werden dabei keine neuen Werte geschaffen, sondern findet über
Zinsen und Spekulationsgewinnen aus Aktien- und Devisenspekulation eine
Umverteilung von Vermögenswerten zugunsten der großen Finanzanleger und
Geldkapitalbesitzer statt. Hauptakteur auf den Finanzmärkten und dem Feld
der Spekulation ist das internationale Geldkapital in Form internationaler
Geschäfts- und Investmentbanken sowie institutioneller Anleger: Investment-
und Pensionsfonds und Versicherungen.
Durch die internationale Großspekulation in Verbindung mit der Vernetzung
der Finanzmärkte erhöht sich das Risikopotenzial der Finanzmärkte, nimmt
ihre innere Labilität zu. Platzen die spekulativen Blasen, reißen die
Kreditketten, ergeben sich auch Risiken und Schocks für die Realwirtschaft.
Das zeigte sich in Japan, als 1989/90 die Aktien- und Immobilienblase
platzte und auf den Banken seitdem ein Gebirge fauler Kredite lastet. Das
zinstragende und spekulative Kapital hat sich zwar relativ verselbständigt,
ist aber von der realen Sphäre nicht völlig losgelöst. Es dominiert und
diktiert zunehmend diese Sphäre: Das zeigt sich in der Macht der
Institutionellen Anleger gegenüber Konzernen der Realwirtschaft und im
Diktat der Shareholder-Value-Orientierung. Das wird deutlich im
Renditediktat des internationalen Geldkapitals gegenüber Schwellenländern,
aber auch in der Finanz- und Haushaltspolitik von Industrieländern, die
zunehmend dem "Urteil der Märkte" ausgesetzt wird.
Mobilität und Reaktionsgeschwindigkeit internationaler Anleger hat sich
durch die Deregulierung der Finanzmärkte und in Verbindung mit neuen
Kommunikationstechniken gewaltig erhöht. Internationale Geldhäuser und
Institutionelle Anleger können so rund um den Globus und around the clock
spekulieren. Das kann bei einer Verschlechterung der Geschäftssituation
bzw. der wirtschaftlichen Lage eines Landes zu schnellem Kapitalentzug in
gewaltigem Ausmaß führen. Das erschwert die Investitions- und Finanzplanung
von Konzernen und Staaten, birgt das Risiko von Finanz- und
Liquiditätsengpässen. Über die Devisen- und Währungsspekulation wirkte so
das internationale Finanzkapital in den südostasiatischen Tigerökonomien
und in lateinamerikanischen Schwellenländern krisenauslösend. Die Ursache
auch von Finanz- oder Währungskrisen liegen nach wie vor in den
"fundamentals", den so genannten fundamentalen ökonomischen Daten von
Konzernen und Volkswirtschaften. Die Bewegungen der Finanzmärkte, und
zugespitzt dann die Finanzspekulation, setzen an diesen Ungleichgewichten
und Trends an und verstärken deren Schwankungen. Hohe Volatilität
(Schwankungsintensität der Kurse im Zeitverlauf), "Overshootings"
(spekulative Übersteigerungen), bedingt durch die Finanzmassen der Fonds
und Großspekulanten ("Trendsetter") sind die Folgen. Finanzspekulation und
globale Verschuldung sind unter diesen Bedingungen zusätzliche globale
Krisenfaktoren.
5.
Ein zunehmender Teil des gesamten Wirtschaftens, aber auch des
wirtschaftlichen Verhaltens von Privathaushalten ist heute von den
Schwankungen der Börsen abhängig. Dies wirkt zyklusverstärkend, im Boom wie
in der Krise.
Transnationale Konzerne finanzieren sich heute weitgehend über die
Kapitalmärkte, insbesondere durch Aktienemissionen. Im Zuge der Fusionitis
der vergangenen Jahre wurden die Aktien zur "Akquisitionswährung", Fusionen
und Übernahmen wurden weitgehend durch Aktientausch finanziert. Das trieb
den Aktienkurs nach oben, heizte das Börsenfieber an. Mit dem Absturz der
Börsen versiegten diese Finanzierungsquellen weitgehend. Die TNK mussten
zur Finanzierung auf Unternehmensanleihen umsteigen, wodurch ihre
Verschuldung steil nach oben ging. Allein die europäischen
Telekom-Betreiber waren Mitte 2002 mit 400 Milliarden Euro verschuldet und
sind jetzt gezwungen, ihre Investitionspläne stark zurück zu fahren.
Kosteneinsparungen bewirken sie in erster Linie über einen massiven
Stellenabbau.
Aufgrund der Verschlechterung und Aushöhlung der gesetzlichen
Alterssicherung mussten Privathaushalte zusätzlich kapitalgedeckte
Altersvorsorge treffen: in Form von Lebensversicherungen, Betriebsrenten
und Pensionsfonds (insbesondere in den angelsächsischen Ländern). Im Zuge
des Aktienbooms investierten Lebensversicherungen, Fonds und betriebliche
Rentenkassen ihre Prämienüberschüsse zunehmend an der Börse. Der
Gesetzgeber hatte die Höchstgrenzen der Aktiendeckung von
Lebensversicherungen und betrieblichen Pensionsfonds mehrmals
heraufgesetzt. Jetzt in der Baisse geraten die Lebensversicherungen selbst
in Lebensgefahr: Bei einer Reihe von privaten Versicherungen und
betrieblichen Pensionsfonds tun sich Milliarden große Deckungslücken auf.
Einige Versicherungen können zum Jahresende den Garantiezins von 3,25
Prozent auf Lebensversicherungs-Policen nicht mehr bezahlen. Bei
US-Firmenpleiten wie Enron und Worldcom lösten sich die betrieblichen
Pensionsfonds weitgehend in Luft auf.
Versicherungen und andere Institutionelle Anleger fliehen jetzt in großer
Hektik aus den Aktien und drücken damit den Aktienkurs weiter nach
unten.
Mit der Börsen-Baisse verschlechterte sich auch die finanzielle Situation
zahlreicher Privathaushalte. Mit dem Börsenboom war die Zahl der privaten
Aktienbesitzer und Zeichner von Investment-Zertifikaten sprunghaft
angestiegen. Gerade Späteinsteiger und Aktienkäufer auf Kredit verloren
jetzt einen Großteil ihres Vermögens bzw. sind verschuldet. Insgesamt löst
die gigantische Vernichtung von Aktien- und Papiervermögen jetzt einen
negativen "Vermögenseffekt" in die umgekehrte Richtung aus. Ökonomen
rechnen in den kommenden Monaten mit erheblichen Einbußen bei den
Konsumausgaben der Privathaushalte. Nach einer Studie im Auftrag der OECD
schrumpft der Konsum bei einem Kurssturz von zehn Prozent an der Börse in
den USA um 0,45 bis 0,75 Prozent, um 0,5 Prozent in Großbritannien und um
0,2 Prozent in Deutschland. Die niedrigere so genannte Cash-Burning-Rate in
Deutschland im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern resultiert daraus,
dass hier zu Lande erst jeder vierte Haushalt Aktien besitzt, in den USA
dagegen mehr als die Hälfte.
6.
Unter der Dominanz von institutionellen Anlegern und Investmentbanken
werden die Konzerne krisenanfälliger. Transnationale Konzerne werden heute
größtenteils beherrscht von nationalen und internationalen Institutionellen
Anlegern. Bei diesen steht das unbedingte Eigentümerinteresse im
Vordergrund; es wird durchgesetzt ohne Rücksichtnahme auf Arbeitnehmer- und
soziale Interessen, auf ökologische und gesellschaftliche Folgen. Zielgröße
ist die Maximierung des Shareholder Values in Form von Steigerung des
Aktienkurses, Dividendenausschüttung und Bezugsrechten. Über Benchmarking
(Vergleich mit den weltweit Besten der Branche) setzen die Institutionellen
in den Konzernen Renditevorstellungen durch, die sich an globalen
Spitzenwerten orientieren. Vorstände und Management, durch Aktienoptionen
ebenfalls in diese Richtung stimuliert, geben den Druck an die
Belegschaften weiter. Durch Konzentration auf das so genannte Kerngeschäft
soll möglichst schnell ein Spitzenplatz in der Welt-Rankingliste der
betreffenden Branche erreicht werden. Weniger profitable Konzernbereiche
werden abgestoßen, eine Quersubventionierung ist nicht mehr erlaubt. Durch
Zukäufe, Übernahmen und Fusionen soll eine marktbeherrschende Stellung in
einer Branche erreicht werden und damit die Fähigkeit zur
Monopolpreissetzung.
Das alles macht jedoch die Konzerne krisenanfälliger: Monokulturen machen
bei Strukturkrisen einer Branche einen Risikoausgleich unmöglich.
Bedingungslose Fusionitis zur Erlangung einer Monopolstellung birgt die
Gefahr einer Überschuldung, wie dies an den Telekom-Konzernen, aber auch an
Teilen der Automobilbranche deutlich wurde. Diese Konzerne werden zur
totalen Beute des zinstragenden Geldkapitals. Die zunehmende Finanzierung
von TNK über die Finanzmärkte macht die Konzerne auch abhängiger von den
Schwankungen dieser Märkte. Das zeigt sich bei der gegenwärtigen
Baisse-Situation mit der Entwertung der Akquisitionswährung "Aktie".
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