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  <inhalt>
    <absatz titel="Festrede von Peter Huemer">
      <text>
      </text>
    </absatz>

    <absatz
    titel="Abbau des Sozialstaats, Einschr&#228;nkung der B&#252;rgerrechte">

      <text>Der &#246;sterreichische Publizist Peter Huemer hielt in diesem
      Jahr die Festrede zur Er&#246;ffnung des Linzer Brucknerfestes. Er
      warnte dabei vor der Abl&#246;sung des Privaten durch Privatisierung
      und moderne Technik. Einerseits: "Die neuen technologischen
      M&#246;glichkeiten vernichten das Private als Begriff". Andererseits:
      "GATS - das bevorstehende General Agreement on Trade in Services" -
      ist eine massive Bedrohung unseres Kulturlebens."</text>

      <text>Darf ich Sie noch einmal daran erinnern? Sie wurden vor Beginn
      der Veranstaltung h&#246;flich gebeten, Ihr Handy auszuschalten. Das
      ist auch gut so, nicht nur, weil das L&#228;uten hier st&#246;ren
      w&#252;rde, sondern auch, damit niemand Ihren gegenw&#228;rtigen
      Aufenthaltsort via Handy feststellen kann.</text>

      <text>Aber da ist doch nichts dabei, werden Sie sagen, wenn ich hier
      sitze bei der Er&#246;ffnung des Brucknerfests - noch dazu, wo wir
      lauter geladene G&#228;ste sind. Es ist aber schon was dabei, wenn
      Sie einen kleinen Spitzel mit sich herum tragen, der dem
      Netzbetreiber und jeder Person, die sich Zugang verschafft, jederzeit
      Ihren aktuellen Aufenthaltsort verr&#228;t und au&#223;erdem, wann
      Sie von wo mit wem telephoniert haben. Wenn Sie Ihr Handy
      flei&#223;ig ben&#252;tzen, kann man ein einigerma&#223;en
      vollst&#228;ndiges Bewegungsdiagramm innerhalb der letzten Monate
      &#252;ber Sie herstellen. Sagen Sie bitte jetzt nicht, es d&#252;rfe
      ohnehin jeder wissen, wo Sie sich jeweils befinden, wann Sie mit wem
      geredet haben. Es t&#228;te mir leid, wenn Ihr Leben derart
      uninteressant und ereignislos w&#228;re, dass Sie niemals
      Erkl&#228;rungsbedarf haben.</text>

      <text>Es ist schon ein paar Jahre her, dass die "Sunday Times" ihren
      Lesern begeistert mitgeteilt hat: "Einst dem Geheimdienst
      vorbehalten, werden Spionagesatelliten wohl bald f&#252;r alle
      Menschen verf&#252;gbar gemacht werden, die eine Kreditkarte
      besitzen. Bald wird es m&#246;glich sein, f&#252;r ein paar hundert
      Pfund in die G&#228;rten der Stars zu sp&#228;hen, in
      Ausbildungslagern f&#252;r Terroristen in Libyen
      herumzuschn&#252;ffeln oder einen Ehemann auf einer
      Gesch&#228;ftsreise nach Amsterdam zu &#252;berwachen."</text>

      <text>Ich nehme an, das geht Ihnen zu weit. Und es funktioniert auch
      noch gar nicht - zumindest, was den Ehemann betrifft, weil der im
      Gegensatz zum Garten des Stars und zum Terroristenlager ein Objekt in
      Bewegung ist und damit das System &#252;berfordert - jedenfalls
      f&#252;r den allgemeinen Zugriff. Insofern noch Entwarnung f&#252;r
      alle Amsterdam-Reisenden.</text>

      <text>Anders ist es mit dem System "Mobile Family Services", das eine
      gro&#223;e deutsche Firma Ende 2000 angek&#252;ndigt hat. Das gibt es
      schon. Damit k&#246;nnen Eltern dank Ortungstechnik im Handy
      jederzeit den Aufenthaltsort ihrer Kinder feststellen. Das beruhigt.
      Und ein zwischengeschaltetes Call Center kann jederzeit mith&#246;ren
      (das ist die "Listen in"-Funktion) und kann sich einschalten, wenn
      die Kinder gef&#228;hrlichen Unfug treiben. Das beruhigt noch mehr.
      Was fr&#252;her "elektronische Fu&#223;fessel" hie&#223; und auf
      H&#228;ftlinge im Freigang beschr&#228;nkt war, wird nun auf Kinder
      ausgeweitet. Selbstverst&#228;ndlich zu ihrem Schutz. Einen kleinen
      Nachteil muss man da schon in Kauf nehmen: Das System zerst&#246;rt
      die Autonomie und die menschliche W&#252;rde des &#252;berwachten
      Kindes. Und es gew&#246;hnt die Kleinen schon fr&#252;hzeitig an
      lebenslange Unm&#252;ndigkeit. Und am Ende wird es unsere Demokratie
      vernichten, wenn wir uns an die Allgegenwart von &#220;berwachung
      gew&#246;hnt haben. Damit will ich mich im ersten Teil meiner Rede
      befassen.</text>

      <text>Ein besonderes Gesch&#228;ft wurden in den USA nach dem Tod
      eines Kleinkindes, bei dem die Rolle des Kinderm&#228;dchens
      ungekl&#228;rt blieb, die sogenannten "Nannycams", also:
      "Kinderm&#228;dchenkameras". In einem Teddyb&#228;ren, in der Uhr, wo
      immer im Kinderzimmer versteckt, wird eine winzige Videokamera
      installiert, und die besorgten Eltern k&#246;nnen jederzeit aus der
      Ferne am PC kontrollieren, was zu Hause abl&#228;uft. Au&#223;erdem
      kann am Abend das Videoband zur &#220;berpr&#252;fung des Tages
      abgespielt werden.</text>

      <text>Wenn wir vom &#220;berwachungsstaat und seinen Bedrohungen
      sprechen, dann sind wir nicht nur Opfer, wir sind auch T&#228;ter.
      Ohne viel nachzudenken bedienen wir uns der Technologien, die der
      Markt bietet und uns zuweilen auch aufdr&#228;ngt. Ein besonders
      beliebtes Argument f&#252;r totale &#220;berwachung ist der Schutz
      der Kinder.</text>

      <text>Alle &#220;berwachung durch M&#228;chtigere passiert ja immer
      und ausschlie&#223;lich zugunsten der &#220;berwachten - vornehmlich
      zu deren Schutz. Das ist das eine. Und das andere: Alles, was unsere
      eigene &#220;berwachung erleichtert, dient zun&#228;chst einmal
      unserer Bequemlichkeit: Teleshopping und Kundenkarten, Road Pricing
      und Chipcard - lauter elektronische Systeme, die uns das Leben und
      anderen die Kontrolle desselben erleichtern.</text>

      <text>Es ist diese unaufl&#246;sliche Spannung zwischen den
      Grundwerten Sicherheit und Freiheit, die dazu f&#252;hrt, dass wir
      weniger und mehr Kontrolle gleichzeitig wollen. In den USA nach dem
      11. September, wo parallel zum Sicherheitsbed&#252;rfnis die Angst
      vor dem Verlust von Privatheit besonders gewachsen ist, wird das
      &#252;berdeutlich. Die Bek&#228;mpfung des Terrors macht Grundrechte
      schon heute zu Makulatur, erlaubt ganz neue Formen von
      &#220;berwachung. Ich f&#252;rchte, demn&#228;chst auch bei
      uns.</text>

      <text>Wenn die Gesellschaft sich nicht wehrt. Aber wie sollte sie,
      wenn so viele Menschen gedankenlos zur Zerst&#246;rung ihrer eigenen
      Intimit&#228;t beitragen, w&#228;hrend andere interessiert zuschauen.
      Ich zitiere aus dem Pressetext einer Fernsehanstalt: "Margit hat
      Orgasmusprobleme. Seit sie verheiratet ist, kommt sie im Bett zu kurz
      - sagt sie. Herbert lacht. ,Ja, das kann schon sein, ich komme immer
      zu schnell', sagt Herbert, Margits Mann. Er glaubt, &#252;ber alles
      reden zu m&#252;ssen, unter Eheleuten sowieso, aber auch mit Freunden
      und nat&#252;rlich auch im Fernsehen. B&#228;rbel Sch&#228;fer fragte
      auf RTL: ,Wie lange braucht man zum Sex ?' - und Margit und Herbert
      meldeten sich ganz spontan."</text>

      <text>Nun ja, das sind diese ber&#252;chtigten Nachmittags-Talkshows,
      werden Sie sagen, noch dazu bei RTL. Aber auch im ORF hatten sie eine
      gute Idee. Da lag in den Wartezimmern von Frauen&#228;rzten folgendes
      Flugblatt: "Liebe werdende Mutter! Kennen Sie die ORF
      Samstag-Abend-Live-Sendung HAPPY END? ... F&#252;r die n&#228;chsten
      Sendungen haben wir eine ganz besondere Idee und Sie k&#246;nnen
      dabei vielleicht die ,Hauptrolle' &#252;bernehmen. Also: Erfahren Sie
      von Ihrem Arzt/ von Ihrer &#196;rztin, dass Sie ,in freudiger
      Erwartung' sind, behalten Sie die Freudenbotschaft vorerst f&#252;r
      sich. Wir laden Sie und Ihren Partner (unter Vorwand) in die Sendung
      und dann kommt Ihr gro&#223;er Auftritt: Live k&#246;nnen Sie -
      originell inszeniert - den Gl&#252;cklichen mit seinem kommenden
      Vatergl&#252;ck &#252;berraschen. Haben Sie Lust, auf diese
      einzigartige Weise Ihren Partner ... mit der Babynachricht zu
      &#252;berraschen, rufen Sie einfach an."</text>

      <text>Was soll man dazu sagen? Das war &#252;brigens vor Big Brother
      und &#228;hnlichen Formaten. Jeder ein Star f&#252;r f&#252;nfzehn
      Minuten, hatte Andy Warhol hellsichtig prophezeit. Und die sich
      selbst entbl&#246;&#223;en, finden entschieden, es sei "nichts dabei"
      - im Gegensatz zu den Exhibitionisten fr&#252;herer Zeiten, die
      durchaus meinten, es sei etwas dabei, wenn sie im Park den Mantel
      aufrissen. Darum haben sie es ja getan.</text>

      <text>Was uns heute klar wird, ist, dass die Trennung zwischen
      "&#246;ffentlich" und "privat" immer weniger Sinn ergibt. Wenn zum
      Beispiel die &#246;sterreichische Staatspolizei, eine Beh&#246;rde
      also, gegen Bezahlung leitende Firmenmitarbeiter im Auftrag von deren
      Chefs &#252;berpr&#252;ft, dann ist die Vermengung von
      &#246;ffentlich und privat perfekt. Und wenn Innenminister Strasser
      dies so kommentiert: "Wenn jemand diese &#220;berpr&#252;fung nicht
      will, dann hat er wahrscheinlich wirklich etwas zu verbergen", dann
      repr&#228;sentiert er den Obrigkeitsstaat par excellence und
      appelliert an die D&#252;mmsten unter uns, deren b&#252;rgerliches
      Bewusstsein vor 1848 stecken geblieben ist. Diese verk&#252;nden
      stolz, dass sie nichts zu verbergen haben, und erleben die umfassende
      Zerst&#246;rung von Privatheit nicht einmal als Bedrohung.</text>

      <text>Eben darum geht es: Die neuen technologischen
      M&#246;glichkeiten vernichten das Private als Begriff, der sich mit
      dem Aufstieg der b&#252;rgerlichen Gesellschaft seit dem 18.
      Jahrhundert durchgesetzt hat und im 19. codifiziert wurde. Im
      November des Vorjahrs organisierte das Institut f&#252;r
      Technikfolgenabsch&#228;tzung der &#214;sterreichischen Akademie der
      Wissenschaften eine Konferenz unter dem Titel: "Ist das Recht auf
      Privatsph&#228;re ein Grundrecht mit Ablaufdatum?" In der Tat, der
      Prozess scheint zur Zeit nicht reversibel. Und alle machen mit. Die
      Mode wird immer transparenter, die H&#228;user mit ihren riesigen
      Verglasungen immer durchsichtiger und die Schn&#252;ffelger&#228;te,
      auch f&#252;r Laien, werden immer billiger. Weil der Absatz so stark
      ist.</text>

      <text>Die USA haben dabei eine Vorreiterrolle &#252;bernommen. Deren
      Milit&#228;r &#252;berlegt und probiert neue
      &#220;berwachungssysteme, die entschieden &#252;ber das bisher
      Bekannte hinausgehen - ein Bereich, der der Kontrolle der Politik
      weitgehend entzogen ist. Und vor einigen Jahren ein amerikanischer
      Pr&#228;sident, der einem Untersuchungsausschuss &#246;ffentlich
      Rechenschaft &#252;ber sein Sexualleben gegeben hat statt die Antwort
      aus Selbstachtung zu verweigern - egal, was die Konsequenzen gewesen
      w&#228;ren. Gleich danach konnten wir die intimen Details &#252;ber
      den m&#228;chtigsten Mann der Welt im Internet nachlesen. Das war ein
      Dammbruch.</text>

      <text>Es scheint, als habe diese Gesellschaft niemals ausreichend
      nachgedacht, worauf sie sich da einl&#228;sst. Das Modell
      "&#220;berwachungsstaat" war immer der Diktatur zugeordnet. Jetzt hat
      es sich in der Demokratie eingenistet mit technologischen
      M&#246;glichkeiten, von denen Hitler und Stalin nicht einmal
      tr&#228;umen konnten. Ob wir's verhindern h&#228;tten k&#246;nnen,
      ist fraglich. Aber wir haben es gar nicht versucht, weil alles so
      undurchsichtig und schwer verst&#228;ndlich ist, was mit den neuen
      Technologien und ihren avancierten Anwendungsm&#246;glichkeiten
      zusammenh&#228;ngt. Wir haben uns das Nachdenken dar&#252;ber
      erspart.</text>

      <text>Und jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem ein
      Mitarbeiter der World Future Society in Washington DC meint: "Eine
      Nummer k&#246;nnte bereits bei Geburt zugewiesen werden und so mit
      durch das ganze Leben gehen. Am besten w&#252;rde man den Microchip
      auf dem Handr&#252;cken implantieren, denn das w&#228;re am
      einfachsten zum Scannen. ... Man schlie&#223;t das Haus auf, startet
      das Auto, verschafft sich Zutritt im B&#252;ro, kauft ein, hebt Geld
      ab, weist sich aus und niemals verliert man den Chip."</text>

      <text>Das w&#228;re in der Tat sehr bequem: nie mehr Bankomatkarte
      und Pass brauchen, nie mehr Schl&#252;ssel verlieren - f&#252;r einen
      kleinen Preis allerdings: den Verlust der Menschenw&#252;rde. Dass
      Tag und Nacht Kontrollierte nicht demokratief&#228;hig sind, liegt
      auf der Hand. Wenn wir uns nicht bald dagegen zu wehren beginnen,
      werden ein paar Techniker, ein paar Milit&#228;rs, ein paar
      Wirtschaftsleute und ein paar Politiker mittels neuer Technologien
      die Demokratien weltweit zur reinen Farce und hohlen Attrappe
      machen.</text>

      <text>Dar&#252;ber lohnte es sich tats&#228;chlich nachzudenken. Und
      dann sollten wir uns darauf verst&#228;ndigen, was das Recht auf
      Privatheit heute noch bedeuten kann. Das ist n&#228;mlich
      mittlerweile v&#246;llig unklar. Besonders sch&#246;n kommt das
      Durcheinander in den K&#246;pfen in einer absurden kleinen Geschichte
      zum Ausdruck: Ein weiblicher Popstar bekennt ungefragt vor dem
      Mikrophon, sie habe sich gerade die Brustwarze piercen lassen. Auf
      die Frage "Welche Brustwarze?" antwortet sie: "Das ist meine
      Privatsache."</text>

      <text>Von der Zerst&#246;rung des Privaten zur Privatisierung der
      Welt. Da besteht ein Zusammenhang, der &#252;ber das Wortspiel
      hinausgeht. Die Einschr&#228;nkung der Grundrechte und die
      m&#246;glichst totale Kontrolle &#252;ber die Menschen ist
      n&#228;mlich unabdingbare Voraussetzung, wenn die Welt privatisiert
      werden soll. Und je &#228;rmer der Staat und seine B&#252;rger
      dadurch werden, desto mehr Geld wird f&#252;r &#220;berwachung und
      Gef&#228;ngnisse gebraucht.</text>

      <text>Vor mehr als zwei Jahren riet das Wirtschaftsmagazin "Fortune"
      seinen Lesern: "Wenn Sie nach einer sicheren Aktienanlage suchen, die
      dauerhafte Renditen verspricht, versuchen Sie es mit der ultimativen
      Alternative zum Internet: Wasser."</text>

      <text>Es geht bekanntlich nicht nur um das Wasser. Es geht um die
      Zerschlagung unseres Bildungssystems, unseres Gesundheitssystems,
      unserer Energieversorgung, es geht um Bereiche, "die noch nie zuvor
      als Gegenstand der Handelspolitik gesehen wurden". So hat es der
      ehemalige Generaldirektor der WTO Renato Ruggiero definiert. Das
      hei&#223;t: Bildung, Wasser, medizinische Versorgung,
      &#246;ffentlicher Verkehr, alles, was man kaufen und verkaufen kann,
      soll in Zukunft in private Hand &#252;bergehen und wie beliebige
      Waren gehandelt werden.</text>

      <text>Das weltweite Abkommen, von dem ich spreche, hei&#223;t GATS,
      das ist die Abk&#252;rzung f&#252;r General Agreement on Trade in
      Services. Es geht dabei um die Liberalisierung und Privatisierung
      &#246;ffentlicher Dienstleistungen. Verhandelt wird im Rahmen der
      Welthandelsorganisation WTO, die treibende Kraft dahinter sind vor
      allem die USA und weltweit operierende Konzerne. Bis Ende 2004 sollen
      die Verhandlungen zwischen den Staaten abgeschlossen werden.</text>

      <text>Es ist durchaus m&#246;glich, dass Sie, gesch&#228;tzte
      Festg&#228;ste, bis jetzt &#252;ber dieses wichtigste weltweite
      Abkommen wenig bis gar nichts gelesen oder geh&#246;rt haben, weil
      die Verhandlungen geheim gef&#252;hrt werden und die Beteiligten
      daran interessiert sind, dass m&#246;glichst wenig nach au&#223;en
      dringt. Zu Recht, weil sie mit einem weltweiten Sturm der
      Entr&#252;stung rechnen m&#252;ssten. Daher hat man sich auf ein
      Verfahren geeinigt, das aufs Haar der Geheimdiplomatie des 18.
      Jahrhunderts gleicht, als Kabinette im Auftrag ihrer Feudalherren in
      streng geheimen Verhandlungen die Schicksale ganzer V&#246;lker
      entschieden haben. Das kommt jetzt wieder.</text>

      <text>Die verheerenden Erfahrungen weltweit mit bisherigen
      Privatisierungen von Infrastruktur spielen dabei keine Rolle. Das
      englische Eisenbahnsystem ist legend&#228;r geworden, die
      Stromversorgung in Kalifornien ebenso. Die Liste der Fehlschl&#228;ge
      und Katastrophen nach Privatisierungen von Infrastruktur w&#228;re
      beliebig verl&#228;ngerbar, wobei es sich jeweils um Katastrophen
      f&#252;r die Allgemeinheit handelt, nicht f&#252;r die
      Aktion&#228;re. Darum wird ja privatisiert.</text>

      <text>Der Bereich der Kultur ist nat&#252;rlich ebenso bedroht, wenn
      Subventionen in Zukunft als Wettbewerbsverzerrung gelten. Das
      zerst&#246;rt den europ&#228;ischen Film und soll es ja wohl auch. Es
      stellt unser Theater- und Rundfunksystem in Frage und erledigt die
      kleinen Kulturinitiativen. Aber nicht nur die. Dieses Haus wird im
      kommenden M&#228;rz 30 Jahre alt und kann stolz sein auf seine
      Geschichte. Aber die Zukunft ist fraglich, wenn GATS gewinnt. Und das
      Lentos gleich nebenan, ein besonders gegl&#252;ckter Museumsneubau,
      h&#228;tte unter diesen Umst&#228;nden gar nicht erst aufsperren
      m&#252;ssen. Denn niemand kann garantieren, dass zum Beispiel Museen
      auf Dauer aus dem Abkommen ausgenommen werden. Kein
      Dienstleistungssektor soll grunds&#228;tzlich von GATS verschont
      bleiben. Und wenn Ihnen jemand sagt, ich erz&#228;hlte hier
      Gr&#228;uelm&#228;rchen: &#220;berpr&#252;fen Sie bitte
      selbst!</text>

      <text>Dazu ein aktuelles kleines Beispiel aus den USA, was die
      Privatisierung von Kultur in der Praxis bedeutet: Ende Juli konnten
      wir der Frankfurter Allgemeinen und der S&#252;ddeutschen Zeitung
      entnehmen, dass die Stiftung der verstorbenen texanischen
      &#214;lerbin Sybil Harrington die Metropolitan Opera auf die
      R&#252;ckgabe von 5 Millionen Dollar klagt, weil der aus &#214;lgeld
      finanzierte "Tristan" an der Met nicht den Vorstellungen der
      verstorbenen Milliard&#228;rin entsprochen habe. Inszeniert hatte
      Dieter Dorn, der Intendant des M&#252;nchner Residenztheaters,
      wahrlich kein Wilder, wie wir wissen. Aber wie gesagt, f&#252;r die
      Harrington Stiftung war dieser "Tristan" nicht konventionell genug.
      Und wer zahlt, schafft an. Und jetzt frage ich Sie, gesch&#228;tzte
      Festg&#228;ste: Wollen wir solche Zust&#228;nde auch bei uns?</text>

      <text>Ich behaupte: GATS ist eine massive Bedrohung des
      europ&#228;ischen Kulturlebens. Und die gegenw&#228;rtige
      besch&#228;mende Geldnot unserer Universit&#228;ten, Museen und
      Bibliotheken ist nur ein Vorgeschmack dessen, was kommt, wenn GATS
      einmal greift.</text>

      <text>F&#252;r verst&#228;ndliche Wut &#252;ber diese Bedrohung
      reichen unsere Informationen nicht aus. Wir ahnen, dass hier um die
      Zukunft der Welt gehandelt wird, aber viel mehr wissen wir nicht. Wir
      sind darauf angewiesen, was eine Bundesregierung, die selber extrem
      privatisierungswillig ist, an &#246;ffentlichem Gut und an
      &#246;ffentlichen Interessen zu verteidigen gewillt ist. Zumindest
      bei Kunst und Kultur pl&#228;diert sie f&#252;r Nichtaufnahme in die
      Verhandlungen. Das ist immerhin etwas.</text>

      <text>Pasolini hat diesen Kapitalismus in seinen
      "Freibeuterschriften" bereits vor 30 Jahren beschrieben. In seinen
      Essays setzt er sich mit der radikalen Kulturzerst&#246;rung durch
      die Konsumgesellschaft auseinander. Dies sei die "erste wahre
      Revolution von rechts", schreibt er. Die alten Werte Familie,
      Vaterland, Ordnung, Sparsamkeit, Kirche werden zerschlagen."Nicht
      einmal das Falsche an ihnen ist noch zu gebrauchen." Pasolini kommt
      zum Schluss,"es d&#252;rfe keine andere Ideologie als die des Konsums
      geben".</text>

      <text>Prophetische Worte. Tats&#228;chlich k&#246;nnen wir heute
      zwischen mehr Butter- und K&#228;sesorten als je zuvor w&#228;hlen
      und es gibt Gesch&#228;fte mit zwei Anz&#252;gen f&#252;r 99 Euro.
      Und das Telephonieren ist auch billiger geworden. Aber die
      gro&#223;en Entscheidungen, bei denen es um das Leben von
      V&#246;lkern und ganzen Kontinenten geht, die trifft eine winzige
      Minderheit. Dazu kommt noch etwas: Es ist geplanter
      Vertragsbestandteil von GATS, dass der Prozess der Privatisierungen
      nicht mehr umkehrbar sein soll - egal, welche Verheerungen er
      ausl&#246;st. Einen solchen Versuch, jeden Lernprozess durch ein
      weltumspannendes Vertragswerk auszuschlie&#223;en, hat es in der
      Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Den Menschen das Lernen
      verbieten zu wollen: das w&#228;re dann tats&#228;chlich das "Ende
      der Geschichte".</text>

      <text>Gegen wen protestieren? Thomas Friedman von der New York Times
      hat schon vor mehr als einem halben Jahrzehnt die Gegner der
      Globalisierung verspottet mit dem Hinweis, da s&#228;&#223;e niemand
      am anderen Ende der Leitung. Aber vielleicht sitzt dort doch jemand?
      Sp&#228;testens wenn wir wissen, wem das Wasser geh&#246;rt, wem die
      Schulen und wem die Spit&#228;ler, dann wissen wir auch, gegen wen
      protestieren. Nur wird es dann leider zu sp&#228;t sein.</text>

      <text>Es gibt B&#252;rgerorganisationen wie ATTAC, die den Widerstand
      von unten organisieren, seit die Ohnmacht der Politik gegen&#252;ber
      den Herren der Welt in der Wirtschaft offensichtlich ist. Und das
      Wenigste, was wir selber tun k&#246;nnen, ist, uns zumindest aus dem
      Internet zu informieren, da unsere Medien wenig &#252;ber GATS
      berichten - obwohl dieses Abkommen unmittelbar in unser aller Leben
      eingreifen wird.</text>

      <text>Ich wei&#223;, dass die Aufforderung zum Widerstand gerade in
      dieser Stadt auf offene Ohren trifft, da es die Plattform Stopp GATS
      Ober&#246;sterreich war, die eine Resolution ausgearbeitet hat, die
      von zahlreichen &#246;sterreichischen Gemeinden unterzeichnet worden
      ist, unter anderem von der Landeshauptstadt Linz. Und der
      ober&#246;sterreichische Landtag fordert von der Bundesregierung
      n&#228;here Information und Einbindung in den Entscheidungsprozess.
      Zudem hat ein Ausschuss des Landtags am 13. M&#228;rz 2003
      beschlossen, folgende Bereiche m&#246;gen nicht f&#252;r den Markt
      ge&#246;ffnet werden: Bildung, Wasser, Gesundheit, Soziales,
      Audiovisuelles (Kunst und Kultur) sowie Bereiche des
      &#246;ffentlichen Verkehrs. Angeschlossen haben sich der Stopp GATS
      Kampagne auch viele kirchliche Gruppen. Hier ist ein breites Netzwerk
      des Protests im Werden - &#252;ber alle Parteigrenzen hinweg.
      Gefordert wird ein sofortiger Verhandlungsstopp. Das ist auch nicht
      aussichtslos. Der erfolgreiche Kampf gegen das geplante MAI-Abkommen
      vor einigen Jahren hat gezeigt, dass weltweiter Widerstand von unten
      keineswegs wirkungslos bleibt. Aber auch wenn wir selber nichts
      dagegen tun: Wenigstens das Nachdenken dar&#252;ber nimmt uns niemand
      ab.</text>

      <text>Ein m&#246;gliches Res&#252;mee dieses Nachdenkens k&#246;nnte
      so lauten: Wer f&#252;r den europ&#228;ischen Sozialstaat mit
      weitreichenden B&#252;rgerrechten pl&#228;diert, erlebt heute in
      Europa eine genau gegenteilige Entwicklung: der Sozialstaat wird
      abgebaut, die B&#252;rgerrechte werden eingeschr&#228;nkt. Der
      Begriff des Privaten wird durch den Begriff Privatisierung ersetzt,
      aus der Freiheit des einzelnen wird die Freiheit des Geldes. Ein Wort
      hat seinen Sinn ver&#228;ndert.</text>

      <text>W&#228;re das nicht eine Aufgabe f&#252;r's Theater, wurde ich
      gefragt. Ein aktuelles Zeitst&#252;ck dar&#252;ber. Eher ein
      Kriminalroman, habe ich geantwortet. Ich stelle mir vor: im Milieu
      der Geheimverhandlungen &#252;ber GATS ein paar Morde. Gr&#252;nde
      daf&#252;r g&#228;be es genug. Denn es geht um viel, viel mehr Geld
      als bei den allergr&#246;&#223;ten Erbschaften. Da zahlt sich ein
      Mord schon eher aus als f&#252;r die Villa des Onkels. Ich hoffe
      daher schon lange auf einen gescheiten Kriminalroman, der mich
      gleichzeitig &#252;ber GATS, seine Hintergr&#252;nde und seine
      Hinterm&#228;nner informiert. Damit sind wir bei den
      B&#252;chern.</text>

      <text>Wir befinden uns hier in einem Haus der Kunst und der Kultur,
      das ich mit gro&#223;em Respekt betrete. Daher m&#246;chte ich mich
      im dritten und letzten Teil meiner Rede einer kulturellen Frage in
      Verbindung mit dem bisher Gesagten zuwenden, n&#228;mlich: wie sehr
      uns B&#252;cher helfen k&#246;nnen als Ratgeber in der Ratlosigkeit,
      als Trost und auch als Fluchtweg. Ich stamme aus einer Familie, in
      der Lesen zuweilen Leben ersetzt hat. Als meine Mutter zum Sterben
      kam, wollte sie noch einmal die "Odyssee" h&#246;ren - einen
      Reisebericht, den sie, die Nichtreisende, besonders geliebt hat. Und
      da sie zu der Zeit schon halbblind war, hab ich ihr abends
      vorgelesen. Bis zum 8. Gesang sind wir gekommen, dann ist sie
      gestorben.</text>

      <text>Mit einem Wort: Seit meiner Kindheit wei&#223; ich, welche
      unendliche Bereicherung f&#252;r das Leben und selbst noch im Sterben
      B&#252;cher bedeuten k&#246;nnen. Das macht sie uns unentbehrlich,
      kann sie aber auch gef&#228;hrlich machen. Es gibt diese Geschichte
      &#252;ber den franz&#246;sischen Botschafter, der am Hof Maria
      Theresias mit vielen unzensurierten B&#252;chern ankam. Die Kaiserin
      fand das nicht gut. Am Ende kam es sogar zu diplomatischen
      Schwierigkeiten wegen dieser verd&#228;chtigen franz&#246;sischen
      B&#252;cher.</text>

      <text>Und als ein Vierteljahrtausend sp&#228;ter die
      Volxtheaterkarawane aus &#214;sterreich im Berlusconi-Italien
      verhaftet wurde, war es unm&#246;glich, der zust&#228;ndigen
      Ministerin in Wien zu erkl&#228;ren, dass Theaterrequisiten keine
      Waffen sind. Vom Misstrauen der Kaiserin gegen die B&#252;cher spannt
      sich eine schnurgerade Linie zum Misstrauen der Ministerin gegen das
      Theater. Was die Liebe zu Kunst und Literatur betrifft und das
      besondere Verst&#228;ndnis daf&#252;r, hatte &#214;sterreich selten
      Gl&#252;ck mit seinen Regierenden.</text>

      <text>Die B&#252;cher und der Widerstand: Die deutsche
      Schriftstellerin Margarete Hannsmann, die w&#228;hrend der NS-Zeit
      ein junges M&#228;dchen war, erz&#228;hlt in ihrem autobiographischen
      Roman "Der helle Tag bricht an. Ein Kind wird Nazi" folgende
      Geschichte: In einem verbotenen Zimmer, zu dem ihr Vater den
      Schl&#252;ssel hat, liegen verbotene B&#252;cher. Die sollen
      eingestampft werden, weil sie dem Nazigeist widersprechen. Das
      M&#228;dchen liest heimlich darin. Trakl, Lasker-Sch&#252;ler,
      Hofmannsthal, Wedekind, Tucholsky, noch andere. Die Namen sagen dem
      M&#228;dchen nichts, da es eine nationale Erziehung erfahren hat.
      Aber es erkennt die Qualit&#228;t der Texte. Und es liest und liest,
      heimlich jede Nacht. Und dann beschlie&#223;t das M&#228;dchen, diese
      Werke vor der Zerst&#246;rung zu bewahren - nicht f&#252;r sich,
      f&#252;r die ganze Welt. Denn die Welt, f&#252;rchtet das
      M&#228;dchen in seiner Ahnungslosigkeit, wei&#223; nichts von diesen
      B&#252;chern, hat nie von deren Existenz erfahren. Und ihr ganz
      allein ist es aufgetragen, die verbotene Dichtung, die nun vernichtet
      werden soll, f&#252;r die Menschheit zu retten. Unter M&#228;nteln,
      Sch&#252;rzen und Trainingshosen schmuggelt das M&#228;dchen
      B&#252;cher aus dem verbotenen Zimmer an einen geheimen Ort. "Ich
      friere immer so", erkl&#228;rt die Tochter den Eltern die
      Kleiderschichten &#252;bereinander. Und weiter hei&#223;t es im Buch:
      "F&#252;r Ulrike war es, als hinge von ihr ganz allein ab, ob die
      Nachwelt von die sen Dichtern jemals erfahren w&#252;rde." Das ist
      eine zu Tr&#228;nen r&#252;hrende Geschichte von Dichtung und
      jugendlichem Widerstand.</text>

      <text>Wer von Ihnen Freunde in der Tschechoslowakei hinter dem
      Eisernen Vorhang hatte, der konnte selber bescheidene Erfahrungen im
      B&#252;cherschmuggeln sammeln. Vern&#252;nftigerweise hat man den
      "Spiegel" oder "Die Zeit" und eine Tageszeitung offen ins Auto
      gelegt. Die wurden von den tschechischen Z&#246;llnern sofort
      beschlagnahmt. Danach haben sie oft nicht weitergesucht. Ich erinnere
      mich an den "K&#246;nig-David-Bericht" des DDR-Schriftstellers Stefan
      Heym einige Jahre nach der Liquidierung des Prager Fr&#252;hlings,
      ein Roman, der viele tschechische Intellektuelle damals fasziniert
      hat wegen seiner listig verschl&#252;sselten Kritik an
      kommunistischer Herrschaft. Und da dieses Buch mittlerweile durch so
      viele Prager H&#228;nde gegangen war, dass es vollst&#228;ndig
      zerlesen war, hatte ich ein neues gebracht. Was ich mir dabei gedacht
      habe: Wie lange h&#228;lt ein Regime, das sich vor B&#252;chern
      f&#252;rchtet? Es hat noch f&#252;nfzehn Jahre gehalten.</text>

      <text>Wo B&#252;cher eine solche Sprengkraft besitzen, dort werden
      sie auch gelesen. Aber bei uns? Wir erinnern uns noch gut, dass in
      den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts das Ende von Lesen und Schreiben
      zu nahen schien. Zuerst das Fernsehen, dann Video, dann
      Computerspiele, CD-Rom undsoweiter - wer soll da noch lesen?
      Untergehen w&#252;rden wir demn&#228;chst in dieser Bilderflut, vor
      allem die Jungen, die es nicht anders kennen, haben uns
      Kulturpessimisten damals prophezeit - eine sprachlose Welt.
      Eingetreten ist interessanterweise das Gegenteil. Erstens einmal wird
      neuerdings geredet und geredet. Handys in der Stra&#223;enbahn, im
      Restaurant, im Wartezimmer - und &#252;berall ein bisschen zu laut.
      Und zweitens: Mit Internet, e-mail und SMS hat eine neue
      Schriftlichkeit in die Kultur Einzug gehalten - mag sein, mit
      merkw&#252;rdiger Orthographie und ohne Satzzeichen und
      grammatikalisch verst&#252;mmelt, aber: es wird wieder geschrieben
      und gelesen wie seit langem nicht. Und daraus entsteht auch eine neue
      Art von Literatur. Ob die h&#228;lt, wird sich weisen. Allerdings:
      Auf "Briefe an Milena" wage ich auf diesem Wege nicht zu
      hoffen.</text>

      <text>Und die B&#252;cher? Eine Studie der jungen M&#252;hlviertler
      Kommunikationswissenschafterin Margit B&#246;ck vor wenigen Jahren
      hat ergeben, dass der Anteil der regelm&#228;&#223;igen
      Buchleserinnen und -leser im letzten Vierteljahrhundert gestiegen
      ist, wobei das Lesen zur Information st&#228;rker zunimmt als das
      Lesen zur Unterhaltung. Und dass Frauen mehr lesen als M&#228;nner,
      ist ja schon lange bekannt. Und wie "Harry Potter" die Kinder
      weltweit zum Lesen verf&#252;hrt, ist ein Ph&#228;nomen eigener
      Art.</text>

      <text>Dabei gibt es einen neuen Typus von Lesenden, der v&#246;llig
      unsystematisch querfeldein liest, Gedichte von Matthias Claudius und
      Geschichten von Charles Bukowski nebeneinander. Der Verleger Klaus
      Wagenbach nennt das den "wilden Leser". Die Antwort besorgter
      Kritiker, die das f&#252;r einen Sauhaufen in den K&#246;pfen der
      Lesenden halten, ist der Literaturkanon. Die Listen schie&#223;en aus
      dem Boden: Das musst du gelesen haben und jenes solltest du! Das ist
      nat&#252;rlich trivial und erinnert an die Deutschlehrer von
      vorgestern und manche Schriftsteller reagieren wie Peter Handke
      entsprechend w&#252;tend und humorlos darauf - aber andererseits: Was
      spricht dagegen, dem Firmling zum Eintritt ins Erwachsenenleben die
      angeblich wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts zu schenken? Mir
      ist schon klar, wie altmodisch solche bildungsbeflissenen Hinweise
      heute klingen, aber Bildung klang immer schon ein wenig altmodisch -
      und dazu soll man auch stehen.</text>

      <text>Einen Bildungsauftrag hat im &#252;brigen auch unser Fernsehen.
      Zum Teil erf&#252;llt es ihn. Da gibt es zum Beispiel diesen Quiz mit
      Armin Assinger. Zun&#228;chst ist es von hoher Symbolkraft, dass der
      Moderator kein urbaner Typ mit Brille ist, sondern ein K&#228;rntner
      Skifahrer. Das scheint mir raffiniert &#252;berlegt. Damit soll die
      Zugangsschwelle gesenkt, der Bildung das Abschreckende genommen
      werden. Manche von uns denken dabei allerdings unwillk&#252;rlich an
      den Spruch der 68er-Kinder: Wissen ist Macht, Nichtwissen macht
      nichts.</text>

      <text>Andererseits macht es aber doch was, weil man f&#252;r's
      Nichtwissen im Fernsehen weniger Geld kriegt. Das ist die Botschaft.
      Selbst auf die Gefahr hin, &#252;berheblich zu wirken - und die ist
      in dem Zusammenhang enorm, "bildungsb&#252;rgerlichen D&#252;nkel"
      hat man so etwas fr&#252;her zu Recht genannt; dazu kommt noch, dass
      wir dazu neigen, gerade das f&#252;r Bildung zu halten, wor&#252;ber
      wir selber Bescheid wissen -, aber trotzdem: eine Anglistikstudentin,
      die "Ein idealer Gatte" nicht Oscar Wilde zuordnen kann,
      verbl&#252;fft doch, und ein Kandidat, der sich bei Kandinsky nicht
      zwischen "Blauer Reiter", "Roter Hund" und "Gelber Papagei"
      entscheiden kann, ebenso, da doch auf dem Kunstmarkt und
      Ausstellungssektor zur Zeit nichts so boomt wie Klassische Moderne.
      Soweit das Ergebnis von einmal zuschauen. Aber im &#252;brigen ist es
      fein, dass ein ganz altmodischer Bildungsquiz, wenn er von einem
      kommerziellen Ideenlieferanten neu erfunden wird, im Fernsehen wieder
      erfolgreich ist.</text>

      <text>Was dabei offensichtlich wird, ist, dass jede Generation ein
      St&#252;ck Bildungsgut ihrer Vorfahren wegsprengt, um Platz zu machen
      f&#252;r Neues. Wir wissen entschieden weniger &#252;ber Goethe als
      unsere gebildeten Eltern und Gro&#223;eltern und noch weniger
      &#252;ber Gottsched und Klopstock, weil Literatur und Kritik des 18.
      Jahrhunderts allm&#228;hlich im Dunkel versinken und den Spezialisten
      &#252;berlassen bleiben. Daf&#252;r kennen wir uns immer noch recht
      gut im 19. aus mit Stendhal und Stifter und Gogol, aber es scheint,
      als entschwinde den heute Jungen auch dieses und wird ersetzt durch
      neues Wissen, f&#252;r das meiner Generation h&#228;ufig jedes
      Verst&#228;ndnis fehlt. Auf diesem Wege h&#228;lt zwangsl&#228;ufig
      jede Generation die nachfolgende f&#252;r weniger gebildet.</text>

      <text>Darum w&#228;re es klug, diesen Kulturpessimismus, der uns alle
      von Zeit zu Zeit &#252;berf&#228;llt, auf Distanz zu halten. Dazu
      passt eine f&#252;nfzig Jahre alte kleine Geschichte, f&#252;r deren
      Wahrheitsgehalt ich mich allerdings nicht verb&#252;rgen kann: Drei
      Monate nach Einf&#252;hrung des Fernsehens in der Bundesrepublik
      Deutschland wollte erstmals ein Institut wissen, wie den Menschen das
      neue Medium gef&#228;llt. &#220;berwiegende Antwort: das Programm
      wird immer schlechter.</text>

      <text>Diesem Satz wohnt eine zeitlose G&#252;ltigkeit inne. Es gibt
      ein Repertoire des Kulturpessimismus, das letztlich immer passt, das
      aber auch l&#228;hmt und den Blick verstellt f&#252;r gro&#223;e
      Fragen der Zeit, zu deren Bew&#228;ltigung wir vielleicht sogar
      selber einen sandkorngro&#223;en Beitrag leisten k&#246;nnten.</text>

      <text>No man is an Island", beginnt jenes wundervolle Gedicht von
      John Donne, das Hemingway als Motto gew&#228;hlt hat f&#252;r seinen
      Roman "Wem die Stunde schl&#228;gt." Und damit, gesch&#228;tzte
      Festg&#228;ste, w&#228;ren wir wieder beim Ausgangspunkt dieser
      &#220;berlegungen angelangt. Es n&#252;tzt nichts: Nachdenken
      m&#252;ssen die Menschen schon selber.</text>

      <text>Dr. Peter Huemer, profunder Kenner der Literatur, Historiker
      und seit 1969 als Journalist t&#228;tig, bestreitet als
      geb&#252;rtiger Linzer und Festredner beim diesj&#228;hrigen
      Brucknerfest 2003 ein ehrenvolles Heimspiel. 1941 in Linz geboren,
      studierte Huemer Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der
      Universit&#228;t Wien, bevor er 1969 zun&#228;chst in der
      Dokumentationsabteilung des ORF begann. Von 1974 bis 1976 arbeitete
      er bei Claus Gatterers "teleobjektiv" mit, bevor er f&#252;r rund
      zehn Jahre die Leitung der legend&#228;ren Talk-Show "Club 2"
      &#252;bernahm, von 1987 bis 2002 leitete er im Radio die Reihe "Im
      Gespr&#228;ch" und moderierte bis 2001 bei 3sat "Berliner
      Begegnungen". Dr. Peter Huemer erhielt zahlreiche Auszeichnungen
      f&#252;r seine wissenschaftliche und journalistische Arbeit.
      Publikationen: "Sektionschef Robert Hecht und die Zerst&#246;rung der
      Demokratie in &#214;sterreich" (1975) "Im Gespr&#228;ch" (1993)
      daneben eine Vielzahl von Buchbeitr&#228;gen zur
      &#246;sterreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert Hrgb.:
      "Unterwerfung. &#220;ber den destruktiven Gehorsam" (1990, gemeinsam
      mit Grete Schurz) "Viktor Matejka - Das Buch Nr. 3" (1993)</text>
    </absatz>
  </inhalt>

  <fuss />
</document>
